Passionszeit ist Bedenkzeit

Von Thilo Haak

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken. So schreibt es uns der sächsische Professor der Dichtkunst Christian Fürchtegott Gellert 1757 auf. Vor uns liegt die Karwoche, die letzte der sieben Wochen Passionszeit. Seit über einem Monat gehen wir in Gedanken, Worten und Taten durch die Leidenszeit Jesu. Unsere Gedanken wandern von den Ankündigungen seines Kreuzestodes hinauf nach Golgatha, dem Ort der Kreuzigung. Es ist keine einfache Zeit, denn sie bringt keine einfachen Fragen mit sich: Warum musste Jesus leiden? Warum musste er sterben? Welchen Sinn hat sein Tod?

Passionszeit ist Bedenkzeit! Sie ist nicht unbedingt Antwortzeit, denn die Antwort auf den Sinn des Todes Jesu gibt erst Ostern. Auf so einer ­Gedankenreise, die mich an Orte wie Bethanien, zu ungerechten Richtern wie Pilatus oder auf den Kalvarienberg führt, da kann ich schon mal schwach werden. Vor allem, wenn die Talfahrt des Bedenkens so lange geht. Da ist vielleicht so manches Fastenvorhaben vom Aschermittwoch wieder gebrochen.

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Das Kreuz wird ­Lebensbaum

Von Ulrike Trautwein

Vom Kreuz, wirklich vom Sinn des Kreuzes zu reden – wie soll man das heute machen? Im Gesangbuchlied „Holz auf Jesu Schulter“ tut der ehemalige Berliner Theologieprofessor Jürgen Henkys genau das, indem er das Lied „Met de Boom des Levens“ übersetzt. Der reformierte niederländische Pfarrers Willem Barnard hat es geschrieben.

Henkys und Barnard sprechen in den ersten fünf Strophen vom Holz auf den Schultern. Und ich kann sofort nachfühlen, was sie meinen. Gerade jetzt in der Passionszeit. Wie das Schwere und Harte auf der Halsmuskulatur lastet und alles fest macht. Wie ein Joch für Versklavte oder Tiere, das tief ins Fleisch schneidet und kein Entkommen zulässt. Die Wendung aber liegt darin: Aus dieser Not-Schwere des Leidens entsteht die volle Schwere von Früchten; das Kreuz wird zum Lebensbaum. Es wächst etwas daraus und daran.

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Das Band hält

Von Beate Wolf

Die Alpen: überwältigend, herrlich, edel! Ich liebe Bergwandern! Auf die höchsten Klippen möchte ich steigen. Da gibt es nur ein klitzekleines Problem: meine starke Höhenangst. Was hat mein Mann nicht schon für hysterische Panik-Attacken erdulden müssen, wenn ich auf einem schmalen Felsgrat glaubte, weder vor noch zurück zu können. Doch bevor wir endgültig auf Radtouren in Holland umsteigen mussten, gab uns ein alter Tiroler Bergführer den ­entscheidenden Tipp. Mein Mann nimmt ein kurzes Seil in seine Hand und ich nehme das andere Ende. Und schlagartig sind alle meine Ängste verflogen, weil ich ihm vertraue. Ich fühle mich gehalten, aber nicht ­beengt.

Und genauso ist es mit Jesus in meinem Leben. Ich muss gar nicht ständig seinen Namen im Mund führen, bei jeder Entscheidung fragen: Ist das auch christlich und biblisch begründet? Es gibt ein inneres Band, das leise zieht, wenn ich falsch laufe. Nennt sich Gewissen!

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Das große Ach

Von Christina-Maria Bammel

Ach bleib. Trompeter Till Brönner legt diese Bitte sanft, wie von weit her, fast sphärisch aus; alle menschliche Sehnsucht darin eingewoben. Ach bleib. Damit hat der Jazzmusiker in seiner Nightfall-Produktion diesem Ohrwurm des Protestantismus eine musikalische Liebeserklärung gegeben. Die unnachahmlich schöne Melodie dieses Ach-und-Bitte-Liedes, Melchior Vulpius sei Dank, hat Generationen oft inspiriert, die Strophen zu ändern (EG 207).

Als Josua Stegmann 1627 erstmalig das große „Ach bleib“ textete, waren die Zeiten die eines einzigen klagenden Achs: Krieg europaweit, Pest, verkommene Felder, Plünderungen: Ach – bleib – Gott. Die Welt trug alles andere als Zeichen der Gnade, des Glanzes, des Segens, der Treue. Zum Verrücktwerden waren die hohe Sterblichkeit, die abgestumpfte Brutalität. Und der kriegerische Wahn sollte noch 20 Jahre andauern. Stegmanns Lebensfaden riss vor der Zeit. 

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Wir lernen im Gehen

Von Frank Schürer-Behrmann

„Wir lernen im Vorwärtsgehen“, heißt es in einem Lied, das ich früher gern hörte. Gott sei Dank: Das „Gehen“ wird als religiöse Form wiederentdeckt. Im Gehen gerät der Kreislauf in Bewegung. Wir richten den Blick nach vorne und werden aufmerksam. Wir spüren unsere Körper und können nachdenken, singen und beten. „Das Recht tun und Güte lieben und in Ehrfurcht gehen mit deinem Gott“ – für den Propheten Micha ist das die Summe der Forderung Gottes an uns (Micha 6,8).

Leider übersetzte Luther das nicht gut. Vielleicht ist „Mitgehen mit Jesus“ für religionsferne Menschen eine interessantere Einladung als „Glauben an Jesus“. Das Lied „Wir gehn ­hinauf nach Jerusalem“, das neu als Wochenlied für den Sonntag Estomihi vorgeschlagen ist, ist ein Geh-Lied. Seine Melodie zeichnet besonders zu Beginn das Hinaufgehen nach Jerusalem nach, wenn die Töne tief beginnen und immer höher werden.

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Aus lauter Liebe

Von Helmut Ruppel

„Gott hat das erste Wort“, „Gott hat das letzte Wort“, „Gott steht am Anbeginn und er wird alles enden.“ Klingt da Jubel auf oder bricht sich Trotz Bahn? Sind das Vertrauenssätze oder geradezu unwirsche ­Gegenrede?

„Ich bin das A und O“ der Johannes-Apokalypse ist jedenfalls die stürmischste Bestreitung des ­römischen Machtanspruchs! In „Mein Hirte ist der Herr“ (Psalm 23) klingt der Widerstand durch gegenüber allen, die sich als „mein Hirte“, mein Machthaber aufspielen wollen. Die Bibel ist auch ein Buch der ­Gegen-Worte!

„... und er wird alles enden“ (Strophe 5). Wir werden immer unsicherer: Wie oft sind es die Lügner, die als Letzte ­lachen, die Blender, die Profiteure, die Schlepper, die Schinder, die Seelenschänder? Wir möchten so oft beten: „Lass es nicht das Unrecht sein, Gott, das als Letztes lacht!“

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Standhalten

Von Angelika Obert

Tröstlich klingt es, davon zu singen, dass alle Morgen nicht nur ein mühseliger Arbeitstag auf mich wartet, sondern auch die Liebe Gottes mich umhüllen will. Doch es geht im Lied vor allem um’s Standhalten. Jochen Klepper hat es an einem Aprilmorgen 1938 geschrieben, als er und seine jüdischen Angehörigen schon bedroht waren. Das biblische Lied vom Knecht Gottes hat ihn dabei inspiriert, von dem es bei Jesaja heißt, dass er der Schmach und den Schlägen nicht ausweicht, dass er vielmehr „sein Angesicht hart wie einen Kiesel“ gemacht hat (Jesaja 50,4–8).

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Und bin nicht bang

Von  Alexander Höner

Eine Diakonisse fragte mich neulich, wie ich das meinte, dass die Kindertaufe ein Übergangsritual vom Nichtsein ins Leben sei. „Was soll das sein: Nichtsein?“ Sie hat Recht.

Ich war mit meinen Worten unvorsichtig. Bevor wir auf die Welt kommen, sind wir schon. Wir sind im Atem Gottes, bevor er uns ausspricht. Das weiß auch die zweite Strophe des Wochenliedes: „Sprach schon vor Nacht und Tag, / vor meinem Nein und Ja. / Stimme, die alles trägt: / Hab keine Angst, ich bin da.“ Und sei es auch ein Selbstgespräch Gottes und wir ein Teil von ihm. Auch die vierte Strophe ist ­außergewöhnlich: „Wird es dann wieder leer, / teilen die Leere wir. / Seh’ dich nicht, hör nichts mehr –/ und bin nicht bang: Du bist hier.“

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Liebe „zeigen“

Von Wolf Krötke

Der Ort, an den wir gestellt sind“ – für Menschen mit DDR-Erfahrung klingt das vertraut. Vor dem Mauerbau war in den DDR-Kirchen die Meinung verbreitet, dass es sich beim sozialistischen Staat nur um eine Übergangserscheinung handle. Es galt „zu überwintern“. Vielen Gemeindegliedern dauerte das zu lange. Sie flohen. Nach 1961 bestand diese Möglichkeit nicht mehr. Es galt nun für alle in der Kirche, „den Ort anzunehmen, an den wir gestellt sind“.

Das Lied des Mecklenburgischen Jugendpastors Walter Schulz von 1962 spiegelt diese Situation. Es ist für einen Jugendgottesdienst geschrieben. Es will jungen Christinnen und Christen sagen: Resigniert nicht, wenn der atheistische Weltanschauungsstaat euch das Leben schwer macht! Gottes Liebe zu „dieser Welt“ hat einen langen Atem. Gehört euer Leben diesem Gott, dann könnt ihr mit starkem Rückhalt mutig überall davon reden. Ihr könnt „zeigen“, wie ausdauernd Gottes Liebe allen Menschen gilt und sie auch befähigt, für eine freie, gerechte Gesellschaft einzutreten.

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Kalte Werke

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Zeiten ändern sich. Vor 40 Jahren lief die amerikanische TV-Serie „Holocaust“: Sie löste Scham, Entsetzen und schmerzhafte Fragen in deutschen Familien aus. Ich war elf und durfte die Serie nicht schauen. Eine Szene sah ich doch, sie ließ mich nicht los, bis heute: Meryl Streep, als Inga Weiss im Film verheiratet mit einem Juden, wird gezwungen, im Ghetto zwischen ihren beiden Kindern zu wählen: Welches kommt in die Gaskammer? Sie weigert sich, man droht, ihr beide Kinder zu nehmen. Verzweifelt ruft sie nach dem Jüngeren. Die Tochter wird ihr weggerissen. Deren Schreie nach der Mutter waren das Schrecklichste, was ich bis dahin im TV erlebt hatte.

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