Als mildtätig getarnt

Von Bernd Krebs

Der Verdacht fiel stets auf ihn. Aber man konnte ihm nichts nachweisen. Manchmal legte er selbst Hand mit an. Meistens aber schickte er seine Handlanger. Er zog die Fäden. Das Ganze war als mildtätiges Unternehmen getarnt. Doch es galt nur dem einen Ziel, den Gewinn dessen zu mehren, der an der Spitze stand. Macheath alias Mackie Messer.

Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ ist eine Parabel auf den Kapitalismus seiner Zeit. Werte wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Güte dienten nur noch als Sichtblende. Sie verstellten, was der eigentliche Zweck war. Sind die grundlegenden Werte aber in ihr Gegenteil verkehrt, bleibt anscheinend nur noch Zynismus.

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Gottes Wohngemeinschaft

Von Ulrike Trautwein

Bei diesen Worten aus dem Epheserbrief muss ich sofort an meine Zeit in der Wohngemeinschaft denken. Als ich zu studieren anfing, hatte ich keine Lust, alleine zu leben. In einer fremden Stadt wollte ich von Anfang an Menschen haben, mit denen ich den Alltag teile. Also habe ich mir eine Wohngemeinschaft gesucht. Zuerst waren wir uns ziemlich fremd, jeder kam woanders her. Aber in kurzer Zeit entwickelte sich so etwas wie Familie und wir wurden uns immer vertrauter. Wir lebten, aßen, diskutierten, beteten und feierten zusammen. Teilten Fröhliches und Schweres miteinander.

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Ulrike Trautwein ist Generalsuperintendenting des Sprengels Potsdam in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Geschichte der Erlösung

Von Viola Kennert

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Jesaja 43,1

Die Frau ist schon sehr schwach – vorsichtig wird sie aus dem Haus geführt. Noch einmal blickt sie aus allen Fenstern und nimmt das geliebte Zuhause in sich auf. Sie wird es nicht mehr wiedersehen. Nach wenigen Tagen im Krankenhaus wird sie erlöst. Bei ihrem Namen gerufen zu Gott – so werden die Trauernden es am Grab hören. Wir trösten einander: Sie ist in der Ewigkeit angekommen.

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Viola Kennert ist Superintendentin

Blick in den Spiegel

Von Linda Ahrens

Der Blick in den Spiegel. Keine Ahnung wie oft am Tag. Meistens ist es nur ein Kontrollblick. Morgens ein längerer, im Laufe des Tages immer flüchtiger. Wenn ich sehe, was ich erwarte, dann bin ich schon zufrieden. Nichts Außergewöhnliches im Gesicht, an den Zähnen und in der Nase. Manchmal ist da aber doch etwas. Etwas, das mich stört. Dann schaue ich in den Spiegel und frage mich: „Wer ist diese Frau und da?“

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Lastenträger im Namen des Herrn

Von Victoria Fleck

„Jeder hat halt sein Päckchen zu tragen.“ Und hat er gerade kein eigenes, dann soll er in Christi Namen das seines Nächsten schultern: Lastenträger im Namen des Herrn. So verhalten sich gesetzestreue Bürger im Reich Gottes. Und das steht ausgerechnet im Galaterbrief, der doch berühmt ist für die Freiheit, die Gottes Gnade den Christen schenkt.

Schöne Freiheit, denke ich und würde die Last gern wieder abgeben. Es läuft sich nicht so leicht unter diesem Gewicht. Andererseits habe ich auch gesehen, wie ungeschickt mein Nächster sie versucht hat zu schultern. Vor lauter Last hat er nicht einmal die praktischen Tragegurte gefunden. So, wie die Wiese des Nachbarn immer grüner ist als die eigene, scheint auch seine Last leichter zu sein als meine eigene.

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Im Blickfang Jesu

Von Helmut Ruppel

„Jesus war nicht nur der Sohn Gottes, er stammte auch mütterlicherseits aus bester Familie“, rief der Pariser Erzbischof den nach der Revolution zurückgekehrten Aristokraten zu. Aus besten Familien stammten sie alle. Das unterschied sie ja von den Revolutionären! So können wir das (von Jürgen Ebach aufgestöberte) Predigtzitat nur weiterdichten: „Er ist einer von euch, meine Freunde!“ Diese wundersame Verbindung von polizeilichem Führungszeugnis und respektvoller Marienverehrung nennt man eine offenkundige Projektion der eigenen Wertvorstellungen in die Bibel. Wer ist frei davon?

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Oase in der Mittagshitze

Von Jutta Schreur

Aus dem Lärm in die Stille treten. Die dicken Mauern halten die Alltagsgeräusche fern. Sonnenlicht bricht sich in den bunten Fenstern und ist warm, nicht grell.

Die stille Kühle ist eine Oase in der Mittagshitze. Sie kommt oft hierher, wenn sie Pause hat. Für einen Moment abschalten. Den schwierigen Fall draußen lassen. Die Akten auf dem Schreibtisch vergessen, die Mails, die sie noch beantworten muss, und den Bericht, den sie beim Schichtwechsel der Kollegin übergeben soll. Noch nicht an die Kinder denken, die sie später abholen wird, und nicht an Besorgungen und Haushaltspflichten. Das alles ist hier weit weg.

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Feste Kette

Von Stefanie Hoppe

Der eine sagt es, der andere sagt es weiter. Wie eine Kette ziehen sich die Träger der Botschaft aneinander. Aber die Kette kennt nicht nur ein vor, sondern auch ein zurück. Gott hat seinen Sohn gesandt, und der hat Jünger gesandt, hin zu den Menschen, die das Evangelium weitersagen. Entstanden ist eine Kette, die eine Botschaft trägt: „Gott liebt diese Welt.“ Von oben nach unten heißt sie: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Von unten nach oben heißt sie: „Wer die Liebe Jesu zu den Menschen verletzt, der verletzt damit auch die Liebe des Vaters.“ (...)

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Die Hütte bebt

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Das ist die Krönung: Europas Hochadel defiliert in Amsterdam über den roten Teppich. Der frisch gekürte König trägt Hermelin, die Frau an seiner Seite Diadem und Königsblau. Die Bevölkerung auf Straßen und Grachten jubelt. Die kleinen Prinzessinnen winken. Die alte Königin hat abgedankt und geht protokollarisch korrekt fortan hinter ihren Enkelinnen.

Das ist die Thronvision des Propheten Jesaja: Gott selber sitzt auf dem Thron Sein Saum füllt den Tempel. Geflügelte Serafim umschweben und lobpreisen ihn – die Hütte bebt.

Das ist die Realität: Die Kirchenbänke bleiben leer. Himmelfahrt ist Vatertag. Am Sonntag danach wird der Lobgesang auf die Mutter angestimmt, während in den Gotteshäusern nur ein verzagtes Häuflein mit zittrigen Stimmen das Lob Gottes anstimmt. Auf dem Thron sitzt König Konsum. Im Buchhandel schrumpft die Abteilung Religion auf Margot Käßmann, Anselm Grün und provozierende Titel wie: „Kirchensteuer – wozu?“ (...)

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Heilsame Verwirrung

Von Amet Bick

Wir haben so viele Erwartungen. Zum Beispiel davon, wie die große Liebe auszusehen hat, die Urlaubsreise oder die Geburtstagsparty verlaufen soll, wie die Kinder sich entwickeln oder das Land, in dem wir leben. Diese Erwartungen können, wenn sie besonders hartnäckig sind, immer wie ein Film neben dem eigentlichen Geschehen herlaufen und den Blick für das, was wirklich passiert, trüben.

Von den Menschen, die vor rund 2000 Jahren Jesus von Nazareth begegneten, hatten viele ihre genaue Vorstellung, wie ein Messias zu sein hat: ein glorreicher, strahlender Friedefürst, unsterblich und mit Zeit bis in alle Ewigkeit. Der Zimmermann Jesus, der mit ein paar Freunden und Freundinnen durch das Land zog, entsprach diesem Bild nicht. Und egal, welche Wunder er auch tat, was für Zeichen sich ereigneten, egal, ob er Lazarus wieder zum Leben erweckte oder Gottes Stimme aus den Wolken erklang, immer wieder  sagten sie: Wer bist du eigentlich? Wir glauben nicht an dich.

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