Ein großer Trost

Von Jürgen Israel

Diese Zusage übersteigt jede menschliche Vorstellung. Sie umfasst mein ganzes Leben. Sie gilt nicht nur für Gegenwart und Zukunft, das können wir uns vorstellen. Sondern sie gilt auch für die Vergangenheit. Nicht nur, was uns an Unheil widerfahren ist, soll heil werden, sondern auch das, was wir anderen Menschen angetan haben, soll wieder heil werden. Wie soll das geschehen?

Das meiste von dem Unheil, das wir zu verantworten haben, können wir nicht wiedergutmachen. Aber wir können Gott bitten, können ihn bestürmen: Mache du heil, was ich falsch gemacht habe. Wende du zum Guten, was ich Schlechtes getan habe. Das ist ein großer Trost. (...)

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Mühen des Sieges

Von Viola Kennert

Zur Hand, die zum Siegeszeichen erhoben ist, gehört ein schwacher Arm und ein müdes Gesicht. Die Frau hält im anderen Arm ihr Kind und steigt aus dem Bus, der die Flüchtlinge nach einer unendlichen Reise an einen vorübergehenden – doch freundlichen – Ort bringt: Sicherheit vor Krieg und Verfolgung.

Voller unbändiger Kraft springt der Sportler in die Luft – nach jahrelangem Training und unzähligen Enttäuschungen endlich die Medaille.

Ein vorsichtiges Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Nach einem langen Abschiedsweg konnte sie sterben. Abschiedswehmut verbindet sich mit der Hoffnung auf Geborgenheit, die nicht mehr infrage gestellt wird. (...)

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Warte-Zeit

Von Helmut Ruppel

Zwei von drei Deutschen sind nicht bereit, länger als fünf Minuten auf eine Verabredung zu warten. Es scheint, wir werden immer ungeduldiger. Den Kindern sagen wir noch: Warte, bis ich zu Ende telefoniert habe, doch die alte Dame, die in der Schlange vor uns mit der Kassiererin plaudert, bringt uns zur Weißglut. ­Warten ist ein ungeliebter Zustand.

Ist die Transplantationswarte­liste gerecht? – Nie! Auf die Geburt des ersten Kindes warten, auf die Bewilligung des Asylantrags warten, auf einen Partner warten – ist Leben Warte-Zeit? (...)

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Mannschaftssport Sorgenwerfen

Von Angelika Behnke

Präzision einer Hundertstel­sekunde: Der Athlet spannt die Muskeln, hebt den Speer, läuft an – Bremsen und Loslassen verschmelzen zu einer Bewegung. Geballte Energie. Der Speer schnellt durch die olympische Luft, 78, 86 und – ja! – 91,9 Meter! Der Sportler entspannt sich. Loslassen können – nicht zu früh, nicht zu spät. In jedem Fall ganz. In jedem Fall vor der markierten ­Linie. Sonst taugst du nicht als Speerwerfer. Verschenkte Energie.
Alle Sorge auf Gott werfen – warten wir damit nicht zu lange! Warten wir nicht, bis Kräftegrenzen überschritten sind, sondern lassen wir die Sorge vorher los. Ganz! Das braucht Vertrauen. Hier verlassen wir das Stadion und wechseln an den Ölberg (...).

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Vergessen?

Von Matthias Brix

Der kürzeste Weg, sich etwas zu merken, ist der Umweg: Mein wichtigster Lehrer belegt den Boden seiner Wohnung mit Zetteln. Er muss täglich umständliche Schritte machen, weil sie im Weg liegen. Er geht solange um sie herum, bis er sich gemerkt hat, was auf ihnen steht. Ähnliches macht er mit der Bibel. Er ist evangelisch, aber zum Erinnern der Bibelworte geht er zum Gottesdienst in die Synagoge. Dort werden die Texte so gelesen, wie man sich Vokabeln einprägt. Für unsere Ohren zu schnell, weil wir das Zuhören gewohnt sind. Aber es geht um mehr: Auf das In- und Auswendig- Lernen kommt es an, „dass es nicht aus deinem Herzen kommt ein Leben lang“ (5. Mose 4,9) (...).

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Was zählt

Von Jürgen Wandel

In vielen Religionen spielt kultische Reinheit eine wichtige Rolle. Daher sind Tiere, Speisen, Menschen und Verhaltensweisen zu meiden, die als „unrein“ gelten. Und manche Protestanten betrachten nur diejenigen als Christen, die überzeugt sind, dass Gott durch die Ermordung Jesu versöhnt werden musste (dabei muss doch der Mensch mit Gott versöhnt werden). Das Christsein entscheidet sich für sie auch daran, ob man die Schöpfungsgeschichte und die Wundererzählungen der Bibel als Protokolle historischer Ereignisse liest (...)

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Nicht auslöschen

Von Sibylle Sterzik

Die Frau, die ins Heim einzieht, wie ein geknicktes Rohr ist sie. ­Alles verloren, das Zuhause, die Selbstständigkeit, bald auch ihre Würde? Immer müde, will sie am liebsten nur schlafen. Fortträumen aus der Realität. Das viele Liegen macht ihre ­Haare platt. Das strahlende Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht, von der Frisur sind nur noch lose Strähnen übrig, nur nach hinten gekämmt.

Alle Bitten im Schwestern­zimmer, sie regelmäßig zum Friseur zu schicken, fruchten nichts. Beim nächsten Besuch sitzt sie wieder so da. Jeder sieht sie so, mancher fühlt sich abgestoßen, sieht bestenfalls drüber hinweg. Warum? Eine schöne Frisur gibt doch Würde. Der Salon ist im selben Haus. Woran fehlt es? Lohnt das nicht mehr bei alten Leuten? Die 82-Jährige selbst sagt manchmal flapsig: Wozu soll ich noch zum Friseur? Demenz heißt, ich verstehe die Welt nicht mehr, die Menschen vielleicht auch nicht, aber sie löst das Menschsein nicht auf, es äußert sich nur anders, ungewohnt, die anderen sind es, die umlernen müssen, um die andere neue, sehr eigene Welt zu verstehen. Demenz löscht Gewohnheiten aus, Haar- und Körperpflege ist nicht mehr so wichtig, was mal selbstverständlich war, geht mit ­einer Handbewegung „übern Jordan“. (...)

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Sensibilität und Bescheidenheit

Von Bernd Krebs

In Zeiten flacher Hierarchien klingt „Unterordnung“ wie ein Wort aus Opas Zeiten, abständig und ges­trig. Einbeziehung aller, direkt und unhierarchisch, das ist die „Zauberformel“. Nur so lässt sich das Potenzial einer Belegschaft weiter entwickeln. Oberstes Ziel ist die Steigerung des Betriebs­ergebnisses. Dem haben sich alle „unterzuordnen“. (...)

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„Thorarolle ­rückwärts?“

Von Helmut Ruppel

„Er ist Jude, aber sehr nett“, sagte mir der Hausherr über den Gast aus Köln und fragte ihn anschließend: „Was ist denn bei euch mit Gaza wieder los“? Ich dachte: „Jude“? Das Wort ist ja an sich nicht beleidigend, aber ich höre immer „Kind ­jüdischer Eltern“ oder „jüdische Herkunft“.

Als beim Thema Hartz IV dem Juden gesagt wurde: „Aber Sie ­betrifft das ja zum Glück nicht!“, merkte ich die Not, „trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen“, wie es Michael Wuliger, Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, im Untertitel seines Buch „Der koschere Knigge“ (Frankfurt/Main 2009) treffsicher formuliert, zu gehen. Zurzeit wird die „Thorarolle rückwärts“ geübt.

,,Gehört das Alte Testament zur ­Bibel?“, fragt einer. Und jetzt der ­Israelsonntag! Mit dem Glückwunsch an das Volk, dem sich der lebendige Gott in unverbrüchlicher Treue verbindet. So kann Israel mit trotziger Freude als sein Volk leben – gehören wir dazu? (...)


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Wir wollen nur das Beste

Von Beate Wolf

„Echt jetzt? Du schickst dein Kind auf das evangelische Gymnasium Neuruppin? Du hast immer betont, mit der Kirche nichts am Hut zu haben und Glaube sei nur Volksverdummung.“ Der Mann, der mir gerade dieses Geständnis ­gemacht hat, lächelt verlegen: „Naja, bei meinem Kind will ich nur das Bes­te, da kann ich mir Vorurteile nicht leisten.“ „Aber warum hast du dann immer so über die Kirche geschimpft?“ „Weil ich enttäuscht war. Die schlimmen Dinge, die im Namen der Kirche geschehen sind, die Pfarrer, die für die Stasi gespitzelt haben und jetzt die Missbrauchsskandale. Wem soll ich noch vertrauen, wenn es selbst in der Kirche so zugeht?“ (...)

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