Sprachkurs

Von Matthias Brix

Das passiert mir öfter: Bevor der Wecker um 6.15 Uhr klingelt, sitze ich gekrümmt im hinteren Teil eines Busses, der in hoher Geschwindigkeit schleudert, die ­Haftung verliert und auf der Seite liegend auf einen Betonpfeiler ­zurast. Ich halte die Augen geschlossen, ich will nichts ­sehen, ich höre nur die Reibung vom Blech der Karosserie auf der Fahrbahn. Ich denke noch, jetzt ist es gleich aus und zähle die letzten Sekunden.

Ich habe überlebt, weiß ich, als es still ist und ich die Augen öffne. Aber nicht ich habe überlebt, bemerke ich meinen Irrtum, ich habe nichts getan, ein anderer hat mich überleben lassen.

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Mauern einreißen

Von Ute Gniewoß

Christus zerstört die Werke des Teufels. Das klingt nach Gewalt, nach Kampf. Kämpfe im Fernsehen ertrag ich gerade noch, da kann ich zu Hause still vor mich hin heulen und keiner tut mir was. Kämpfe, in die ich verwickelt werde, versuche ich zu meiden. Dabei weiß ich: Ich bin ein Teil der Kämpfe auf dieser Welt, ob ich will oder nicht.

Ob in Europa wieder Zäune hochgezogen werden, hinter denen geflüchtete Menschen sterben, oder nicht, das hängt nicht nur von ­Politikern ab, sondern auch von uns allen – und auch von mir. Ob wir uns gewöhnen an alltäglichen Rassismus und an alltägliche Armut – ich würde so gern so tun, als hätte ich nichts damit zu tun, aber ich habe damit zu tun.

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Ein Weg gegen den Tod

Von Wolf Krötke

Einen Todesmarsch kündigt Jesus hier an. Hinauf nach Jerusalem geht’s, hinab in einen furcht­baren Tod. Aber es ist kein Todesmarsch, wie wir ihn kennen. Uns stehen die Todesmärsche aus den Konzentrations­lagern und die Flucht von Menschen über das Mittelmeer und die „Balkanroute“ vor Augen. Sie sind angetrieben oder verursacht von Bütteln des Todes. Der Weg in den Tod, zu dem Jesus aufbricht, aber ist ein Todesmarsch gegen Tod.

Von den Jüngern, zu denen ­Jesus hier redet, heißt es am Ende dieser „Leidensankündigung“: Sie verstanden nicht, was er ihnen sagen wollte. Sie waren gewiss nicht begriffsstutzig. Denn Jesus redet hier glasklar. Doch was er ankündigte, ging über ihr Fassungsvermögen.

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Zeit, sich zu ­erinnern

Von Bernd Krebs

Leidet unsere Gesellschaft unter kollektivem Gedächtnisverlust? Nach 1945 galt es, vierzehn Millionen Flüchtlingen eine neue Heimat zu schaffen. Mit den „Fremden“ das Wenige teilen zu müssen, das nach dem Krieg geblieben war, dazu war aber nur eine Minderheit bereit. Vielerorts schlug den Flüchtlingen blanke Ablehnung entgegen. Die Angst vor „Überfremdung“ ging um.

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Gemeinsam mit voller Kraft

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Ich liege vor ihnen mit meinem Gebet – auf einer Matte in der ­Kirche – und vertraue darauf, dass sie mich nicht auslachen. Sie: Das sind dreißig Konfirmandinnen und Konfirmanden, und es geht in ­unserer Unterrichtsstunde um das Thema „Gebet“. Ich will ihnen zeigen, auf wie vielerlei Arten man ­beten kann.

Ich mache es vor. Sie machen es nach: Wir stehen mit erhobenen Händen in der urchristlichen Orantenhaltung. Wir knien auf dem Boden wie Muslime. Wir liegen mit ausgebreiteten ­Armen auf dem Boden. Wir wiegen den Oberkörper zu Worten des 23. Psalms wie gläubige Juden es tun und merken, wie sich unser Gebet verändert durch die Haltung, die wir dabei einnehmen. Das anfängliche Kichern verstummt.

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Jeder Tunnel kennt ein Licht

Von Jens Blanck

Auf einer Fahrt nachts durch Berlin: Ich sehe das Häusermeer, Fenster über Fenster. Manche sind stockdunkel, andere hell erleuchtet. Überall sind Menschen, deren Herz schlägt wie meins, deren Puls sie sich jedoch nicht selbst angestoßen haben, so wie ich mein Leben nicht mir selbst zu verdanken habe. Sie wollen – wie ich – leben, lieben und glücklich sein. Doch was geschieht hinter den unzähligen Fenstern?

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Noch in Babylon?

Von Helmut Ruppel

28. August 1963, Martin Luther King sprach in Washington zu ­allen vom „Marsch der Nationen“. Seine Rede war matt und blass. Da rief eine Mitstreiterin: „Erzähl ihnen von deinem Traum!“ King, ohne Manu­skript, änderte Tonfall und Stil – eine der ­berühmtesten Reden des 20. Jahrhunderts begann. „I have a dream ...“ Wir hören ihn, wenn er die Jesaja-Bilder vor Augen ruft: Täler, die erhoben werden, Hügel, die erniedrigt werden, und „was uneben ist, soll gerade, und was hügelig, soll eben werden!“

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Kopf hoch

Von Victoria Fleck

Die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht vor der nicht endenden Grausamkeit des Krieges. Not, Verfolgung, Hunger und Gewalt zwingen Menschen aus Afrika, auf gefährlichen Wegen ihre Heimat zu verlassen. Das seit 70 Jahren von Krieg verschonte Europa wird von Terroristen angegriffen. Die Welt gerät aus den Fugen und ich ­stehe plötzlich mittendrin.

Ich kann nach der Tagesschau die Welt nicht wieder aus meinem Wohnzimmer verbannen, sie lebt plötzlich in meiner beschaulichen Kleinstadt. Flüchtlinge verändern das Stadtbild und ich lerne zu demonstrieren, damit die idyllischen Gassen nicht Nazis und „besorgten Bürgern“ überlassen werden, die sich unter dem Motto „Wir lieben Ostthüringen“ zusammengeschlossen haben.

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Hingeschaut

Von Jürgen Wandel

Man sieht, wenn eine Königin oder ein Präsident zu Besuch kommt: Blaulichter blinken, Leute winken, Fahnen wehen, und Gebäude sind Tage lang gewienert worden, so dass sie strahlen wie die herausgeputzten Mitarbeiter. Und wer den hohen Besuch immer noch nicht bemerkt hat, tut dies spätestens, wenn er in den Lokalteil der Zeitung schaut.

Anders ist das bei dem ­König, den Sacharja ankündigt und in dem Christen Jesus sehen: Von seiner Geburt erfahren zunächst nur ­Hirten, also ein paar Gestalten am Rande der Gesellschaft, und drei Fremde, Nichtjuden, die weit entfernt von Bethlehem leben. Und nach Matt­häus erkennen selbst die Rechtschaffenen nicht, dass Jesus in den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen anwesend war, denen sie beigestanden hatten.

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Sich zeigen dürfen

Von Frank Schürer-Behrmann

Manchmal erlebe ich, dass Menschen nach einer schweren Operation im Gespräch fast unvermittelt ein Kleidungsstück beiseite ziehen: Das ist die Narbe, und guck mal, wie groß sie ist!

Es ist nicht genug, von der Operation zu sprechen. Sie muss auch sichtbar und angesehen werden. Und natürlich hofft mein Gegenüber, dass die Reaktion nicht Entsetzen ist, sondern ­Zustimmung, Mitgefühl und vielleicht sogar Orientierung: Da hast du etwas Schweres durchgemacht. Aber es scheint, dass es gut wird. Da musst du auf dich aufpassen. Wer das hört, dem fällt der nächste Schritt leichter.

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