Gottes Handschrift in unseren Spuren

Matthias Brix zum neuen Wochenlied

Die Melodie aus Griechenland von Jo Akepsimas weckt in mir die Lust, mich selbst zu bewegen! Und der Text im französischen Original von Michel Scouarnec bestärkt mich: Es können gut viele Fußabdrücke von mir entstehen, gleich um die Ecke oder im letzten Winkel, wo die Vergessenen Zuflucht suchen!

„Wir haben die ‚pas‘ von unserem Gott gesehen.“ Die Titelzeile des Liedes spricht vom „pas“, einem Wort der französischen Sprache, das bei uns im „Fauxpas“, wörtlich „Fehltritt“, als Begriff für unangemessenes Verhalten und Taktlosigkeit verbreitet ist.

Fassen wir wieder richtig Tritt, Sie und ich? Sind wir weit davon entfernt? Ein Fauxpas der Kirche, ein Fehltritt, wenn wir nur noch die Jubiläen vergangener Bedeutung feiern und die Chancen des Augenblicks mit müden Augen beantworten. „Man darf keinen Menschen abschreiben oder für verrückt erklären!“, lautet der Leitspruch von Dominkanerpater Dietmar Zils, dem Übersetzer des Liedes. Schläft die Kirche in einer Welt, die sie verständnislos für verrückt erklärt, blättert in alten Fotoalben und weint dabei oft, gerührt von der eigenen Vergangenheit, verwaltet Werte wie ein Briefmarkensammler und vergisst die Heilige Schrift, die als Gegenwart aufgeschlagen draußen vor der Tür liegt? Lesen wir im Augenblick!

Die Lust an der Gegenwart kommt, wenn Sie und ich die Füße bewegen und wir bemerken, dass sich Gottes Handschrift in den Spuren unserer Schritte schreibt. Auf und los, das Lied auf den Lippen!

Wie geht Demut? Was ist Gnade?

Angelika Obert zum neuen Wochenlied

Was Demut ist und was Gnade, darüber wird nachzudenken sein, wenn es im Wochenspruch am 11. Sonntag nach Trinitatis heißt: „… aber den Demütigen gibt er Gnade“ (1. Petrus 5,5b). Das Lied von den „engen Grenzen“ kann da als ein Übersetzungsversuch verstanden werden. „Demütig“ – das heißt dann: Ich halte meine Überzeugungen nicht für das Maß aller Dinge, sondern bin mir meiner beträchtlichen Kurzsichtigkeit bewusst. Ich kenne meine Schwäche und verwechsle meine Ängstlichkeit nicht mit berechtigtem Sicherheitsbedürfnis. Ich verberge meine Verlorenheit nicht hinter einem Panzer von respektabler bürgerlicher Existenz.

Davon sprechen die vier Strophen des Liedes: Abgelegt wird die alltäg­liche Selbstgewissheit, wahrgenommen das schutzlose, sehr begrenzte Menschenkind, das ich auch dann bin, wenn ich es gerade nicht merke.

Aber nun: die Gnade! Sie wird im Lied beschrieben als die Erfahrung von Weite, Stärke, Wärme und Heimat. Wie schön! Nicht abstrakt ist diese Gnade. Sie ist vielmehr das Ende meiner engen Grenzen, eine Rundum-Erlösung, wie ich sie wirklich gern hätte. Nicht weniger ist uns ja auch versprochen, wenn es bei Paulus heißt: „In Christus: eine neue Kreatur“ (2. Korinther 5,17). Aber derselbe Paulus wird ja seine ­quälende Schwäche nun nicht los, sondern lässt sich von Gott sagen: „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (2. Korinther 12,9).

So ist die Gnade also doch noch etwas anderes als die Aufhebung meiner Grenzen? Vielleicht eher: dass ich die Grenzen annehmen kann? Was ist Demut? Was ist Gnade? Darüber kann man lange nachdenken …

Gottes Reich kommt

Von Ute Gniewoß, Pfarrerin in der ­Kirchengemeinde ­Heilig-Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg.

„Dann wohnt das Recht unter den Menschen und schafft Frieden, für alle Völker – Spruch unseres Gottes – sichere Zukunft“, heißt es im Wochenlied. Ist das billige Vertröstung oder reale Aussicht?

Des Öfteren zählen sich Menschen in Gesprächen die Schrecklichkeiten unserer Zeit in einem Atemzug auf. Von europaweitem Rechtsextremismus über Klimawandel bis zu „Jetzt noch dieser Johnson“ wird alles im Stakkato abgehakt. Andere nicken oder ergänzen die Liste. Es ist sicher gut, auszusprechen, was uns ängstigt, aber manchmal ist der Blick wie gebannt, fixiert. Manchmal sanktionieren solche Äußerungen nur Nichtstun oder befördern Resignation.

Biblisch aber wird uns das Kommen von Gottes Reich angesagt, jetzt und hier und irgendwann in Fülle. Wer diese Vision als kommende ­Realität nimmt und als Sehhilfe für die Wirklichkeit benutzt, entdeckt auch anderes: den Gottesdienst, in dem Menschen jüdischen, christ­lichen und muslimischen Glaubens aufrecht miteinander Anwaltschaft für Ausgegrenzte übernehmen. Oder die zahllosen Menschen, die noch immer darauf setzen, dass von ­Jerusalem Frieden ausgehen kann und wird.

Überall auf der Welt ­werden jetzt Menschen gerettet und beschützt. Ja, jetzt. Schaut hin, Gott arbeitet und viele Menschen auch. Ein riesiges Gerechtigkeitsnetz spannt sich um die ganze Welt. Starrt nicht auf das, was vergeht. Die Welt wird nicht bleiben, wie sie ist. Wir haben ­immerhin unser ganzes Leben, um in die Sehnsucht Gottes einzustimmen. Das ist nicht nichts, sondern sehr viel.

Lebendigkeit ­zurückschenken

Von Martin Herche, ­Generalsuperintendent im Ruhestand in Görlitz.

Sommersonnenvormittag. Die Initiativgruppe „Blühendes Ländchen“ trifft sich zum Erfahrungsaustausch in einer Gärtnerei. Zunächst ein Gang zu den Beeten. Die sind mit ­ihren farbenprächtigen Blüten, munteren Schmetterlingen und summenden Wildbienen ein Glück für die Sinne. Die Freude ist groß, das Fachsimpeln anregend. Dann folgt die Einladung zum Erdfest. Schade, wir können nicht bleiben. So mache ich mich im Internet kundig. 2019 gibt es zum zweiten Mal die bundesweite Initiative „Erdfest“. Motto: „Dem Lebendigen ­Lebendigkeit ­zurückschenken – bewusst sein. Eine Antwort geben auf den Zustand der Welt“. In diesem Jahr beteiligen sich schon mehr als 150 Gruppen.

„Die Erde ist des Herrn“, dichtete Jochen Riess für den Düsseldorfer Kirchentag 1985, dessen Motto aus Psalm 24 aufnehmend. Michail Gorbatschow war ­gerade Generalsekretär der KPdSU ­geworden. Richard von Weizsäcker hielt seine große Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und sprach sich gegen Gewaltherrschaft jeglicher Art aus.

Drum sei zum Dienst bereit! ­Gebrauche deine Kraft! Geh auf den andern zu! Leg deine Rüstung ab!, erschallte es beim Kirchentag 1985. Und: Verlier nicht die Geduld! Inmitten aller Schuld ist Gott am Werke.

Wir können es 2019 immer noch singen. Und wir können es in die Erdfeste unserer Zeit einbringen: Die Erde ist des Herrn. Der in Jesus Christ ein Mensch geworden ist, bleibt unsere Stärke. So rühmen wir den, der in biblischer Zeit schon ehrfurchtsvoll für seine Erde gepriesen wurde.

Haltung zeigen

Von Jürgen Engelhardt, Ältester in der Ostergemeinde Berlin-­Wedding, gehört der Kreissynode des Kirchenkreises Berlin-Nordost an.

Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, den Menschen an den wirtschaftlichen Schalthebeln, die ob ­ihrer riesigen Gehälter blind geworden sind, zu helfen, dass sie wieder die Menschen sehen, die um ihr ­tägliches Brot kämpfen.

Möge sie diese Hilfe befähigen, heute und morgen zu handeln, dass sie nicht mit Spenden und ­Almosen dieses Ungleichgewicht zudecken, sondern mit all ihrer Kraft partnerschaftlich allen die Chance zu einem auskömmlichen Leben ermöglichen.

Gib uns den Mut, voll Liebe, Herr, auf die Menschen zuzugehen, die ängstlich und ablehnend denjenigen gegenüberstehen, die anders sind, damit sie erfahren können, was man miteinander erreichen kann. Um so heute die Wahrheit zu leben, dass Gott eine Welt geschaffen hat, in der alle gleich sind.

Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr, all denjenigen zum ­Sehen zu verhelfen, die vergessen haben, dass erst die Demokratie ­ihnen die Möglichkeit gibt, nach einer Diktatur zu rufen. Mögen sie so erkennen, dass es in einer Diktatur wiederum heißt, heute von vorn zu beginnen, für das zu kämpfen, was wir jetzt ­gedankenlos zerstören.

Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, deine Schöpfung zu bewahren, in dem wir sie genau studieren, doch gleichzeitig akzeptieren, dass es immer etwas geben wird, das wir nicht entschlüsseln können und so mit dir zu Menschen zu werden, die wieder lernen, sich an Momenten unerklärlicher Schönheit zu ­erfreuen.

Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun, damit wir erfahren, was Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Brot für alle

Jürgen Israel zum neuen Wochenlied

„Brich dem Hungrigen dein Brot. Die im Elend wandern, führe in dein Haus hinein, trag die Last der andern.“ Aufforderungen dieser Art haben wir schon oft gehört. Trotzdem müssen wir sie immer wieder gesagt bekommen, denn unser ­alltägliches Verhalten wird diesen Forderungen nur selten gerecht.

Die zweite Strophe verleiht dem Ganzen Nachdruck: „Du hast’s auch empfangen.“ In anderem Zusammenhang sagt Christus: „Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Wir sollen mit dem, was wir bekommen haben, mit der ­Nahrung und mit dem Dach über dem Kopf, mit den geistigen und den körperlichen Kräften nicht geizen, sondern anderen damit zu Hilfe kommen. Wir haben sie nicht allein für uns bekommen, sondern auch für andere, damit wir unser Zusammenleben freundlicher, mensch­licher gestalten.

Wir haben geschenkt bekommen, wovon wir anderen weitergeben können und sollen.

Dass es nicht selbstverständlich ist, dies alles geschenkt zu bekommen, drückt die letzte, an Christus gerichtete Strophe aus: „Brich uns Hungrigen dein Brot.“ Wir alle sind hungrig. Auch wer nicht nach Brot und einer Unterkunft hungert, der hungert nach einem gelingenden ­Leben, nach Liebe, nach Frieden.

Das kann nur Christus schenken. Das untersteht seiner Verfügungs­gewalt, nicht unserer. Es ist sein Brot, um das wir bitten. Und wir bitten für alle, für „Sünder“ und „Fromme“. Zu welcher der beiden Gruppen wir ­gehören, wird der Gastgeber entscheiden. Wir können nur bitten, „dass an deinen Tisch wir einst alle kommen“.

Fremd und zu Hause

Von Alexander Höner

Ich stehe am Taufbecken. Lange war der Gedanke in Kopf und Herz herumgewandert. Keine eindeutige Sache. Mehr Sehnsucht als Gewissheit. „Komm, Heiliger Geist, sei in dem, was wir hier tun“, höre ich das Gebet. Vielleicht hätte ich doch ein paar Freunden Bescheid sagen sollen. Es ist komisch so allein hier vorne. Alle schauen einen an. Durch das Wasser schimmert ein holzbeplanktes Boot, gelegt aus Mosaiksteinen. Auf dem Rand des Beckens Gänseblümchen. Kühle auf meiner Stirn. Drei Mal. Das Kreuzeszeichen. Plötzlich wird alles langsamer. Sekundenglück. „Frei sein und mit dabei sein“, singen die Bremer Stadtmusikanten in meinem Kopf. Es wird übertönt von einer anderen Melodie und die Gemeinschaft singt mir zu: „Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf.“ Für mich ist das Lied neu. Sperrig, so viele Substantive, die Melodie eher tief und melancholisch. „Hass, Gewalt und Menschenlist (…) in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid“ - sicher, die Welt ist in Teilen so. Aber ich persönlich erlebe sie gerade überwiegend anders. Zum Glück spüre ich noch die Kühle des Wassers auf meiner Stirn. Mir kommt der erleichternde Gedanke: Mein kleiner, windschiefer Glaube ist nicht der Maßstab für alles. Das Lied passt nicht zu meinem Leben. Es setzt einen Schwerpunkt, der nicht meiner ist. Aber Bekenntnislieder wie diese haben mehr im Blick. Sie sind die Verwaltungsbeamten unseres Glaubens und übersteigen meinen individuellen Lebenskontext. Sie haben keinen leichten, bunten Federschmuck, ihre Worte sind gewichtig, mit viel Lebenserfahrung gewählt. Ich spüre: Kirche ist mir oft fremd und gleichzeitig möchte ich in ihr beheimatet sein. Deshalb singe ich die letzte Strophe mit, nicht ganz überzeugt. Aber das muss man ja auch nicht immer sein. „Ein andres Ja schon längst gesprochen ist.“

Aufmerksame ­Herzen gesucht

Tanja Pilger-Janßen zum neuen Wochenlied

Der Platz ist sommerlich lebendig, den ermatteten Musikern hört kaum einer zu, alles drängt in die U-Bahn, Ungeduld verbreitet sich auf den Rolltreppen, Menschen ­strömen zum hektischen Einkauf: ein buntes Treiben, denken die einen – der tägliche Stress, so erleben es die anderen. To-do-Listen im Kopf, der Blick fest auf das Smartphone gerichtet – so laufen sie und man selbst läuft mit.

Jesus, der zu den Fischern lief … sich doch ein Herz zu fassen …

Christus läuft auch. Mittendrin im Trubel. Christus ist unterwegs und sucht aufmerksame, hörfähige, hörbereite Herzen.
Manchmal halte ich inne und stelle mir vor, ihm zu begegnen in einem der Hunderten Gesichter, in den Stimmen und wortlosen ­Blicken, durch die ich eilig gehe.

Jesus schreit nicht, er ist leichten Fußes unterwegs: der durch die Welt geht und die Zeit, ruft nicht, wie man beim Jahrmarkt schreit.

Was passiert eigentlich, wenn ich mir ein Herz fasse? Der Gedanke ­bewirkt Innehalten, Stehen, Bleiben und Spüren: Nachfolge ist nicht Rückzug – Nachfolge ist Achtsamkeit im Weltgetriebe. Aufmerksamkeit verlangsamt auch die eigenen Schritte und entschleunigt die Gedanken. Was ist jetzt wichtig? Wer braucht meine Fürbitte?

Er spricht das Herz an, heute, und sammelt seine Leute …

Christus ist unterwegs. Mit diesem Wissen weiterzugehen, ändert vermutlich nicht mein ganzes Leben, doch der Glaube an die Gegenwart Christi trainiert meine Herzens-­Hörfähigkeit. Und verändert mich eben doch.

Er will uns alles geben, die Wahrheit und das Leben.

Herrliches Menschenleben

Tanja Pilger-Janßen zum neuen Wochenlied

Eine Bitte um Gottes Kommen zeigt sich im Wochenlied „Komm in unsre stolze Welt“. Mit einem selbst­kritischen Blick, der Gottes Gnade erbittet und erhofft, kommt das Lied daher.

Wie man mit jedem Ton der ­ersten Liedzeile Wort um Wort ein Stück tiefer singt, so gelangt man ­inhaltlich auch immer tiefer hinein in die Schattenseiten menschlichen Lebens: stolze Welt, reiches Land, laute Stadt, festes Haus, dunkles Herz. Deutliche Worte und plastische Bilder werden angestimmt, die einem nicht unbekannt vorkommen und Zustimmung auslösen. Wie stolz zeigen sich Menschen untereinander in Politik oder Gesellschaft, ohne ­einander auf Augenhöhe zu begegnen. Wie fest wiegen wir uns in ­Sicherheit. Wie dunkel ist unser Herz durch Neid, Angst, Not und Schmerz.

Nie mehr Saustifte

Jens Blanck zum neuen Wochenlied

In meiner frühen Jugend habe ich während meiner Berufsausbildung auf Montage Dinge erlebt, die wünscht man niemandem. Es war schlimm, wie man mit uns Lehrlingen umgegangen ist. „Saustifte“ war die „kollegiale“ Bezeichnung für uns Lehrlinge des ersten Lehrjahres. In der Hoffnung, Hilfe zu bekommen, bin ich in meiner Verzweiflung sogar mal zur „Volkspolizei“ gegangen. Leider ohne Erfolg. Auch in der Firmenzentrale Fehlanzeige. Erst als ein Lehrling einer anderen Firma dort verprügelt wurde, wurde ich ernst genommen und es kam Besserung. Dieses Gefühl, in der Fremde so ohnmächtig zu sein, hat meinem ­Leben in einem schwierigen Jugendalter eine Wendung gegeben, für die ich heute sehr dankbar bin.

Ich habe erfahren, wenn in der Welt niemand hilft, dann findet man Hilfe bei Gott, vorausgesetzt, man ist offen für ihn. Daraus erwuchs eine Stärke, mit der Situation umzugehen und engagiert dagegen anzugehen.

Nun könnte man meinen, ich müsste diesen ungehobelten Lehrausbildern dankbar sein für diese Erfahrung, denn durch die Tiefe erlebte ich in besonderer Weise einen Weg zu Gott. Nein, ich lobe allein meinen Gott, weil ich erfahren habe, dass er da ist und da sein will, wo wir Menschen Hilfe brauchen. Er gibt die Kraft, dass wir handeln und die Dinge aussprechen und von der ­Ungerechtigkeit reden. Heute nehme ich ein Lächeln in mir wahr, wenn es heißt, dass es ein Problem gibt, denn ich weiß: I’ll never walk alone. Ich werde nie allein gehen.