Fest der Loslösung

Von Ulrike Trautwein

Himmelfahrt ist im Gegensatz zu Weihnachten schwierig. Jedenfalls, was das Feiern betrifft. Da fallen mir sofort die vielen kurios bis anrührenden Krippenspiele ein, die ich im Laufe meines Lebens genossen habe. Ich stelle mir vor, wie man Himmelfahrt als „Krippenspiel“ inszenieren könnte. Mit den Jüngern ist das kein Problem. Aber was macht man mit dem Jesuskind, der ja hier ein erwachsener Mann ist? Eine symbolische Kerze oder eine richtige Besetzung wie bei den Oberammergauer Passionsspielen? Wäre komisch, ihn dann ihn in die Höhe zu ziehen – das ­erinnert mich an ein Altarbild, auf dem nur Jesu Füße am oberen Bildrand zu sehen sind.

Tatsächlich gab es früher solche Himmelfahrtsspiele. Kreisrunde Löcher in den gotischen Gewölben der Berliner Marienkirche oder der Brandenburger Katharinenkirche erinnern daran. Man nannte sie Heiliggeistlöcher. Zu Himmelfahrt wurden dort Figuren durchgezogen. Danach regnete es Blüten­blätter herunter oder glimmende Leinenfasern als Zeichen für den Heiligen Geist mit seinen feurigen Zungen. Spätestens durch die Aufklärung verloren die Leute die spielerische Lust an solchen Inszenierungen. Kaum vorstellbar, sie wieder zu beleben.

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Spürbare Rettung

Von Viola Kennert

Gott sei Dank! In letzter Sekunde hat man ihn gesehen, den Radfahrer, das Kind, die kleine unscheinbare Frau – und man konnte bremsen. Im Flur des Krankenhauses nach dem Gespräch mit dem Arzt, nach bangen Stunden der Ungewissheit – oder wenn das Verlorene wieder auftaucht: Gott sei Dank! Das Gebet spiegelt eine intensive Erfahrung von Rettung wider.

Das Gebet zu festen Zeiten – morgens und abends, zu Tisch oder vor Beginn der Reise – orientiert sich an unserem Rhythmus und an Bedürfnissen – die Gebetszeiten im Kloster strukturieren den Tag.

Das eine ist Beten, hineingewoben in das Leben und das andere ist Leben, hineingenommen in das ständige Gebet. Zwei Weisen zu Beten – und unsere Welt ist davon erfüllt.

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Valleri und vallera

Von Sibylle Sterzik

„Singen tut man viel zu wenig, singen kann man nie genug. Frisch gesungen froh gelaunt, und so meistert man das Leben, dass man selber staunt.“ Die ältere Dame, die mir im Café gegenüber sitzt, sang den Kanon schon im Jugendkreis, sagt sie, als ich sie frage, warum sie so gern singt. Besser gesagt, sie singt es mir vor und dann gleich ein zweites Mal. Mit ihren 83 Jahren sprudeln Melodien und Texte immer noch glockenklar und fröhlich aus ihrer Kehle. Dann verrät sie: „Wenn wir nicht in der Kirche waren, haben wir auch etwas anderes als Kirchenlieder gesungen. ,Auf der Lüneburger Heide ... Valleri, vallera, und juchheirassa, und juchheirassa.‘“ Verschmitzt schaut sie zu mir herüber, und trällert Herman Löns Gassenhauer von 1911. Da blitzt es in den Augen, unverhohlene Lebensfreude.

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Alt und neu

Von Frank Schürer Behrmann

Im Radio hörte ich davon, dass die Sängerin Joan Baez mit 75 Jahren immer noch Konzerte gibt! Und sie ist nicht vermeintlich realistisch und altersweise geworden, sondern besingt den Frieden, die Gerechtigkeit und die Liebe mit derselben Leidenschaft und Ausstrahlung, wie beim ersten Konzert vor über fünfzig Jahren. Norbert Blüm scheut sich mit 80 Jahren nicht, in einem Zelt im Schlamm bei den Flüchtlingen in Idomeni zu übernachten.
Frau H. kommt in unserer Gemeinde mit 88 Jahren stets freundlich und gepflegt auf dem Fahrrad zum Seniorenfrühstück gefahren. Und Pfarrer im Ruhestand L. ist genauso alt – mit ihm kann ich mich gut und angeregt über ­aktuelle Themen austauschen.

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Einfach Jeder

Von Beate Wolf

Am Anfang ist es immer ganz einfach. Da gibt es die pure Logik, die ausnahmslose Ethik. Der Anfang beginnt ­immer mit: „Jeder!“ Dann können Sie wahlweise dazu fügen „Raucher“ oder „Asylbewerber“ oder auch „Hartz IV-Empfänger“. Danach kommt die unmissverständliche eindeutige Beurteilung, wie „Jede!“ so ist: faul, undiszipliniert, rückständig. Ach, suchen Sie sich einfach was aus – es passt schon.

Und dann folgt die Lösung. Die ist leicht, kommt aus dem „gesunden Menschenverstand“ und muss nur konsequent durchgesetzt werden: „Jeder“ wird jetzt zwangsentwöhnt, rausgeschmissen, zur Arbeit gezwungen. Fertig.

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Leben als Wettrennen

Von Jens Blanck

Der Kleiderschrank ist für mich sinnbildlich für die heutige Zeit geworden. Alles muss chic sein. Das Alte fliegt raus, der neue Trend muss rein. Und dieser dauer­hafte Wechsel ­findet immer schneller statt. Jene, die dabei mithalten, sind „in“ und die anderen glauben, ein Problem zu haben. Wenn es sich dabei aber nur um Sachen handeln würde, könnte man ­meinen, dass es noch lange keine schlimme Angelegenheit ist. Doch leider wurde das Prinzip auf alle Lebensbereiche übertragen. Als ob das Leben ein Wettrennen mit der Zeit wäre mit dem Ziel, nur nicht abgehängt zu werden. Dass wir ­dabei aber Scheuklappen aufhaben, unseren Nächsten nicht mehr wahrnehmen, sogar schon dumpfen Parolen zusteuern und somit unsere Menschlichkeit verlieren, übersehen wir nicht nur, sondern feiern applaudierend mit.

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Erhöht am Kreuz

Von Jutta Schreur

Der Wochenspruch fasst die Theologie des Johannesevangeliums in einem Satz zusammen. Sie genauso knapp zu erläutern, das klappt leider nicht, schon gar nicht mit mehr als zweitausend Jahren Abstand. Gibt es doch über jeden einzelnen Begriff – Menschensohn, erhöht, ewiges Leben – viele Bände Literatur und viele Meinungen.

Ob es dem Pharisäer Nikodemus besser erging, als Jesus im nächtlichen Gespräch mit ihm diese Bemerkung macht? Zumindest wird er die ­biblischen Anspielung verstanden haben.

„Menschensohn“ ist eine Bezeichnung, die sich schon im Alten Testament findet, mit dem Messias und einem endzeitlichen Richter identifiziert wird und die Jesus hier auf sich selbst bezieht. Die Erhöhung wiederum bezieht sich auf eine Geschichte im Buch Mose. Das Volk Israel wird auf seiner Wüstenwanderung vor einer Schlangenplage gerettet, und zwar, indem eine metallene Schlange an einem langen Stab befestigt, also erhöht wird. Wer darauf schaut, wird gerettet.

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Selbstlose ­Hilfsbereitschaft

Von Jürgen Israel

Wer kennt das nicht: Da hilft ­einer einem anderen, durchaus selbstlos, durchaus mit Opfern an Zeit, Geld und Anstrengung – und erwartet danach aber, dass der andere sich „erkenntlich“ zeige, dass er sich ihm verpflichtet fühle. Der Helfer will nun, bewusst oder unbewusst, Macht über den anderen aus­üben.

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Ein Bild der Hingabe

Von Angelika Obert

Jesus selbst zu malen, fand ­Vincent van Gogh unmöglich. Doch gibt es ein berühmtes Bild von ihm, das ausdrückt, wie er ­Jesus verstanden hat: das Bild vom ­Sämann. Ein bäuerlicher Mensch, der mit großer ­Arbeiterhand sorgsam Samen auswirft auf weites Land. Unbeirrbar schreitet er voran. Ihm entgegen ragt ein dunkler Baumstamm. Seine dornengleichen Äste lassen den Leidensweg ahnen. Aber die Dornen tragen Blüten. Am Horizont glüht eine große Sonne. Sie steht für die Kraft und die Herrlichkeit, für das Leben und die Frucht, die wachsen wird. In ihrem Dienst ist der Sämann unterwegs auf diesem Bild der Hingabe.

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Ohne Rück-Sicht

Von Angelika Behnke

Früher war alles viel besser!, heißt es oft. Früher hielt man mehr zusammen, da lernte die Jugend noch, was sich gehört, früher konnten wir angstfrei Silvester feiern, früher waren wir das Volk. Jesus geht es um das große Ziel: Gottes Herrschaft soll in der Welt Gestalt gewinnen. Deshalb verurteilt Jesus diese „Rück-Sicht“ so radikal. Sie lähmt, wenn wir mit verklärtem Blick auf Vergangenes starren. Wir erstarren wie Lots Frau. Wer nur Augen für das Gewesene hat, steht in der Gefahr, andere auf negative Rollen in der Geschichte festzulegen. „Aha, du arbeitest in der Kirche!? – Und die Kreuzzüge?“ „Du bist also Moslem!? – Und dein Frauenbild?“

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