Hirte und Schaf

Von Sibylle Sterzik

Kenne ich Jesus wirklich als den guten Hirten? Bin ich sein Schaf? Ein Bild, das heute geringschätzig klingt. Ich wäre Teil einer Herde, gar nicht selbstständig und allein lebensfähig, ohne jemanden, der auf mich aufpasst oder mich auf eine saftige Weide führt. Wer will sich schon so sehen? Ich nicht! Aber vielleicht sieht Jesus mich ja so? In seinen Augen, mit seinem Wissen und seiner Beziehung zu Gott sieht möglicherweise alles ganz anders aus.

Da bin ich unselbständig, weil ich nicht allein in Gottes Nähe finde, sondern mich immer wieder verirre. Weil ich anderen Hirten hinterher laufe, die mich verlocken und seine Stimme ignoriere.

Bequemlichkeit ist ein falscher Hirte

Bequemlichkeit ist so ein falscher Hirte. Ich lese lieber von den Bürgerprotesten gegen Rechtsextreme im Stadtbezirk und bin stolz auf den Aufstand der Friedliebenden und Menschenfreundlichen, als selbst auf die Straße zu gehen. Ich höre den Gottesdienst lieber im Bademantel morgens auf dem Sofa im Radio als mich zur Herde in die Kirchenbänke zu gesellen.

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Neue Zukunft

Von Jutta Schreur

Was bleibt, wenn der Mensch, der alle Hoffnungen verkörpert hat, tot ist? Wenn die eigene Zukunft wie abgeschnitten scheint? „Ich habe mich gezwungen, ins Amt zu gehen“, erzählt der Diplomat Wolfgang Ischinger,  im ZEIT-Magazin  vor einiger Zeit.

Sein Sohn Florian hatte sich das Leben genommen. Dem Vater half die Routine. Der geregelte Tagesablauf war ein Geländer, an dem er sich festhielt. Aber die Leere blieb, einsam fühlte er sich. Bis ihn Kollegen ansprachen, die Ähnliches erlitten hatten. Sie wussten, wie er sich fühlte und ließen ihn spüren, dass er nicht allein war. Die Gemeinschaft tröstete ihn. Und dann kehrte auch die Hoffnung zurück in sein Leben, eine lebendige Hoffnung, die nicht nur dem trauernden Vater die Zukunft neu eröffnet hat.

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Wer zahlt?

Von Hans-Georg Filker

Transparenz ist das politische und gesellschaftliche Stichwort der Stunde. Absprachen in Hinterzimmern geraten zu Recht immer mehr in Misskredit. Die Risiken und Nebenwirkungen gehören genauso auf den Tisch wie ein Offenlegen der gesamten Kosten. Wir wollen auch wissen, wie die Finanzierung aussieht.

Ich möchte in diesem Jahr – auch in Wahlkampfzeiten – nicht mehr veralbert werden durch Slogans wie „kostenlose Bildung für alle“ (und Ähnliches). Jedes Kind weiß: Weder arbeiten Lehrer umsonst noch heizt sich das Schulgebäude von selbst, und von allein wird es auch nicht sauber. Wer zahlt? Weder Regierung noch Opposition, sondern der Bürger, der Steuerzahler. Und wer kommt für Schulden auf? Das wird gerne verdeckt.

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Ausgedient?

Von Ute Gniewoß

Da sitzen engagierte Kirchenfrauen zusammen und denken darüber nach, wie sie Beruf, Familie und freiwilliges Engagement zusammenbekommen. Sie fühlen sich überfordert von inneren und äußeren Ansprüchen und sagen irgendwann resigniert und die Augen verdrehend: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.“ Oft habe ich diesen Satz gehört, immer aus dem Zusammenhang gerissen und immer mit einem ironischen Unterton.

Ob es um Frauenarbeitsverhältnisse im Niedriglohnbereich geht, um das Selbstverständnis von jungen Pfarrfrauen und Pfarrerinnen, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie: Das Wort „Dienst“ wird von vielen sehr kritisch gehört. Das ist verständlich, wurde es doch oft benutzt, um hierarchische Verhältnisse zu verschleiern und unbezahlte Mehrarbeit moralisch untermauert einzufordern. Der Begriff „Dienst“ wurde und wird so missbraucht. Ist er noch zu retten? Ich meine: um Gottes Willen, ja!

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Reiche Frucht

Von Jürgen Wandel

Der Mensch muss Dinge, die er mag, Menschen die er liebt, ja sogar sein eigenes Leben loslassen.  Das gehört zur Tragik des Lebens. Und man sollte den Schmerz, den sie verursacht, nicht mit Bibelsprüchen betäuben. Erst wenn Trauer zugelassen und aufgearbeitet worden ist, können auch andere Aspekte eines Verlustes ins Auge gefasst werden. Die harmlose Variante: Manch eine war enttäuscht, als sie auf eine Bewerbung eine Absage bekam. Doch rückblickend ist sie froh, weil sich so eine neue, bessere Perspektive eröffnete. Die harte Variante: Manch einer hat durch eine schwere Krankheit gelernt, worauf es wirklich ankommt und führt seither ein erfülltes Leben. Die brutale Variante: Jesus, der Prediger der Gewaltlosigkeit, wird Opfer brutaler staatlicher Gewalt. Doch am Kreuz zeigt(e) sich, wie Gott ist, dem Menschen zugewandt, besonders den Schwachen und Ohnmächtigen. Und es geschah, wovon jüdische Propheten geträumt hatten: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wurde auch zum Gott sehr vieler Nichtjuden.

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Der Berührbare

Wer träumt, kann zurücksehen: Das vertraute Wohnzimmer, ein gedeckter Tisch, das feine Teegeschirr mit Blumenmuster, die Wanduhr. Es ist das großelterliche Wohnzimmer, das immer so viel Ruhe und Geborgenheit für das Kind ausstrahlte.

Auf einem der Stühle sitzt meine Großmutter. Als sie mir ihr Gesicht zuwendet, wache ich auf und weiß: Die Großeltern, die meine Kindheit prägten, leben seit vielen Jahren nicht mehr. Aber der Traum war schön.

„Quellen des Lebens“, heißt der neue Film des deutschen Regisseurs Oskar Roehler. Ein autobiografischer Film, der von einem Kind berühmter Eltern erzählt. Der Vater will nichts von ihm wissen, seine Mutter nennt er in einem weiteren Film „Die Unberührbare“. Eine bedrückende Familiengeschichte. Sie zeigt: Vergangenheit ist unvergänglich. Sie holt uns ein in Träumen, Bildern und Erinnerungen.

Die Bilder der Vergangeheit ruhen lassen

Vergangenheit prägt. Sie kann Quelle des Lebens sein, aus der wir Kraft schöpfen und sie kann diese Quelle vergiften. Dann kann es heilsam sein, die Bilder der Vergangenheit ruhen zu lassen, besser noch: sich von ihnen zu befreien und neue, eigene Wege zu gehen. Doch manchmal findet sich die Quelle auch gerade in der Rückschau – im Vergangenen. Dann lohnt es, innezuhalten und zurückzusehen.

Das Kirchenjahr macht es uns vor, indem es wieder und wieder vergangene Bilder und Geschichten ans Licht holt, die nach Leben schmecken. In der Passionszeit sind es die Bilder eines Berührbaren. Quelle des Lebens für Menschen mit glücklicher oder schwerer Kindheit. Wer sich ihr zuwendet, kann leichter träumen und fröhlicher leben.

Barbara Manterfeld-Wormit ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Berlin-Lankwitz und in der Dreifaltigkeitsgemeinde.

Der Berührbare

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Wer träumt, kann zurücksehen: Das vertraute Wohnzimmer, ein gedeckter Tisch, das feine Teegeschirr mit Blumenmuster, die Wanduhr. Es ist das großelterliche Wohnzimmer, das immer so viel Ruhe und Geborgenheit für das Kind ausstrahlte.

Auf einem der Stühle sitzt meine Großmutter. Als sie mir ihr Gesicht zuwendet, wache ich auf und weiß: Die Großeltern, die meine Kindheit prägten, leben seit vielen Jahren nicht mehr. Aber der Traum war schön.

„Quellen des Lebens“, heißt der neue Film des deutschen Regisseurs Oskar Roehler. Ein autobiografischer Film, der von einem Kind berühmter Eltern erzählt. Der Vater will nichts von ihm wissen, seine Mutter nennt er in einem weiteren Film „Die Unberührbare“. Eine bedrückende Familiengeschichte. Sie zeigt: Vergangenheit ist unvergänglich. Sie holt uns ein in Träumen, Bildern und Erinnerungen.

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Keine Opfer

Von Bernd Krebs

Woran Generationen geglaubt haben, scheint heute nur noch schwer vermittelbar zu sein. Christus ist „für uns“ gestorben? Nein danke! Wir brauchen kein Opfer. Außerdem ist es entmündigend, wenn jemand stellvertretend für einen anderen handelt. Wenn schon Religion, dann sollte sie zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen. Die biblischen  Deutungen des Todes Jesu passen nicht zum Selbstbild des Menschen. Sie passten nie!

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Der Böse und das Böse

Von Rolf Wischnath

Vom Teufel haben wir uns verabschiedet. Aber hat das Böse nicht dennoch oft menschliche Gestalt? Eine befreundete Krankenhauspfarrerin nennt mir zwei „Beispiele“: Da sind die Tätowierungen auf dem Arm des in martialisch-schwarzes Leder gekleideten Mannes: ein Totenkopf, ein Sensenmann, Skinhead und Punker begegnen sich dort. Und zu Hause verwahrt er ein Hitlerbild, eine Hakenkreuzfahne und Orden. Symbole des Bösen, mit dem er seit früher Kindheit umzugehen hatte – immer wieder Opfer der Wutausbrüche seines Vaters. Die Langzeitwirkung dessen, das ihm angetan wurde, lassen das Böse wieder und wieder Gestalt gewinnen.

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Unterwegs sein

Von Viola Kennert

„Jerusalem“ lautet das Thema des Aufsatzes – doch wie soll man über eine Stadt schreiben, die wenige Kilometer entfernt liegt, aber unerreichbar ist? Mädchen und Jungen aus  der Schule Talitha Kumi in Beit Jala in Palästina erzählen von ihrer Sehnsucht nach der Stadt in ihrer Nähe, zu der sie keinen Zugang haben. Die Großmütter trösten: Wir geben die Hoffnung nicht auf – irgendwann werden wir auch nach Palästina hinauf gehen können.

Königlich und traurig liegt die Stadt vor mir, einer deutschen Reisenden, von Tel Aviv oder Bethlehem kommend. Ich habe Zugang nach Jerusalem – von allen Seiten. Die Hoffnung nicht aufgeben – dieser Satz bleibt haften nach den Tagen in Israel und Palästina.

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden.“ Es geht um den Weg, um das Gehen, das Unterwegs-sein. Die Kunst und die Gnade ist es, sich dem Weg anzuvertrauen, den Weg ernst zu nehmen. Beim Gehen achtsam und aufmerksam zu sein.

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