Genug ­Gottesspeise

Von Heilgard Asmus

Werbung geht so: Heute umsonst ­essen und trinken 10 bis 11 Uhr! Oder so: „Spargel satt“ nach nur einmal ­bezahlen! Die „Happy Hour“ ist auch sehr beliebt. Das alles steht hoch im Kurs, wir sind eingeladen zum Schlemmen.

Das Wochenlied klingt nach mehr. Auch hier geht es darum sich ­zu bewegen, wir sind eingeladen zum Gastmahl. Kommt her. So ganz ohne Ausrufezeichen kommt diese Ein­ladung aus. Die Melodie ist anfangs ruhig, fast wie gesittet. Sie wird ­bewegter, leichter, beschwingter.

Und dann summen in mir die Worte, die gar nicht so happy klingen – betrübte Seele, krankes Herz, verfehlte Menschen, sich und anderen gram sein, Not und Jammer. Kommt her, ihr seid geladen. Umsonst werden Ohren und Bauch gefüllt, die Seele kann satt werden, der Gram getröstet. Es ist wirklich genug Gottesspeise für alle da beim Abendmahl und im Feiermahl.

Umsonst speist Gott, aber nicht vergeblich, es hat ja Folgen für uns. Wie schön altertümlich, fast fremd und doch so kraftvoll in der Bildsprache, können wir singen: Aus verzagten Sündern werden versöhnte Kinder. Ja, das will ich singen und glauben. Mit befreiter Seele jauchzen, singend erzählen von der tiefen Wundermacht, die Jammer stillt, der fast verzweifeln ließ.

Und ich lege mir neben das ­Wochenlied mein Herzensgedicht von Rainer Maria Rilke: „Rast. Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärg­licher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut.“

Eine Frau in der Wüste

Von Amet Bick

Das Lied erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte, die so alt ist wie die Menschheit. Es erzählt von der Reise durch die innere Wüste, die Wüste der Gottverlassenheit. Die Bilder sind so stark, dass ich mir einzelne Verse wie Filmszenen vorstelle. Eine Frau an einem unwirtlichen Ort streckt ihre leeren Hände in den leeren Himmel. Niemand ist da, der ihre Geste wahrnimmt. Sie ist allein. Gott ist fremd und fern, nicht anzutreffen. Zweifel werden zu Verzweiflung. Der Tod erscheint wie die einzige mögliche Zukunft mit ihm.

Aber die Geschichte, die das Lied erzählt, die Wüstenwanderung, bleibt hier zum Glück nicht stecken. Die Hände sinken wieder, die Frau findet die Kraft weiterzugehen. Sie will reden, ein Gespräch, sie stellt Fragen. Gott ist nicht zu sehen, aber vielleicht geht er schon lauschend neben ihr. Ihr zugewandt, lächelnd, weil er spürt, wie sie brennt vor Sehnsucht. „Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?“ Sie fragt so drängend und so wild, als hinge ihr Leben davon ab. Kann sein, Gott ging schon immer neben ihr und sie hat es nicht gespürt. Die beiden bleiben stehen. Die Frau schließt die Augen. Gott tritt aus dem Dunklen, dem Ungefähren. Sie hört sein Wort, fühlt seinen Trost. Ihre innere Wüste ­verwandelt sich in eine Landschaft voller Schönheit. Das gelobte Land ist ein Ort ohne Grenzen.

Damit ist die Geschichte erzählt. Das gelobte Land ist in mir. Ich kann weit gehen, aber ankommen muss ich in mir. Die Frau ist jetzt ganz ­ruhig, sie lächelt selig wie eine ­Liebende. „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“, sagt sie zu Gott.

Behüter, Licht und Tröster

Von Johanna Friese

„Resilienz“ ist in aller Munde. Als ­geheimnisvolle Kraft, die es möglich macht, sich durch Krisen zu manövrieren, Widerstand auszuhalten und trotz allem optimistisch nach vorne zu sehen. Ob einem das leicht fällt, ist eine Typfrage, aber man kann etwas dafür tun. Wer sich ­erinnert, dass er in allem, was auch passieren mag, von Gott angesehen ist, ist schon auf dem richtigen Weg.

Gerhard Tersteegens Lied „Brunn alles Heils“ ist ein Segensgebet. Er empfahl es „morgens, abends, bei Tisch, nach der ­Predigt und zu aller Zeit gläubig zu beten“. Der fromme Kaufmann und Weber aus Mühlheim an der Ruhr veröffentlichte sein Lied in seinem Erbauungsbuch „Geistliches Blumen-Gärtlein inniger Seelen“ von 1745. Wer es betend mitsingt, bemerkt schnell die Steigerung bis zur letzten Strophe. Jeder Seinsweise Gottes – dem Vater, Sohn und Heiligen Geist – ordnet Tersteegen ein allumfassendes Wirken zu: als Behüter, Licht und Tröster.

So vielschichtig sind Segens­erfahrungen und oft erst rückblickend zu deuten. Leicht zu haben sind sie aber nicht. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, sagte Jakob am Jabbok nach einer dunklen Nacht. Dennoch: gesegnet und gehalten. Ein Segen kann nicht im magischen Sinne vor Unheil bewahren, aber zu einem anderen Blick und Selbstverständnis verhelfen. In der fünften Strophe findet sich die ­passende Segensbitte an Gott gerichtet: „O Segensbrunn, der ewig fließt: durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll!“

Diese Gewissheit bringt mehr als jeder Versuch, aus eigenen Kräften möglichst widerstandsfähig durchs Leben zu gehen. Und es befreit:
nicht alles selbst erringen müssen und sich manches geschenkt sein lassen.

Niemand besitzt die Wahrheit

Von Jürgen Wandel, Theologe und ­Redakteur bei ­zeitzeichen

Den Choral „O komm Du Geist der Wahrheit“ kann man leichter singen als viele moderne Kirchenlieder. Denn der Rhythmus ist einfach. Und die Melodie reißt mit. Sie ist so beschwingt und fröhlich, dass selbst der, der kein Wort Deutsch versteht, spürt, dass es um Zuversicht geht.

Die Singenden bitten um den Heiligen Geist, den „Geist der ­Wahrheit“, der „Licht und Klarheit“ verbreitet. Und das ist auch nötig. Denn kein Mensch besitzt die Wahrheit, weder der Papst, wenn er ein Dogma verkündet, noch der ­Protestant, der die Bibel mit dem Wort Gottes gleichsetzt, oder Theologieprofessoren, die die Entstehung der Bibel erforschen. Die Wahrheit, auch die in der Bibel enthaltene, kann der Mensch erst, nur mit Hilfe des Heiligen Geistes erkennen.

Und der weht, wo er will. So ­haben in den vergangenen 50 Jahren immer mehr Christen in unseren Breiten erkannt, dass es der frohen Botschaft Jesu, dem Evangelium entspricht, Frauen und Schwule, die sich nicht verleugnen wollen, zum Pfarramt zuzulassen.

Die sechste Strophe des Chorals ­befremdet. „O wahrlich, wir verdienen solch strenges Strafgericht; uns ist das Licht erschienen, allein wir glauben nicht. Ach lasset uns gebeugter um Gottes Gnade flehn, dass er bei uns den Leuchter des Wortes lasse stehen.“ Verdienen Menschen ein „strenges Strafgericht“, wenn sie nicht glauben, dass in Jesus „das Licht erschienen“ ist? Aber wer das barmherziger beurteilt, kann diese Strophe ja weglassen, wie das beim Deutschlandlied mit den ersten ­beiden Strophen gemacht wird. Und die Briten verzichten auf die zweite Strophe ihrer Nationalhymne und die Bitte, „Gott, der Herr“ möge ihre „Feinde zerschmettern“ (Oh Lord our God arise, scatter our enemies).

Paternoster ohne Pause

Stefanie Hoppe zum neuen Wochenlied

Vater unser im Himmel – oft bin ich allein, wenn ich es spreche. Ich bin allein und bin es doch nicht. Es sind viele Menschen um mich herum, in der Kirche, in der Friedhofskapelle. Es ist voll. Hin und wieder höre ich aus der einen oder anderen Ecke ein Wort, einen Vers. Auswendig können es viele nicht und doch kennen es alle Menschen – ja, das beten die da in der Kirche.

Manchmal bete ich das Vaterunser mehrmals am Tag. Nicht weil ich es möchte – nein, von Berufs wegen. „Vater unser im Himmel“, immer und immer wieder, in Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten, Hochzeiten, Sitzungen – dann denke ich manchmal an den Paternoster – jenen Aufzug, der unbeirrt ohne Pause durch die Etagen fuhr, hoch und runter, hoch und runter, einsteigen und austeigen. Wo muss ich einsteigen im Paternoster? „Nimm Gedanken des Zweifels und der Anfechtung fort.“

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Das Leben ein Lied. Ein Lied das Leben

Von Christian Stäblein 

Ein Ohrwurm, morgens aufgeschnappt, durch den Tag ist er immer wieder da, die Melodie, der Takt, eine Zeile. Alles, was wird, perlt, schwingt und bricht sich in diesem Ohrwurm. Das neue, zweite Wochenlied zu Kantate „Ich sing‘ dir mein Lied“ ist bestens „ohrwurmgeeignet“, das ist meine Erfahrung mit der herrlich belebenden brasilianischen Weise, die mich im Dreivierteltakt durch den Tag bringt.

Das Leben ein Lied, ein Walzer Gottes, in dem ich mitsummen möchte, ein Tanz, in dem – auch das klingt durch – nicht alles nur leicht ist: „trotz Streit und Verletzung“ (Strophe 4), „auf steinigen Wegen“ (Strophe 5), das gehört dazu. Das ganze Leben ein Lied, ja „mein Lied“, das ist ja eine Pointe unseres Glaubens, dass Gott, der „Hüter“ (Strophe 2), die „Freundin des Lebens“ (Strophe 4), sich mit unserem individuellen, konkreten Leben verbindet und wir eben dieses singen.

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Die Luft zum Leben

Von Linda Hochheimer

Der erste Schrei eines Babys. Er ist der wichtigste. Mütter und Väter warten auf ihn – und dann kommt er. Das Kind schreit sich in das Leben auf dieser Erde. Die Lunge entfaltet sich und in diesem Moment ist alles andere vergessen. All die Sorgen der Schwangerschaft, der Schmerz der Geburt. Die Eltern sind überglücklich und halten das Kind in den Armen.

Gott gab uns Atem, damit wir leben. Nie bedeutet das mehr, als beim ersten Schrei eines Neugeborenen. Der erste Atemzug ist getan. Doch es folgen weitere. Und die Luft zum­ ­Leben ist leider nicht mehr selbstverständlich.

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Woran sind Christ*innen zu erkennen?

Von Johanna Haberer 

Seit die Kirche den Sonntag als den Tag der Auferstehung feiert, ist der zweite Sonntag nach Ostern dem „Guten Hirten“ gewidmet. Die ältesten Darstellungen von Jesus zeigen auch nicht das Kreuz, sondern den Hirten, der ein Schäflein über der Schulter trägt. Dieses Motiv des Hirten, der jedes einzelne Lebewesen in seiner Herde von Geburt an kennt, inspiriert auch das Wochenlied „Es kennt der Herr die Seinen“. Wer einmal in den Wüsten und Steppen des Orients oder Afrikas die Hirten beobachtet hat, die für das Überleben ihrer Tiere kämpfen, fruchtbaren Boden aufspüren, vor allem Wasser, und die Tag und Nacht bei ihren Tieren leben, der ahnt, dass damit eine Überlebensbeziehung gemeint ist. Wie ein Hirte im trockenen Land für seine Herde sorgt, so sorgt Christus für uns und er kennt jeden einzelnen Christen, der sich zu ihm bekennt.

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Alles wie neugeboren

Von Theresa Rinecker

In den Ostertagen besingen wir mit „zarter Freude“ das zentrale Fest ­unseres Glaubens. Am Ostermorgen waren die Frauen – in aller Herrgottsfrühe – ans Grab gegangen. Sie wollten dem Toten noch einmal Ehre erweisen und Jesus salben. Dann jedoch, so erzählt es die Schrift, war der Grabstein beiseite gerollt. Erstes Erschrecken, ungläubiges Nachschauen, auch pures Entsetzen. Was war geschehen? In die Fragen mischte sich Hoffnung.

Was, wenn Jesus nicht bei den Toten geblieben ist? Was, wenn weiter von ihm zu erzählen ist als von einem, der lebt? Was, wenn …? In diesem ersten Fragen entstehen zarte Triebe neuer Hoffnung. Alles ist wie neugeboren. Auch bei uns und um uns herum.

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Passionszeit ist Bedenkzeit

Von Thilo Haak

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken. So schreibt es uns der sächsische Professor der Dichtkunst Christian Fürchtegott Gellert 1757 auf. Vor uns liegt die Karwoche, die letzte der sieben Wochen Passionszeit. Seit über einem Monat gehen wir in Gedanken, Worten und Taten durch die Leidenszeit Jesu. Unsere Gedanken wandern von den Ankündigungen seines Kreuzestodes hinauf nach Golgatha, dem Ort der Kreuzigung. Es ist keine einfache Zeit, denn sie bringt keine einfachen Fragen mit sich: Warum musste Jesus leiden? Warum musste er sterben? Welchen Sinn hat sein Tod?

Passionszeit ist Bedenkzeit! Sie ist nicht unbedingt Antwortzeit, denn die Antwort auf den Sinn des Todes Jesu gibt erst Ostern. Auf so einer ­Gedankenreise, die mich an Orte wie Bethanien, zu ungerechten Richtern wie Pilatus oder auf den Kalvarienberg führt, da kann ich schon mal schwach werden. Vor allem, wenn die Talfahrt des Bedenkens so lange geht. Da ist vielleicht so manches Fastenvorhaben vom Aschermittwoch wieder gebrochen.

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