Einfach Jeder

Von Beate Wolf

Am Anfang ist es immer ganz einfach. Da gibt es die pure Logik, die ausnahmslose Ethik. Der Anfang beginnt ­immer mit: „Jeder!“ Dann können Sie wahlweise dazu fügen „Raucher“ oder „Asylbewerber“ oder auch „Hartz IV-Empfänger“. Danach kommt die unmissverständliche eindeutige Beurteilung, wie „Jede!“ so ist: faul, undiszipliniert, rückständig. Ach, suchen Sie sich einfach was aus – es passt schon.

Und dann folgt die Lösung. Die ist leicht, kommt aus dem „gesunden Menschenverstand“ und muss nur konsequent durchgesetzt werden: „Jeder“ wird jetzt zwangsentwöhnt, rausgeschmissen, zur Arbeit gezwungen. Fertig.

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Leben als Wettrennen

Von Jens Blanck

Der Kleiderschrank ist für mich sinnbildlich für die heutige Zeit geworden. Alles muss chic sein. Das Alte fliegt raus, der neue Trend muss rein. Und dieser dauer­hafte Wechsel ­findet immer schneller statt. Jene, die dabei mithalten, sind „in“ und die anderen glauben, ein Problem zu haben. Wenn es sich dabei aber nur um Sachen handeln würde, könnte man ­meinen, dass es noch lange keine schlimme Angelegenheit ist. Doch leider wurde das Prinzip auf alle Lebensbereiche übertragen. Als ob das Leben ein Wettrennen mit der Zeit wäre mit dem Ziel, nur nicht abgehängt zu werden. Dass wir ­dabei aber Scheuklappen aufhaben, unseren Nächsten nicht mehr wahrnehmen, sogar schon dumpfen Parolen zusteuern und somit unsere Menschlichkeit verlieren, übersehen wir nicht nur, sondern feiern applaudierend mit.

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Erhöht am Kreuz

Von Jutta Schreur

Der Wochenspruch fasst die Theologie des Johannesevangeliums in einem Satz zusammen. Sie genauso knapp zu erläutern, das klappt leider nicht, schon gar nicht mit mehr als zweitausend Jahren Abstand. Gibt es doch über jeden einzelnen Begriff – Menschensohn, erhöht, ewiges Leben – viele Bände Literatur und viele Meinungen.

Ob es dem Pharisäer Nikodemus besser erging, als Jesus im nächtlichen Gespräch mit ihm diese Bemerkung macht? Zumindest wird er die ­biblischen Anspielung verstanden haben.

„Menschensohn“ ist eine Bezeichnung, die sich schon im Alten Testament findet, mit dem Messias und einem endzeitlichen Richter identifiziert wird und die Jesus hier auf sich selbst bezieht. Die Erhöhung wiederum bezieht sich auf eine Geschichte im Buch Mose. Das Volk Israel wird auf seiner Wüstenwanderung vor einer Schlangenplage gerettet, und zwar, indem eine metallene Schlange an einem langen Stab befestigt, also erhöht wird. Wer darauf schaut, wird gerettet.

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Selbstlose ­Hilfsbereitschaft

Von Jürgen Israel

Wer kennt das nicht: Da hilft ­einer einem anderen, durchaus selbstlos, durchaus mit Opfern an Zeit, Geld und Anstrengung – und erwartet danach aber, dass der andere sich „erkenntlich“ zeige, dass er sich ihm verpflichtet fühle. Der Helfer will nun, bewusst oder unbewusst, Macht über den anderen aus­üben.

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Ein Bild der Hingabe

Von Angelika Obert

Jesus selbst zu malen, fand ­Vincent van Gogh unmöglich. Doch gibt es ein berühmtes Bild von ihm, das ausdrückt, wie er ­Jesus verstanden hat: das Bild vom ­Sämann. Ein bäuerlicher Mensch, der mit großer ­Arbeiterhand sorgsam Samen auswirft auf weites Land. Unbeirrbar schreitet er voran. Ihm entgegen ragt ein dunkler Baumstamm. Seine dornengleichen Äste lassen den Leidensweg ahnen. Aber die Dornen tragen Blüten. Am Horizont glüht eine große Sonne. Sie steht für die Kraft und die Herrlichkeit, für das Leben und die Frucht, die wachsen wird. In ihrem Dienst ist der Sämann unterwegs auf diesem Bild der Hingabe.

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Ohne Rück-Sicht

Von Angelika Behnke

Früher war alles viel besser!, heißt es oft. Früher hielt man mehr zusammen, da lernte die Jugend noch, was sich gehört, früher konnten wir angstfrei Silvester feiern, früher waren wir das Volk. Jesus geht es um das große Ziel: Gottes Herrschaft soll in der Welt Gestalt gewinnen. Deshalb verurteilt Jesus diese „Rück-Sicht“ so radikal. Sie lähmt, wenn wir mit verklärtem Blick auf Vergangenes starren. Wir erstarren wie Lots Frau. Wer nur Augen für das Gewesene hat, steht in der Gefahr, andere auf negative Rollen in der Geschichte festzulegen. „Aha, du arbeitest in der Kirche!? – Und die Kreuzzüge?“ „Du bist also Moslem!? – Und dein Frauenbild?“

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Sprachkurs

Von Matthias Brix

Das passiert mir öfter: Bevor der Wecker um 6.15 Uhr klingelt, sitze ich gekrümmt im hinteren Teil eines Busses, der in hoher Geschwindigkeit schleudert, die ­Haftung verliert und auf der Seite liegend auf einen Betonpfeiler ­zurast. Ich halte die Augen geschlossen, ich will nichts ­sehen, ich höre nur die Reibung vom Blech der Karosserie auf der Fahrbahn. Ich denke noch, jetzt ist es gleich aus und zähle die letzten Sekunden.

Ich habe überlebt, weiß ich, als es still ist und ich die Augen öffne. Aber nicht ich habe überlebt, bemerke ich meinen Irrtum, ich habe nichts getan, ein anderer hat mich überleben lassen.

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Mauern einreißen

Von Ute Gniewoß

Christus zerstört die Werke des Teufels. Das klingt nach Gewalt, nach Kampf. Kämpfe im Fernsehen ertrag ich gerade noch, da kann ich zu Hause still vor mich hin heulen und keiner tut mir was. Kämpfe, in die ich verwickelt werde, versuche ich zu meiden. Dabei weiß ich: Ich bin ein Teil der Kämpfe auf dieser Welt, ob ich will oder nicht.

Ob in Europa wieder Zäune hochgezogen werden, hinter denen geflüchtete Menschen sterben, oder nicht, das hängt nicht nur von ­Politikern ab, sondern auch von uns allen – und auch von mir. Ob wir uns gewöhnen an alltäglichen Rassismus und an alltägliche Armut – ich würde so gern so tun, als hätte ich nichts damit zu tun, aber ich habe damit zu tun.

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Ein Weg gegen den Tod

Von Wolf Krötke

Einen Todesmarsch kündigt Jesus hier an. Hinauf nach Jerusalem geht’s, hinab in einen furcht­baren Tod. Aber es ist kein Todesmarsch, wie wir ihn kennen. Uns stehen die Todesmärsche aus den Konzentrations­lagern und die Flucht von Menschen über das Mittelmeer und die „Balkanroute“ vor Augen. Sie sind angetrieben oder verursacht von Bütteln des Todes. Der Weg in den Tod, zu dem Jesus aufbricht, aber ist ein Todesmarsch gegen Tod.

Von den Jüngern, zu denen ­Jesus hier redet, heißt es am Ende dieser „Leidensankündigung“: Sie verstanden nicht, was er ihnen sagen wollte. Sie waren gewiss nicht begriffsstutzig. Denn Jesus redet hier glasklar. Doch was er ankündigte, ging über ihr Fassungsvermögen.

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Zeit, sich zu ­erinnern

Von Bernd Krebs

Leidet unsere Gesellschaft unter kollektivem Gedächtnisverlust? Nach 1945 galt es, vierzehn Millionen Flüchtlingen eine neue Heimat zu schaffen. Mit den „Fremden“ das Wenige teilen zu müssen, das nach dem Krieg geblieben war, dazu war aber nur eine Minderheit bereit. Vielerorts schlug den Flüchtlingen blanke Ablehnung entgegen. Die Angst vor „Überfremdung“ ging um.

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