Demütig bleiben

Von Jürgen Israel

In einem Gedicht des jüdischen Dichters Schalom Ben-Chorin heißt es: „So einfach und so schwer / hat Gott den Weg beschrieben.“ Ja, so einfach, so klar ist Gottes Wille ausgesagt. Und zugleich so schwer, weil wir keine Ausreden finden, weil wir unser selbstsüchtiges Leben ändern müssen.

Was heißt das für uns Christen in Deutsch­land im Jahr 2016? Das heißt: ­Obdachlose aufnehmen, Hungrigen Nahrung geben, Arme mit Kleidung versorgen. Das heißt auch, ihre Fremdartigkeit akzeptieren, ganz gleich, ob sie aus Deutschland stammen oder ob sie eine gefähr­liche Flucht aus Kriegs- und Hungergebieten hinter sich haben. Und dabei demütig bleiben, weder Lob noch Dank erwarten.

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Brüderchen und Schwesterchen

Von Sibylle Sterzik

Ordensschwester, Kegelbruder, großer Bruder Russland. Brüder gibt’s allerhand und sehr verschiedene, Schwestern auch. Pfarrer ­sagen „Bruder“ zueinander, Pfarrerinnen „Schwester“. Vertraut klingt das und liebevoll. Manche lassen es lieber. Wenn Clinch in der Luft liegt oder der andere gerade mit nicht sehr freundlichen Mails an die Superintendentin das Vertrauen zerrüttet. Das gibt’s auch ­unter Christen. Wieso auch nicht. In der Bibel war’s auch schon so. Kain erschlug den Abel, die Brüder verkauften Joseph, Jakob betrog Esau um den väterlichen Segen.

Mit Brüdern oder Schwestern kann man Pferde stehlen, sich an die Gurgel gehen oder tun als geb’s einander nicht. Das wechselt manchmal über die Jahre. Vertraut und eng in Kindertagen gehen ­Brüder und Schwestern ­später ­eigene Wege. Abraham und Lot, Onkel und Neffe, machten das auch so. Besser weit weg als ­ständig Hauen und Stechen.

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So einfach ist das nicht

Von Angelika Obert

Sophie Scholl zum Beispiel. Die betende 22-Jährige, die den Widerstand wagt, alle Angstbarrieren und auch die gebotene Vorsicht überschreitet, im Traum das Himmelslicht sieht, schließlich aufrechten Hauptes ihrer Hinrichtung entgegengeht – ihr Glaube hat die Welt überwunden. Dafür bewundern wir sie. Für die ­eigenen Kinder wünschen wir uns wohl lieber eine schöne Karriere, also auch eine mühelose Anpassungs­fähigkeit an die Spielregeln dieser Welt. Wir leben ja auch nicht in ­einer mörderischen Diktatur. Um passabel dazustehen, müssen wir uns nur der Logik des Geldes ­fügen, der Logik des Wettbewerbs, des Gewinns, des Erfolgs. Was ist falsch daran? Haben Geld und Erfolg nicht immer die Vernunft auf ihrer Seite?

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Unvergängliche Kraft

Von Angelika Behnke

„Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Regisseur Woody Allen bringt mit Augenzwinkern auf den Punkt, was viele Menschen beschäftigt: die Angst vor dem Ende und der Endlichkeit des Lebens. Jedoch: Wir sind ja oft beim Sterben dabei. Erleben mit, wenn es passiert, dass wir an unsere Grenzen kommen – nicht erst im letzten Viertel unserer Jahre, nicht allein im Hospiz und auf der Intensivstation.

Ein Schulkind nimmt wahr, dass den Klassenkameraden das Lernen leichter fällt; selbst muss es die Klasse wiederholen. Chancen und Mühen – begrenzt. Eine Partnerschaft zerbricht – Beziehungen sind endlich. Auch der Wahlerfolg der AfD lässt die Angst vor Endlichkeit und begrenzten Ressourcen unheilvoll aufblitzen.
Angst – eine Macht, die sich unser bemächtigt. Entweder stellt sie vollkommen ruhig oder sie macht aggressiv; so oder so: tödlich. Die Rattenfänger der Geängs­tigten pfeifen ihre verführerischen Melodien und locken ihre Anhänger aus Stadt und Gemeinwesen heraus.

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Beten mit Gewicht

Von Matthias Brix

Er sitzt in einem Café in Berlin-Weißensee und spricht nur ­leise. 31 Jahre alt ist er, 2,01 Meter groß, 126 Kilogramm schwer: ­Robert Harting. Er beherrscht die schwerste Disziplin der Olympischen Spiele: Diskuswerfen. Er hat sich vor zwei Jahren verletzt, Kreuzbandriss, links, das macht ihn nachdenklich.

Die Diskusscheibe ist zwei Kilogramm schwer. Mit eineinhalb Umdrehungen wirft er sie einmal 70,66 Meter weit!
Diskuswerfen ist eine Kombination aus perfekter Technik, dynamischer Beschleunigung und brachialer Kraft. Robert Harting weiß: Es geht um das Werfen, nicht um das Fallenlassen! Christen vergessen das leicht, wenn es um die Sorgen der Welt geht.

Welches Gewicht haben Ihre Sorgen und mit welchem Dreh bringen Sie die Sorge in Bewegung, um ihr die richtige Richtung zu geben und sie auf Gott zu werfen? Gebet ist kein Sport, aber es braucht Übung, Kraft und Beschleunigung. Sorglose lassen die Sorgen nur liegen.

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Trotz alledem

Von Jürgen Wandel

Einige, die diese Zeilen lesen, dürften gerade aus dem Urlaub ­zurückgekehrt sein. Hinter ihnen liegen Tage, in denen die Abfahrtszeiten von Bahn und Bus, die ­Essenszeiten im Hotel und die ­Öffnungszeiten der Museen die einzigen Termine waren, die sie einhalten muss­ten. Sie ­ließen sich von Natur und Kultur entzücken und staunten über die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung. Aber gleichzeitig verreckten in ­Syrien Menschen. Und im Lokalteil der Zeitung standen Todesanzeigen.

So hat sich auch „in dieser schönen Sommerzeit“ gezeigt, was jeder feststellt, der sich umschaut und auf sein Leben zurückblickt. Das Leben ist zwiespältig, ambivalent: Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg, Liebe und Hass, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod gehören dazu, liegen oft nahe beieinander. Das weiß auch der 103. Psalm: In Vers 4 vergleicht er den Menschen mit einer Blume, die blüht und vergeht. Und trotzdem fordert er zum Loben auf.

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Wache Augen und ­tatkräftige Hände

Von Wolf Krötke

Wer dieses Wort Jesu verstehen will, muss die Geschichte kennen, in der es steht (Matthäus 25,31–46). Sie handelt vom Weltgericht. Jesus erzählt von einem König, der Menschen danach beurteilt, wie sie sich zu ihm verhalten haben. Die aber wissen gar nicht, dass sie es mit ihm zu tun hatten.

Der König – Jesus meint sich selber – klärt sie auf. Er ist ihnen in den Hungernden und Durstigen, den Fremden und Nackten, den Kranken und Gefangenen begegnet. Wer ­ihnen half, half ihm. Wer sie links liegen ließ, ließ ihn bei seinen „geringsten Brüdern“ allein.

Auf wen sollen wir den aus dieser Geschichte isolierten Wochenspruch beziehen? Sicherlich zuerst auf die, die von Jesus nichts wissen, aber die doch „teilnehmen an der Weite des Herzens Christi“. Es gibt sie überall. Denn es gibt Jesus überall auf der Welt. Er bewegt Menschen über Grenzen von Religionen und Weltanschauungen hinweg, Hass und Todeswut das ­Wasser abzugraben.

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Falsche Propheten

Von Bernd Krebs

Sie geben sich als Stimme des „kleinen Mannes“, sprechen „endlich“ aus, was (angeblich) niemand sagen dürfe. Sie hetzen lautstark und rücksichtslos gegen „Ausländer“ und Schwule, „korrupte“ ­Politiker, „Lügenpresse“ und das
„ganze System“. Die „Alternativen“, die sie anzubieten haben, würden den Praxistest nicht bestehen. Denn Isolationalismus und Nationalismus („Unser Land zuerst“) helfen in unserer global vernetzten Welt nicht weiter. Den Preis würden erneut die „kleinen Leute“, die Kranken, die Schwachen und die Ängstlichen bezahlen.

Und doch gibt es eine steigende Anzahl derer, die ihr Heil ausgerechnet bei Trump, Le Pen, ­Farage oder Gauland suchen. ­Paradox. Die Sehnsucht nach der „starken Hand“, die „alles richten“ soll, ist nicht neu. Bereits der Prophet Jesaja warnte sein Volk.

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Hochmut klebt

Von Beate Wolf

Gefällt Ihnen dieser Satz? Wenn ja: Dann sind Sie kein ­demütiger Mensch. Hochmut ist das Bedürfnis, sich zu vergleichen und besser dazustehen als andere.

Karl Barth definiert Hochmut als angeboren, als Erbsünde. „Ich könnte es besser als du, vielleicht sogar besser als Gott!“ Aber dann machen wir– nichts!

Die Wahrheit ist: Wir sind viel zu träge, um es „besser“ zu ­machen. Trägheit ist nämlich Teil zwei der Erbsünde. Aber wir geben nicht zu, träge zu sein. Deswegen ­begründen wir unser Nichtstun mit „mangelnder Zeit“ oder „weil mich ja niemand gefragt hat“.

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Unauslöschlich eingebrannt: A – 7713

Von Helmut Ruppel

Tag vor Text? Zweimal im Kirchenjahr sollte es erlaubt sein: Am theologisch leidempfindlichsten Tag des Jahres, dem Karsamstag, dem Tag ohne Siegersprache, und am Israelsonntag, dem Tag, an dem christliche Mitleidsunfähigkeit sich wider uns richtet.

Tag vor Text? Diesmal sogar Mensch vor Text: A-1713, Elie ­Wiesel, dem jüdischen Schriftsteller und KZ-Häftling, der den Holocaust überlebte, in die Haut gebrannt, Mal unauslöschlicher Erinnerung, mit ihm ist er am Monatsanfang gestorben.

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