Festhalten und hüten

Von Viola Kennert

Sei doch mal gnädig! Dieser kindliche Ruf, um einen Wettlauf zu gewinnen oder einer Rüge zu entkommen – das ist ein kindliches Spiel.

Begnadigung und „Gnade vor Recht ergehen lassen“ ist Ernst des Lebens: Es gibt kein Recht auf Gnade – doch es gibt das Recht, Gnade walten zu lassen. In unserem Miteinander ist die Gnade verbunden mit der Macht, großzügig sein zu dürfen und zu können.

Wir wünschen uns Gnade, wenn wir etwas falsch gemacht ­haben und von Strafe verschont werden möchten. Doch wenn das Gnädig-Sein das Recht aushöhlt, herrscht Willkür.

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Anderer Blick

Von Johanna Friese 

Sie wollte einen Verein gründen für Eltern, die wie sie ein schwer behindertes Kind großziehen. Mühsam musste sie Betroffene erst davon überzeugen, wie gut es wäre, sich persönlich auszutauschen und nicht nur übers Internet. Vor allem die Kinder könnten vom ­Zusammensein der Familien profitieren, glaubte sie. Sie würden zusammen spielen und einander zum Vorbild werden. Die Eltern könnten sich stützen und stärken. Denn ein erfülltes Leben, ob mit oder ohne Handicap, ist ein Leben mit anderen gemeinsam. Doch wie kommt und wie bleibt man zusammen und trägt sich gegenseitig?

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Favoriten und Gurkentruppen

Von Linda Ahrens

Was schon verloren ist, wird ­selig gemacht. Das Verlieren hat keine Endgültigkeit. Es kann aufgehoben und zum Guten gewandelt werden. Das verheißt der Wochenspruch. Verlierer können immer Gewinner werden.
Beim Fußball gibt es ständig Gewinner und Verlierer, zumindest bei großen Turnieren. Immer wird bis zum Ende gekämpft. Mannschaften, die schon weit zurück ­lagen, haben ein Spiel doch noch drehen können. Alles ist möglich.

Und nun ist es wieder so weit: Die Fußball-Europameisterschaft (EM) steht kurz bevor und bald können wir wieder mit fiebern, ­zittern und hoffen. Das bunte Fußballdeutschland ist begeistert. Es gibt einige Favoriten, es ist wahrscheinlich, dass einer von ihnen ­gewinnt. Aber es gibt auch Geheimfavoriten. Was ist mit Kroatien, was mit der Türkei oder Österreich. Lächerlich? Und was ist mit all den anderen Mannschaften, die sich für die EM in Frankreich qualifiziert haben. Wer wird es ­dieses Mal packen?

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Hier sind Verlierer die Gewinner

Von Stefanie Hoppe

Kein anderes Buch hat die Jugend zwischen 20 und 35 so stark geprägt wie Harry Potter. Egal ob als Film, Hörbuch oder tatsächlich gelesen – die Kinder sind mit Joanne K. Rowlings Zauberer-Parallelwelt aufgewachsen. Im zweiten Band bekommt der Romanheld von seinem weisen Schulleiter Dumbledore einen Rat mit auf den Weg, der den Zeitgeist unserer westlichen Gesellschaft auf den Punkt bringt: „Es sind unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind – viel mehr als unsere angeborenen Fähigkeiten.“

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Energiespeicher für Tage des Zweifels

Von Friederike von Kirchbach 

Mit anderen Worten sagt dieser Wochenspruch, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, ganz und gar auf meiner Menschenseite steht. Im Guten wie im Schlechten. Er ist damit nach eigener Aussage das, wonach sich jede und jeder im Leben sehnt. Ein treuer und ständiger Begleiter. Einer, der immer da ist. Einer, der meine Kränkungen kennt und teilt. Jetzt brauche ich das nur noch zu glauben. Dann könnte ich erleichtert und glücklich weiter leben. Denn ich bin ja nicht allein.

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Eigentlich ganz einfach

Von Johanna Haberer

Die gelehrte Lektüre über die „Dreieinigkeit“ oder die „Dreifaltigkeit“ oder lateinisch die „Trinität“ des christlichen Gottes füllt Bibliotheken. Dreihundert Jahre lang, zwischen dem 4. und dem 7. Jahrhundert nach christlicher Zeit, haben sich die Oberhäupter der Weltkirche gestritten, wie sich denn das Geheimnis von Schöpfung, ­Erlösung und Gemeinschaft in einem Gott zusammendenken lässt. Und bis heute stolpern Christen über die Dreiteilung im Glaubensbekenntnis: Ich glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den heiligen Geist.

Wie Gott und Jesus Christus ­zusammengehören, was sie trennt und was sie eint, darüber rätseln bis heute Gläubige und Religionsgelehrte: Ist Jesus ein wunderbarer Weisheitslehrer oder ist er wahrhaftig Gottes Sohn?

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Fest der Loslösung

Von Ulrike Trautwein

Himmelfahrt ist im Gegensatz zu Weihnachten schwierig. Jedenfalls, was das Feiern betrifft. Da fallen mir sofort die vielen kurios bis anrührenden Krippenspiele ein, die ich im Laufe meines Lebens genossen habe. Ich stelle mir vor, wie man Himmelfahrt als „Krippenspiel“ inszenieren könnte. Mit den Jüngern ist das kein Problem. Aber was macht man mit dem Jesuskind, der ja hier ein erwachsener Mann ist? Eine symbolische Kerze oder eine richtige Besetzung wie bei den Oberammergauer Passionsspielen? Wäre komisch, ihn dann ihn in die Höhe zu ziehen – das ­erinnert mich an ein Altarbild, auf dem nur Jesu Füße am oberen Bildrand zu sehen sind.

Tatsächlich gab es früher solche Himmelfahrtsspiele. Kreisrunde Löcher in den gotischen Gewölben der Berliner Marienkirche oder der Brandenburger Katharinenkirche erinnern daran. Man nannte sie Heiliggeistlöcher. Zu Himmelfahrt wurden dort Figuren durchgezogen. Danach regnete es Blüten­blätter herunter oder glimmende Leinenfasern als Zeichen für den Heiligen Geist mit seinen feurigen Zungen. Spätestens durch die Aufklärung verloren die Leute die spielerische Lust an solchen Inszenierungen. Kaum vorstellbar, sie wieder zu beleben.

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Spürbare Rettung

Von Viola Kennert

Gott sei Dank! In letzter Sekunde hat man ihn gesehen, den Radfahrer, das Kind, die kleine unscheinbare Frau – und man konnte bremsen. Im Flur des Krankenhauses nach dem Gespräch mit dem Arzt, nach bangen Stunden der Ungewissheit – oder wenn das Verlorene wieder auftaucht: Gott sei Dank! Das Gebet spiegelt eine intensive Erfahrung von Rettung wider.

Das Gebet zu festen Zeiten – morgens und abends, zu Tisch oder vor Beginn der Reise – orientiert sich an unserem Rhythmus und an Bedürfnissen – die Gebetszeiten im Kloster strukturieren den Tag.

Das eine ist Beten, hineingewoben in das Leben und das andere ist Leben, hineingenommen in das ständige Gebet. Zwei Weisen zu Beten – und unsere Welt ist davon erfüllt.

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Valleri und vallera

Von Sibylle Sterzik

„Singen tut man viel zu wenig, singen kann man nie genug. Frisch gesungen froh gelaunt, und so meistert man das Leben, dass man selber staunt.“ Die ältere Dame, die mir im Café gegenüber sitzt, sang den Kanon schon im Jugendkreis, sagt sie, als ich sie frage, warum sie so gern singt. Besser gesagt, sie singt es mir vor und dann gleich ein zweites Mal. Mit ihren 83 Jahren sprudeln Melodien und Texte immer noch glockenklar und fröhlich aus ihrer Kehle. Dann verrät sie: „Wenn wir nicht in der Kirche waren, haben wir auch etwas anderes als Kirchenlieder gesungen. ,Auf der Lüneburger Heide ... Valleri, vallera, und juchheirassa, und juchheirassa.‘“ Verschmitzt schaut sie zu mir herüber, und trällert Herman Löns Gassenhauer von 1911. Da blitzt es in den Augen, unverhohlene Lebensfreude.

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Alt und neu

Von Frank Schürer Behrmann

Im Radio hörte ich davon, dass die Sängerin Joan Baez mit 75 Jahren immer noch Konzerte gibt! Und sie ist nicht vermeintlich realistisch und altersweise geworden, sondern besingt den Frieden, die Gerechtigkeit und die Liebe mit derselben Leidenschaft und Ausstrahlung, wie beim ersten Konzert vor über fünfzig Jahren. Norbert Blüm scheut sich mit 80 Jahren nicht, in einem Zelt im Schlamm bei den Flüchtlingen in Idomeni zu übernachten.
Frau H. kommt in unserer Gemeinde mit 88 Jahren stets freundlich und gepflegt auf dem Fahrrad zum Seniorenfrühstück gefahren. Und Pfarrer im Ruhestand L. ist genauso alt – mit ihm kann ich mich gut und angeregt über ­aktuelle Themen austauschen.

(...)


Ausgabe kaufen und weiterlesen