Eine sinnliche Wegbereiterin

Von Ulrike Trautwein

Die Bibel. Das Buch der Bücher. Glaubenszeugnis der Juden und Christen. Weltliteratur. Manchmal vergesse ich das. Die Schöpfungsgeschichte, die Segnung Abrahams, die Sintfluterzählung, der Auszug Israels aus Ägypten, das Schicksal Hiobs, die Prophetenbücher, die Psalmen und natürlich die Geschichte Jesu und der ersten Christen. Was für großartige Texte voller Reichtum und Tiefe!

Viel zu selten stöbere ich in der Bibel herum. Einfach so. Zweckfrei. Aus Lust. Aus Herzensfreude. Für alles und jedes nehme ich mir Zeit, aber für das kreuz und quer Herumwandern in den biblischen Texten fehlt mir oft die Muße. Manchmal finde ich die Texte auch zu schwer und zu sperrig; oder ich meine, sie schon allzu gut zu kennen. Und dann staune ich wieder, was sich da noch alles verbirgt, gerade auch in bekannten Geschichten.

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In das Leben übersetzen

Von Viola Kennert

Der Mythos vom einsamen Martin Luther, der sich über die hebräisch und griechisch geschriebene heilige Schrift beugt, ist nur langsam der Erkenntnis gewachsen, dass dieses wunderbare Werk der Bibelübersetzung eine echte Teamarbeit war. Mehr noch: Martin Luther setzt auf „empowerment“, Befähigung: Jede Stadt, jede Gemeinde mache sich an die schöne anstrengende Arbeit, um die Botschaft der heiligen Schriften in und für das Leben zu übersetzen! Der Weg von Worten und Wörtern von einer Sprache in eine andere geht nicht ohne Verluste und Hinzufügungen aus. Übersetzungsarbeit ist Alltagsarbeit der Theologie und in der Gemeinde: Verlorenes hervorbringen oder Hinzugekommenes weglassen. Das Wort Gottes birgt sich in den heiligen Schriften – es erklingt und entfaltet seine Kraft in der Sprache, die Menschen verstehen. Die heilige Mitte ist der Gottesname – unfassbar, heilig – vielfältig übersetzbar.

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Auf Hoffnung hoffen

Von Frank Schürer-Behrmann

Dieses Zitat von Martin Luther habe ich beim Theologen Ulrich Bach entdeckt. Bach erkrankte während seines Studiums an Kinderlähmung und war fast 50 Jahre auf den Rollstuhl angewiesen. Er hat also erlebt, wie es ist, wenn Gott „sich nach all unserem ­Empfinden hart und zornig stellt“.

­Warum ich? Warum müssen ­Menschen Krankheit, Unglücke und Gewalt erleben, und alles, was sie nach sich ziehen? Luther spült diese Emotionen nicht weich. Aufs Ganze betrachtet spricht mindestens so viel gegen ­einen „lieben Gott“ wie für ihn. Ob Luthers Hadern mit Gott an­gesichts des Todes seiner Tochter Magdalena im Film „Katharina Luther“ historisch genau dargestellt war? Realistisch war es sicher. Das Zitat zeigt, er wusste, was es heißt, mit einem harten Schicksal zu ­ringen. Aber eben zu ringen. Er lässt dem bösen Schicksal nicht das letzte Wort. Sondern gegen den Anschein gibt er die Hoffnung nicht auf und sucht nach Gottes Güte in seinen Zumutungen. Das ist der Glaube, der uns selig macht. Der ist allerdings keine Willens­leistung, sondern eine Kunst, eine Gnade.

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Mut macht selig

Von Amet Bick

Vertraute Denkmuster zu verlassen erfordert Mut. Die eigene Meinung zu vertreten, Grenzen zu überschreiten, Ungewissheit zu ­riskieren ebenso. Da scheint es ­sicherer, einfach mit dem Strom zu schwimmen. In der Gruppe aufzugehen, unauffällig zu bleiben. Bequemer ist es allemal. 

Wer bestimmt die Regeln? Und was passiert, wenn ich dagegen verstoße? Welchen Preis zahle ich dafür? Oft sind wir so damit beschäftigt, mitzubekommen, welche Erwartungen andere an uns haben und diese zu erfüllen, dass wir unsere innere Stimme gar nicht mehr wahrnehmen. Wir bemühen uns stetig, uns anzupassen und fragen nicht, was wir eigentlich wirklich wollen. Gehe ich meinem Weg oder trotte ich nur den anderen hinterher?

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Funkstille brechen

Von Linda Hochheimer 

Es herrscht Stille. Keine Nachricht, keine E-Mail, kein Telefonat, kein Brief. Stattdessen totale Funkstille. Eine lebensfeindliche Stille. Der ist für mich gestorben.

Streit geht mit starken Gefühlen einher. Er ist mächtig und fähig, jahrelange Beziehungen zerbrechen zu ­lassen. Lange Freundschaften verstummen, sogar Familien werden auseinandergerissen. In der Bibel gibt es eine solche Geschichte, in der Brüder über Jahre hinweg nicht miteinander ­reden. Die Söhne Jakobs verkaufen ihren kleinen Bruder Josef aus Neid und Missgunst an die Ägypter. Es dauert Jahre, bis sie wieder zueinanderkommen und die Brüder sich vor Josef auf den Boden werfen.

„Es tut mir leid.“ Wo diese Worte ehrlich ausgesprochen werden, weiß ich, der andere geht weit aus sich heraus. Er begibt sich ins Leere, denn er weiß nicht, wird er gehört? Kommt etwas zurück? Wird ihm vergeben?

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Misstrauen überwinden

Von Jutta Schreur

Dreißig Jahre lang war Mario starker Raucher. Vor zwei Monaten hat er aufgehört. Keine leichte ­Entscheidung, aber er schlägt sich wacker. Im Büro, zu Besuch bei Freunden und selbst abends in der Kneipe geht es besser als erwartet. Wirklich schwer, sagt Mario, seien die ganz normalen Zeiten zu Hause. Die Alltagssituationen, in denen die ­Zigarette Belohnung, Rettungsanker oder Stresslöser war; sie gehörte zum Morgenritual oder zur Feierabendentspannung.

Diese schlechte Gewohnheit, sagt Marios Nichtraucher-App, sollte durch gute Gewohnheiten ersetzt und ­damit überwunden werden. Eine Runde um den Block gehen, ein spannendes Buch lesen, ein Bad nehmen. Allein, so einfach ist es nicht; die Wirkung all dieser Alternativen ist mit dem gewohnten Nikotinkick nicht vergleichbar.

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Demütig bleiben

Von Jürgen Israel

In einem Gedicht des jüdischen Dichters Schalom Ben-Chorin heißt es: „So einfach und so schwer / hat Gott den Weg beschrieben.“ Ja, so einfach, so klar ist Gottes Wille ausgesagt. Und zugleich so schwer, weil wir keine Ausreden finden, weil wir unser selbstsüchtiges Leben ändern müssen.

Was heißt das für uns Christen in Deutsch­land im Jahr 2016? Das heißt: ­Obdachlose aufnehmen, Hungrigen Nahrung geben, Arme mit Kleidung versorgen. Das heißt auch, ihre Fremdartigkeit akzeptieren, ganz gleich, ob sie aus Deutschland stammen oder ob sie eine gefähr­liche Flucht aus Kriegs- und Hungergebieten hinter sich haben. Und dabei demütig bleiben, weder Lob noch Dank erwarten.

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Brüderchen und Schwesterchen

Von Sibylle Sterzik

Ordensschwester, Kegelbruder, großer Bruder Russland. Brüder gibt’s allerhand und sehr verschiedene, Schwestern auch. Pfarrer ­sagen „Bruder“ zueinander, Pfarrerinnen „Schwester“. Vertraut klingt das und liebevoll. Manche lassen es lieber. Wenn Clinch in der Luft liegt oder der andere gerade mit nicht sehr freundlichen Mails an die Superintendentin das Vertrauen zerrüttet. Das gibt’s auch ­unter Christen. Wieso auch nicht. In der Bibel war’s auch schon so. Kain erschlug den Abel, die Brüder verkauften Joseph, Jakob betrog Esau um den väterlichen Segen.

Mit Brüdern oder Schwestern kann man Pferde stehlen, sich an die Gurgel gehen oder tun als geb’s einander nicht. Das wechselt manchmal über die Jahre. Vertraut und eng in Kindertagen gehen ­Brüder und Schwestern ­später ­eigene Wege. Abraham und Lot, Onkel und Neffe, machten das auch so. Besser weit weg als ­ständig Hauen und Stechen.

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So einfach ist das nicht

Von Angelika Obert

Sophie Scholl zum Beispiel. Die betende 22-Jährige, die den Widerstand wagt, alle Angstbarrieren und auch die gebotene Vorsicht überschreitet, im Traum das Himmelslicht sieht, schließlich aufrechten Hauptes ihrer Hinrichtung entgegengeht – ihr Glaube hat die Welt überwunden. Dafür bewundern wir sie. Für die ­eigenen Kinder wünschen wir uns wohl lieber eine schöne Karriere, also auch eine mühelose Anpassungs­fähigkeit an die Spielregeln dieser Welt. Wir leben ja auch nicht in ­einer mörderischen Diktatur. Um passabel dazustehen, müssen wir uns nur der Logik des Geldes ­fügen, der Logik des Wettbewerbs, des Gewinns, des Erfolgs. Was ist falsch daran? Haben Geld und Erfolg nicht immer die Vernunft auf ihrer Seite?

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Unvergängliche Kraft

Von Angelika Behnke

„Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Regisseur Woody Allen bringt mit Augenzwinkern auf den Punkt, was viele Menschen beschäftigt: die Angst vor dem Ende und der Endlichkeit des Lebens. Jedoch: Wir sind ja oft beim Sterben dabei. Erleben mit, wenn es passiert, dass wir an unsere Grenzen kommen – nicht erst im letzten Viertel unserer Jahre, nicht allein im Hospiz und auf der Intensivstation.

Ein Schulkind nimmt wahr, dass den Klassenkameraden das Lernen leichter fällt; selbst muss es die Klasse wiederholen. Chancen und Mühen – begrenzt. Eine Partnerschaft zerbricht – Beziehungen sind endlich. Auch der Wahlerfolg der AfD lässt die Angst vor Endlichkeit und begrenzten Ressourcen unheilvoll aufblitzen.
Angst – eine Macht, die sich unser bemächtigt. Entweder stellt sie vollkommen ruhig oder sie macht aggressiv; so oder so: tödlich. Die Rattenfänger der Geängs­tigten pfeifen ihre verführerischen Melodien und locken ihre Anhänger aus Stadt und Gemeinwesen heraus.

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