Aus lauter Liebe

Von Helmut Ruppel

„Gott hat das erste Wort“, „Gott hat das letzte Wort“, „Gott steht am Anbeginn und er wird alles enden.“ Klingt da Jubel auf oder bricht sich Trotz Bahn? Sind das Vertrauenssätze oder geradezu unwirsche ­Gegenrede?

„Ich bin das A und O“ der Johannes-Apokalypse ist jedenfalls die stürmischste Bestreitung des ­römischen Machtanspruchs! In „Mein Hirte ist der Herr“ (Psalm 23) klingt der Widerstand durch gegenüber allen, die sich als „mein Hirte“, mein Machthaber aufspielen wollen. Die Bibel ist auch ein Buch der ­Gegen-Worte!

„... und er wird alles enden“ (Strophe 5). Wir werden immer unsicherer: Wie oft sind es die Lügner, die als Letzte ­lachen, die Blender, die Profiteure, die Schlepper, die Schinder, die Seelenschänder? Wir möchten so oft beten: „Lass es nicht das Unrecht sein, Gott, das als Letztes lacht!“

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Standhalten

Von Angelika Obert

Tröstlich klingt es, davon zu singen, dass alle Morgen nicht nur ein mühseliger Arbeitstag auf mich wartet, sondern auch die Liebe Gottes mich umhüllen will. Doch es geht im Lied vor allem um’s Standhalten. Jochen Klepper hat es an einem Aprilmorgen 1938 geschrieben, als er und seine jüdischen Angehörigen schon bedroht waren. Das biblische Lied vom Knecht Gottes hat ihn dabei inspiriert, von dem es bei Jesaja heißt, dass er der Schmach und den Schlägen nicht ausweicht, dass er vielmehr „sein Angesicht hart wie einen Kiesel“ gemacht hat (Jesaja 50,4–8).

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Und bin nicht bang

Von  Alexander Höner

Eine Diakonisse fragte mich neulich, wie ich das meinte, dass die Kindertaufe ein Übergangsritual vom Nichtsein ins Leben sei. „Was soll das sein: Nichtsein?“ Sie hat Recht.

Ich war mit meinen Worten unvorsichtig. Bevor wir auf die Welt kommen, sind wir schon. Wir sind im Atem Gottes, bevor er uns ausspricht. Das weiß auch die zweite Strophe des Wochenliedes: „Sprach schon vor Nacht und Tag, / vor meinem Nein und Ja. / Stimme, die alles trägt: / Hab keine Angst, ich bin da.“ Und sei es auch ein Selbstgespräch Gottes und wir ein Teil von ihm. Auch die vierte Strophe ist ­außergewöhnlich: „Wird es dann wieder leer, / teilen die Leere wir. / Seh’ dich nicht, hör nichts mehr –/ und bin nicht bang: Du bist hier.“

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Liebe „zeigen“

Von Wolf Krötke

Der Ort, an den wir gestellt sind“ – für Menschen mit DDR-Erfahrung klingt das vertraut. Vor dem Mauerbau war in den DDR-Kirchen die Meinung verbreitet, dass es sich beim sozialistischen Staat nur um eine Übergangserscheinung handle. Es galt „zu überwintern“. Vielen Gemeindegliedern dauerte das zu lange. Sie flohen. Nach 1961 bestand diese Möglichkeit nicht mehr. Es galt nun für alle in der Kirche, „den Ort anzunehmen, an den wir gestellt sind“.

Das Lied des Mecklenburgischen Jugendpastors Walter Schulz von 1962 spiegelt diese Situation. Es ist für einen Jugendgottesdienst geschrieben. Es will jungen Christinnen und Christen sagen: Resigniert nicht, wenn der atheistische Weltanschauungsstaat euch das Leben schwer macht! Gottes Liebe zu „dieser Welt“ hat einen langen Atem. Gehört euer Leben diesem Gott, dann könnt ihr mit starkem Rückhalt mutig überall davon reden. Ihr könnt „zeigen“, wie ausdauernd Gottes Liebe allen Menschen gilt und sie auch befähigt, für eine freie, gerechte Gesellschaft einzutreten.

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Kalte Werke

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Zeiten ändern sich. Vor 40 Jahren lief die amerikanische TV-Serie „Holocaust“: Sie löste Scham, Entsetzen und schmerzhafte Fragen in deutschen Familien aus. Ich war elf und durfte die Serie nicht schauen. Eine Szene sah ich doch, sie ließ mich nicht los, bis heute: Meryl Streep, als Inga Weiss im Film verheiratet mit einem Juden, wird gezwungen, im Ghetto zwischen ihren beiden Kindern zu wählen: Welches kommt in die Gaskammer? Sie weigert sich, man droht, ihr beide Kinder zu nehmen. Verzweifelt ruft sie nach dem Jüngeren. Die Tochter wird ihr weggerissen. Deren Schreie nach der Mutter waren das Schrecklichste, was ich bis dahin im TV erlebt hatte.

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Bleib bei uns, Herr

Von Jürgen Israel

Die Kerzen sind niedergebrannt, die Christbäume entsorgt, die letzten ­Besucher abgereist. Immer wieder hören wir, dass jemand den Weihnachtsblues habe: eine melancho­lische, traurige Stimmung, dass die hellen Tage vorbei sind. Und wenn wir uns fragen, ob unser Leben durch Weihnachten und Epiphanias verändert, ob es anders geworden sei, dann müssen die meisten Menschen sagen: Es ist alles beim Alten geblieben. Und wenn die glücklichen Tage auch noch so schön waren, sie sind vergangen.

In dieser trüben Stimmung bittet unser Wochenlied: Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, führ uns durch Finsternis zum Licht.

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Zeit der Hoffnung

 

Von Friederike Höhn

Die Adventszeit wird gerne als Zeit des Wartens und der Vorfreude beschrieben. Doch das greift zu kurz. Im Advent wird Hoffnung ganz deutlich sichtbar, mit Händen greifbar. Das wird auch deutlich in den Liedern, die wir singen. Nicht in den fröhlich klingenden, sondern in den getragenen. In denen, die uns ­innerlich ruhig werden, das ganze Außenrum vergessen lassen, die uns trösten und hoffnungsvoll stimmen.

Als Jochen Klepper zum Dritten Advent 1937 dieses Lied schrieb, durfte er nicht mehr arbeiten, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Freunde wendeten sich von ihm ab, er hat Grund zu zweifeln und sich verlassen zu fühlen.

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Auf Empfang

Von Beate Wolf

Wie soll ich dich empfangen, Jesus, wenn du wirklich kommst? Soll ich mein Bad vorher putzen? Das mache ich immer, wenn ich nervös bin. Kommst du allein oder mit anderen – ich frag nur wegen des Essens. Werde ich überhaupt ein Wort rauskriegen vor Aufregung? Oder soll ich mich mal lieber beruhigen und „ganz ich selbst sein“, wie meine Supervisorin immer so bedeutungsschwanger sagt. Ich weiß nie, was sie damit meint.

Wie soll ich dich empfangen? Soll ich schon mal alle meine Fehler und Macken und Schandtaten aufschreiben, damit wir die Liste in Ruhe durchgehen können? Oder ist es völlig wurscht, was ich tue und wo ich bin, weil du allein den Zeitpunkt und den Ort bestimmen wirst? Aber wie wird es sein? Wie ein Schock oder eher wie Rettung in letzter Sekunde?

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Das besondere Privileg

Von Jens Blanck

Am frühen Morgen vor der ersten Stunde Religionsunterricht: Schülerinnen und Schüler kommen müde in den Raum und einige legen ihren Kopf auf den Tisch. Ich frage, ob sie denn an diesem Morgen schon fünf Mal vor Freude in die Höhe gesprungen sind. Dann heben sie fragende die Köpfe: „Wieso das denn?“

Ich sage: „Zum Beispiel, weil ihr gesund seid, weil ihr was zu essen und zu trinken habt, weil ihr Menschen um euch habt, die euch lieben, weil ihr zur Schule gehen könnt.“ Ups, dann kommt der erste Einwand: „Schule? Nee! Und die anderen ­Sachen sind doch Selbstverständlichkeiten.“ – „Was, Gesundheit eine Selbstverständlichkeit? Wohl lange nicht krank gewesen? Und gerade das Erntedankfest macht uns doch jedes Jahr deutlich, dass unsere Lebensmittel nicht selbstverständlich sind.“

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Von Taten und Wundern reden

Von Linda Hochheimer

Wie kann ich von Gott reden? Im Laufe meines Theologiestudiums habe ich darauf viele Antworten gefunden. Ich bin die Regalmeter in der Bibliothek abgelaufen, habe mir eine Dogmatik gegriffen, die nächste stehen lassen und dann wieder in einer anderen geblättert. Es war spannend zu sehen, wie alles miteinander zusammenhängt und wie verschiedene Theologen die christliche Lehre plausibilisieren. Wie umfassend die christliche Lehre ist, lässt das Apostolische Glaubensbekenntnis erahnen. Im Alltag jedoch, in der Auseinandersetzung mit Freunden, in tiefgehenden Gesprächen, wenn es spät wurde auf Feiern und in der Gemeinde ließen mich die verschiedenen Dogmatiken oft im Stich. Schlagfertig war ich damit nicht, wenn mich jemand nach Gott oder Jesus Christus fragte. Zu kompliziert und einfach zu lang waren die Erklärungen, die folgen mussten. Was so sperrig für den Kopf ist, geht noch viel schwerer ein ins Herz.

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