Gemeinsam mit voller Kraft

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Ich liege vor ihnen mit meinem Gebet – auf einer Matte in der ­Kirche – und vertraue darauf, dass sie mich nicht auslachen. Sie: Das sind dreißig Konfirmandinnen und Konfirmanden, und es geht in ­unserer Unterrichtsstunde um das Thema „Gebet“. Ich will ihnen zeigen, auf wie vielerlei Arten man ­beten kann.

Ich mache es vor. Sie machen es nach: Wir stehen mit erhobenen Händen in der urchristlichen Orantenhaltung. Wir knien auf dem Boden wie Muslime. Wir liegen mit ausgebreiteten ­Armen auf dem Boden. Wir wiegen den Oberkörper zu Worten des 23. Psalms wie gläubige Juden es tun und merken, wie sich unser Gebet verändert durch die Haltung, die wir dabei einnehmen. Das anfängliche Kichern verstummt.

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Jeder Tunnel kennt ein Licht

Von Jens Blanck

Auf einer Fahrt nachts durch Berlin: Ich sehe das Häusermeer, Fenster über Fenster. Manche sind stockdunkel, andere hell erleuchtet. Überall sind Menschen, deren Herz schlägt wie meins, deren Puls sie sich jedoch nicht selbst angestoßen haben, so wie ich mein Leben nicht mir selbst zu verdanken habe. Sie wollen – wie ich – leben, lieben und glücklich sein. Doch was geschieht hinter den unzähligen Fenstern?

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Noch in Babylon?

Von Helmut Ruppel

28. August 1963, Martin Luther King sprach in Washington zu ­allen vom „Marsch der Nationen“. Seine Rede war matt und blass. Da rief eine Mitstreiterin: „Erzähl ihnen von deinem Traum!“ King, ohne Manu­skript, änderte Tonfall und Stil – eine der ­berühmtesten Reden des 20. Jahrhunderts begann. „I have a dream ...“ Wir hören ihn, wenn er die Jesaja-Bilder vor Augen ruft: Täler, die erhoben werden, Hügel, die erniedrigt werden, und „was uneben ist, soll gerade, und was hügelig, soll eben werden!“

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Kopf hoch

Von Victoria Fleck

Die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht vor der nicht endenden Grausamkeit des Krieges. Not, Verfolgung, Hunger und Gewalt zwingen Menschen aus Afrika, auf gefährlichen Wegen ihre Heimat zu verlassen. Das seit 70 Jahren von Krieg verschonte Europa wird von Terroristen angegriffen. Die Welt gerät aus den Fugen und ich ­stehe plötzlich mittendrin.

Ich kann nach der Tagesschau die Welt nicht wieder aus meinem Wohnzimmer verbannen, sie lebt plötzlich in meiner beschaulichen Kleinstadt. Flüchtlinge verändern das Stadtbild und ich lerne zu demonstrieren, damit die idyllischen Gassen nicht Nazis und „besorgten Bürgern“ überlassen werden, die sich unter dem Motto „Wir lieben Ostthüringen“ zusammengeschlossen haben.

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Hingeschaut

Von Jürgen Wandel

Man sieht, wenn eine Königin oder ein Präsident zu Besuch kommt: Blaulichter blinken, Leute winken, Fahnen wehen, und Gebäude sind Tage lang gewienert worden, so dass sie strahlen wie die herausgeputzten Mitarbeiter. Und wer den hohen Besuch immer noch nicht bemerkt hat, tut dies spätestens, wenn er in den Lokalteil der Zeitung schaut.

Anders ist das bei dem ­König, den Sacharja ankündigt und in dem Christen Jesus sehen: Von seiner Geburt erfahren zunächst nur ­Hirten, also ein paar Gestalten am Rande der Gesellschaft, und drei Fremde, Nichtjuden, die weit entfernt von Bethlehem leben. Und nach Matt­häus erkennen selbst die Rechtschaffenen nicht, dass Jesus in den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen anwesend war, denen sie beigestanden hatten.

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Sich zeigen dürfen

Von Frank Schürer-Behrmann

Manchmal erlebe ich, dass Menschen nach einer schweren Operation im Gespräch fast unvermittelt ein Kleidungsstück beiseite ziehen: Das ist die Narbe, und guck mal, wie groß sie ist!

Es ist nicht genug, von der Operation zu sprechen. Sie muss auch sichtbar und angesehen werden. Und natürlich hofft mein Gegenüber, dass die Reaktion nicht Entsetzen ist, sondern ­Zustimmung, Mitgefühl und vielleicht sogar Orientierung: Da hast du etwas Schweres durchgemacht. Aber es scheint, dass es gut wird. Da musst du auf dich aufpassen. Wer das hört, dem fällt der nächste Schritt leichter.

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Biblische Novemberschutzimpfung

Von Hans-Georg Filker

„Siehe, jetzt ...“ Jetzt habe ich leider gar keine Zeit. Vielleicht später. Jetzt nicht. Ich melde mich, wenn ich Dich brauche, lieber Gott. 

Zeit der ­Gnade, Tag des Heils – Jetzt? Jetzt nicht. ­Vielleicht früher. Da war alles ­besser – auch in der Gemeinde, in „meinen Kreisen“. Da gab es noch offene ­Ohren für diese Botschaft vom Heil. ­Wirk­lich?

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Marie im Goldtor

Von Ruth Passauer

Er hat gut reden, denke ich.  Das Böse zu überwinden ist nicht möglich – so einfach ist das. Jedes Kind weiß das. Das Böse ist all­gegenwärtig, bedrängt uns von ­außen, oft bis in den Schlaf hinein.

Ich rede mit Paulus. Ich will wissen, wie er sich das gedacht hat. „Steinbruch!“, sagt er. „Ihr brecht euch ein Stück aus dem Textgebäude und wundert euch, wie ich das wohl gemeint haben könnte.“

Lest mal das Kapitel 12 ganz. Metanoia, griechisch für Sinnesänderung, das sei euer vernünftiger Gottesdienst! Und das gelingt nicht ohne eine gewisse Überwindung. Ich kann dagegen halten, wenn mich Böses überwinden will. Das nicht zulassen. Und obendrein Gutes tun. (...)

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Michas Dreisatz

Von Jutta Schreur

Was tun? Darüber wird viel gestritten in diesen Wochen, in denen täglich viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Zu vollmundig oder naiv erscheint vielen das zuversichtliche „Wir schaffen das!“ der  Kanzlerin, und die selbsternannten Verteidiger des christlichen Abendlandes bilden menschliche Mauern an den Grenzen. Was tun? Kann der biblische „Dreisatz“ des Micha, Recht tun, Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott, eine Entscheidungshilfe sein? „Recht tun“, das heißt in der Bibel nicht einfach nur, alle Gesetze und Gebote zu befolgen, sondern meint vor allem, für das Recht der Schwachen einzutreten. Es ist untrennbar verbunden mit Gerechtigkeit, dem Einsatz für die Benachteiligten und Schutzsuchenden. Mit Güte soll dieser Einsatz verbunden sein, mit Barmherzigkeit und Freundlichkeit, das alles ist im Bedeutungsspektrum des hebräischen Wortes enthalten. Güte bewahrt vor Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit, vor moralischer Überlegenheit. Und sie hilft, besonnen zu bleiben. Das ist das dritte, was Micha rät: Besonnenheit. Keine Schnellschüsse also, sondern aufmerksames Wahrnehmen, sorgfältiges Nachdenken, überlegtes Handeln. (...)

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Ein großer Trost

Von Jürgen Israel

Diese Zusage übersteigt jede menschliche Vorstellung. Sie umfasst mein ganzes Leben. Sie gilt nicht nur für Gegenwart und Zukunft, das können wir uns vorstellen. Sondern sie gilt auch für die Vergangenheit. Nicht nur, was uns an Unheil widerfahren ist, soll heil werden, sondern auch das, was wir anderen Menschen angetan haben, soll wieder heil werden. Wie soll das geschehen?

Das meiste von dem Unheil, das wir zu verantworten haben, können wir nicht wiedergutmachen. Aber wir können Gott bitten, können ihn bestürmen: Mache du heil, was ich falsch gemacht habe. Wende du zum Guten, was ich Schlechtes getan habe. Das ist ein großer Trost. (...)

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