Vergessen?

Von Matthias Brix

Der kürzeste Weg, sich etwas zu merken, ist der Umweg: Mein wichtigster Lehrer belegt den Boden seiner Wohnung mit Zetteln. Er muss täglich umständliche Schritte machen, weil sie im Weg liegen. Er geht solange um sie herum, bis er sich gemerkt hat, was auf ihnen steht. Ähnliches macht er mit der Bibel. Er ist evangelisch, aber zum Erinnern der Bibelworte geht er zum Gottesdienst in die Synagoge. Dort werden die Texte so gelesen, wie man sich Vokabeln einprägt. Für unsere Ohren zu schnell, weil wir das Zuhören gewohnt sind. Aber es geht um mehr: Auf das In- und Auswendig- Lernen kommt es an, „dass es nicht aus deinem Herzen kommt ein Leben lang“ (5. Mose 4,9) (...).

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Was zählt

Von Jürgen Wandel

In vielen Religionen spielt kultische Reinheit eine wichtige Rolle. Daher sind Tiere, Speisen, Menschen und Verhaltensweisen zu meiden, die als „unrein“ gelten. Und manche Protestanten betrachten nur diejenigen als Christen, die überzeugt sind, dass Gott durch die Ermordung Jesu versöhnt werden musste (dabei muss doch der Mensch mit Gott versöhnt werden). Das Christsein entscheidet sich für sie auch daran, ob man die Schöpfungsgeschichte und die Wundererzählungen der Bibel als Protokolle historischer Ereignisse liest (...)

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Nicht auslöschen

Von Sibylle Sterzik

Die Frau, die ins Heim einzieht, wie ein geknicktes Rohr ist sie. ­Alles verloren, das Zuhause, die Selbstständigkeit, bald auch ihre Würde? Immer müde, will sie am liebsten nur schlafen. Fortträumen aus der Realität. Das viele Liegen macht ihre ­Haare platt. Das strahlende Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht, von der Frisur sind nur noch lose Strähnen übrig, nur nach hinten gekämmt.

Alle Bitten im Schwestern­zimmer, sie regelmäßig zum Friseur zu schicken, fruchten nichts. Beim nächsten Besuch sitzt sie wieder so da. Jeder sieht sie so, mancher fühlt sich abgestoßen, sieht bestenfalls drüber hinweg. Warum? Eine schöne Frisur gibt doch Würde. Der Salon ist im selben Haus. Woran fehlt es? Lohnt das nicht mehr bei alten Leuten? Die 82-Jährige selbst sagt manchmal flapsig: Wozu soll ich noch zum Friseur? Demenz heißt, ich verstehe die Welt nicht mehr, die Menschen vielleicht auch nicht, aber sie löst das Menschsein nicht auf, es äußert sich nur anders, ungewohnt, die anderen sind es, die umlernen müssen, um die andere neue, sehr eigene Welt zu verstehen. Demenz löscht Gewohnheiten aus, Haar- und Körperpflege ist nicht mehr so wichtig, was mal selbstverständlich war, geht mit ­einer Handbewegung „übern Jordan“. (...)

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Sensibilität und Bescheidenheit

Von Bernd Krebs

In Zeiten flacher Hierarchien klingt „Unterordnung“ wie ein Wort aus Opas Zeiten, abständig und ges­trig. Einbeziehung aller, direkt und unhierarchisch, das ist die „Zauberformel“. Nur so lässt sich das Potenzial einer Belegschaft weiter entwickeln. Oberstes Ziel ist die Steigerung des Betriebs­ergebnisses. Dem haben sich alle „unterzuordnen“. (...)

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„Thorarolle ­rückwärts?“

Von Helmut Ruppel

„Er ist Jude, aber sehr nett“, sagte mir der Hausherr über den Gast aus Köln und fragte ihn anschließend: „Was ist denn bei euch mit Gaza wieder los“? Ich dachte: „Jude“? Das Wort ist ja an sich nicht beleidigend, aber ich höre immer „Kind ­jüdischer Eltern“ oder „jüdische Herkunft“.

Als beim Thema Hartz IV dem Juden gesagt wurde: „Aber Sie ­betrifft das ja zum Glück nicht!“, merkte ich die Not, „trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen“, wie es Michael Wuliger, Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, im Untertitel seines Buch „Der koschere Knigge“ (Frankfurt/Main 2009) treffsicher formuliert, zu gehen. Zurzeit wird die „Thorarolle rückwärts“ geübt.

,,Gehört das Alte Testament zur ­Bibel?“, fragt einer. Und jetzt der ­Israelsonntag! Mit dem Glückwunsch an das Volk, dem sich der lebendige Gott in unverbrüchlicher Treue verbindet. So kann Israel mit trotziger Freude als sein Volk leben – gehören wir dazu? (...)


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Wir wollen nur das Beste

Von Beate Wolf

„Echt jetzt? Du schickst dein Kind auf das evangelische Gymnasium Neuruppin? Du hast immer betont, mit der Kirche nichts am Hut zu haben und Glaube sei nur Volksverdummung.“ Der Mann, der mir gerade dieses Geständnis ­gemacht hat, lächelt verlegen: „Naja, bei meinem Kind will ich nur das Bes­te, da kann ich mir Vorurteile nicht leisten.“ „Aber warum hast du dann immer so über die Kirche geschimpft?“ „Weil ich enttäuscht war. Die schlimmen Dinge, die im Namen der Kirche geschehen sind, die Pfarrer, die für die Stasi gespitzelt haben und jetzt die Missbrauchsskandale. Wem soll ich noch vertrauen, wenn es selbst in der Kirche so zugeht?“ (...)

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Licht und Schatten

Von Heilgard Asmus

Lasst euch nicht hinters Licht führen, dort ist es dunkel. Vielleicht kann man dieses Sprichwort auch auf die Werbung für das „Licht der Zukunft“  beziehen. ­Jedenfalls wurde mir unter diesem Titel gerade das hocheffiziente Leuchtmittel LED angeboten. Aber wir wissen mit Johann Wolfgang von Goethe auch: Wo viel Licht ist, ist starker Schatten. Paulus möchte dazu anreizen, als Kinder des Lichts zu leben. Bei Licht betrachtet, weiß er um dunkle Wesenszüge. Weil im Dunkeln gut munkeln ist, kann man sich gut darin üben, größere oder kleinere Unaufrichtigkeiten zu verstecken.

Ungerechtigkeit und Unwahrheit gedeihen ohne Licht bestens. In diesen Tagen haben wir viel davon in den Debatten um Griechenlands Entscheidungen und die der europäischen Union gehört. Kann man Hilfspakete im Dunkeln packen? Werke der Finsternis oder Früchte des Lichts? Ich weiß das nicht. Ich bezweifle, dass eine LED-Lampe aufklären könnte. Der große Staatsmann Abraham Lincoln bezog sein Handeln noch auf den Glauben, als Kind des Lichts zu wirken. Er sagte sinngemäß: Ich muss nicht unbedingt gewinnen, aber ich muss ehrlich sein. Ich muss nicht unbedingt erfolgreich sein, aber ich muss nach dem Licht streben, das in mir ist. (...)

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Auf roten Socken zum Taufstein?

Von Victoria Fleck

Die Menschen strömen herein, die Programmhefte gehen weg wie warme Semmeln und der Pfarrer strahlt – zu Konzerten ist die Kirche voll. Was für ein Geschenk, dass die Menschen die Schwelle so leichtfüßig überqueren. Und die Gemeinde gibt sich alle Mühe, gastfreundlich zu sein. Denn das Lob über das gelungene Konzert wird ihnen noch lange in den Ohren klingen. (...)

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Nicht ohne das ­Alte Testament

Von Rolf Wischnath

Ohne die beiden Namen der hier ursprünglich Angesprochenen steht dieses Gotteswort in evangelischen Gesangbüchern und Gottesdienst­ordnungen. So wurde es zu einem der aller-liebsten bib­lischen Texte bei „Amtshandlungen“. Aber so geht es nicht.

Dieses Wort ist zu Menschen eines bestimmten Volkes in einer bestimmten ­Situation gesprochen: zum Volke Israel in der schrecklichen babylonischen Gefangenschaft. Der König Nebukadnezar war in das Land Jakobs eingefallen. Er hat Jerusalem umzingelt und eingenommen, den Tempel zerstört, viele Bewohner der Stadt und des Landes über tausend Kilometer verschleppt in die Sklaverei nach Babylon. Für diese Gefangenen war alles zu Ende. Und sie hören als allererste dieses Wort Gottes durch den Propheten Jesaja II. (...)

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Pausen gönnen

Von Andreas Fünfstück

Am 4. Juli erinnern wir auf dem Lausitz-Kirchentag an paradiesische Möglichkeiten. „Edenmäßig“ heißt es für alle, die das kurzweilige, themenstarke Programm miterleben. Die es mitgestalten und hoffentlich reichlich Ableger und Saatgut in die Gemeinden mitnehmen und an geeigneten Standorten klug verteilen. Dabei gnädig zu sein mit denen, die nicht da sein können, täte allen gut. Wie vielleicht überhaupt eine Pause mit gemeinde-, kirchenkreis- und sprengelübergreifenden Großveranstaltungen, – so seligmachend sie auch sind? Eine schöpferische, edenmäßige Pause bis zum Reformationsjubiläum 2017 täte bestimmt allen gut. Damit Gemeinden Zeit haben, sich zu regenerieren. Ruhephasen nannte man solche Praxis bereits in der antiken Landwirtschaft. Vom Sabbatjahr lesen wir noch heute im ersten Teil des Buches der Bücher. In Ephesus hatten die Christusanhänger von Paulus den Hinweis auf Gottes gnädige Geberlaune zu lesen und zu hören bekommen. Die Sätze waren unmissverständlich. Allem Anschein nach war diese klare Ansage auch dort und damals nötig, damit nicht die guten Werke und messbaren Aktivitäten das durch Christus veränderte Weltbild verhüllten. Gott weiß, wie es um seine Schöpfung bestellt ist, darum bleibt er schöpferisch und hat mit dem Wirken Jesu vorgesorgt. (...)

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