Achtungsvoll streiten

Von Jürgen Israel

Calvin hatte Melanchthon ge­beten, ein Treffen führender luthe­rischer und reformierter Theologen einzuberufen. Dieses Treffen sollte der Annäherung beider Glaubensrichtungen dienen. Melanchthon war darauf nicht eingegangen. Nun schlägt Calvin erneut ein solches Treffen vor, an dem alle teilnehmen, „denen die Ruhe der Kirche am Herzen liegt“.

Mit „Ruhe“ ist nicht Friedhofsruhe gemeint. Um den rechten Glauben sollen wir uns ernsthaft bemühen und auch streiten. Aber unser Streiten soll andere nicht verletzen. Wir sollen uns nicht streiten um des Streitens, sondern um der Wahrheit willen. Diese Briefstelle hält uns zum achtungsvollen Streiten an.

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Luther? Ungefragt

Von Matthias Brix

Aus Luther kann man sich nichts machen oder alles, eine Spielzeugfigur, die meistverkaufte von Playmobil (steht bei mir) oder einen Namenszusatz auf dem Bahnhofsschild „Lutherstadt Wittenberg“. Wer liest das? Wer spielt mit Luther? Welche Rolle geben wir ihm? Über die Jahrhunderte hat er schon jede Rolle gespielt, immer als Held.

Bei mir sitzt er in sich zusammengesunken im Regal. Ich nehme ihn heraus und stelle ihn ins Bad auf die Spiegelkonsole. Als ich mich nach dem Duschen ansehe, lese ich auf dem ­beschlagenen Glas: „Er wird dich fragen, wo du deine Dornenkrone, dein Kreuz, Nägel und Geißel hast, ob du auch der ganzen Welt ein Greul gewesen bist.“ Das

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Töten heißt töten

Von Uli Schulte Döinghaus

Auf diesen Seiten der Kirchenzeitung, liebe Leserinnen und Leser, lesen Sie interessante Einsichten in das Für und Wider von heutiger Militärseelsorge. Wie ein fast 500 Jahre alter, zugleich hoch­aktueller Kommentar dazu klingt, was Sebastian Castellio seinem Widersacher Johannes Calvin entgegenhielt: „Das Schwert wird für das Reich Christi nicht gebraucht, außer um Christus und die Seinen zu töten.“ Castellio schrieb es, nachdem er von der qualvollen Verbrennung des Michael Servet erfahren hatte. Servet, der leise Glaubenszweifel (etwa an der Trinität) geäußert hatte, starb auf Betreiben des obersten Genfer Geistlichen Calvin als Häretiker auf dem Scheiterhaufen der stadtbürgerschaftlichen Obrigkeit. Was Castellio einer obrigkeits­fixierten und mörderischen Dogmatik entgegenhielt, war Toleranz, Nächstenliebe, Friedfertigkeit, ­Vernunft, Vielfalt, Religions- und Gewissensfreiheit im friedlichen Ringen um christliche Gnade und Wahrheit.

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Wahre Wohltat

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Man sieht es den Bildnissen ­seiner Zeit an: Melanchthon war ein Gelehrter durch und durch. Hochgebildet, fleißig, dabei asketisch und weltfremd. Einer, den man sich – anders als seinen Freund und Weggefährten Martin Luther – nicht gut mit einem derben Spruch auf den Lippen und dem Bierkrug in der Hand vorstellen kann. Ein Schreibtischhocker, der sich mit Frauen schwer tat, bis er am Ende nur durch hartnäckiges Zureden doch noch heiratete. Bleich und schmal und spitz auf den Bildern eines Lucas Cranach, ein „Nerd“, ein Sonderling – würde man heute wohl sagen.

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Tut etwas Tapferes

Von Rolf Wischnath

Waren die Reformatoren „besonnen“? Mitnichten. Immer wieder erfahren sie es: Das Evangelium ruft Widerstand hervor. Und sie sehen sich darum herausgefordert zu widerständigen Worten und Taten. Von „Besonnenheit“ – wie das griechische Wort „sophronismus“ zum Beispiel im 2. Timotheusbrief 1,7 gern übersetzt wird – sprechen sie nicht. Der Begriff kommt weder in Luthers Übersetzung noch in der alten Zürcher ­Bibel vor. Für die reformatorischen Akteure gibt es ja kaum Gelegenheit zu einer „Besonnenheit“, die sich als Sanftheit und Ruhe, als Bedachtsamkeit und Ausgeglichenheit äußert, als überlegte, selbstbestimmte Gelassenheit. Die Neuentdeckung des Evangeliums ist stattdessen oft verbunden mit Schmerzen und Herzweh, mit Niedergeschlagenheit und Verzagtheit, mit Niederlagen und Tränen, mit Aufgebrachtheit und Zorn.

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Besonderes Priestertum?

Von Bernd Krebs

In einem Teil unserer Pfarrerschaft herrscht ein ausgeprägtes Bedürfnis, sich im Alltag von anderen Mitarbeitenden durch das permanente Anlegen von Collarhemden, einem weißen oder schwarzen Hemd mit Stehkragen, abheben zu wollen. Ich weiß, dass es Situationen gibt, in denen die Erkennbarkeit als Pfarrerin oder Pfarrer ge­boten sein kann. Sich dauerhaft in solcher Weise darzustellen, halte ich jedoch für fraglich. Luthers Einsicht, dass es kein besonderes Priestertum, sondern allein ein „allgemeines Priestertum“ gibt, war eine Konsequenz der Rechtfertigungslehre. Durch die Taufe werden alle zu „Priestern“, denen der Auftrag ­gegeben ist, das Evangelium zu ­bezeugen, Seelsorge zu üben und die Kirche (auf den verschiedenen Ebenen) zu leiten.

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Konkurrenz für Jesus

Von Jürgen Wandel

Um ihren römisch-katholischen Kollegen die Mitfeier zu erleichtern, wollen evangelische Bischöfe das Reformationsjubiläum als „Christusfest“ begehen. Dabei ­besteht das unterschiedliche Verständnis Christi weiter, das in der Reformationszeit aufbrach. So rufen römische Katholiken die Heiligen in der Allerheiligenlitanei an: „Bittet für uns.“ Das Augsburger ­Bekenntnis der Lutheraner hält ­dagegen, dass Christus der „einzige Fürsprecher vor Gott“ ist.

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Frag nach Wichtigem

Von Beate Wolf

Da ist sie wieder, diese komische Frage! Nach einem schönen Festgottesdienst werde ich regel­mäßig gefragt, ob ich eigentlich ­katholisch oder evangelisch sei.

Früher habe ich noch eifrig den Unterschied erklärt – der dann doch niemanden interessiert hat. Heute zucke ich mit den Schultern. „Spielt das eine Rolle?“ stelle ich die Gegenfrage. Letztlich geht es nur um Klischees und damit um eine gewisse Denkfaulheit. Katholisch – das sind die mit dem sexuellen Missbrauch und dem Bischof von Limburg. Evangelisch – das sind die, wo Männer (!) heiraten dürfen. Gegen Klischees zu kämpfen nervt und bringt wenig. Das, was wirklich wichtig ist, geht unter.

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Kirchenmutter mit Haltung

Von Uwe Baumann

Weiß Gott, was für eine mutige Frau, diese Katharina Zell. In einem liberalen Elternhaus groß geworden verschlingt sie Bücher und Schriftkram in Größenordnungen und versucht, in der Bibel den gnädigen Gott zu finden. Sie stieß jedoch auf die Diskrepanz zwischen Evangelium, praktischer Verkündigung und der Völlerei etlicher Priester mit ausdrücklicher Billigung der kirchlichen Teppich-Etage.

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Bildung kostet, Unbildung ist teurer

Von Helmut Ruppel

„Die Deutschen“, schreibt Martin Luther, heißen „in aller Welt Bestien.“ Sie können nichts mehr als „Krieg führen, fressen und saufen“. Der Weg von den deutschen Bestien zur deutschen Bildungs­nation war lang, windungsreich und von Abstürzen begleitet. Der Impuls Luthers – und mit Respekt: Melanchthons – ist in seiner Langzeitwirkung dennoch einmalig. 

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