Brot für alle

Jürgen Israel zum neuen Wochenlied

„Brich dem Hungrigen dein Brot. Die im Elend wandern, führe in dein Haus hinein, trag die Last der andern.“ Aufforderungen dieser Art haben wir schon oft gehört. Trotzdem müssen wir sie immer wieder gesagt bekommen, denn unser ­alltägliches Verhalten wird diesen Forderungen nur selten gerecht.

Die zweite Strophe verleiht dem Ganzen Nachdruck: „Du hast’s auch empfangen.“ In anderem Zusammenhang sagt Christus: „Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Wir sollen mit dem, was wir bekommen haben, mit der ­Nahrung und mit dem Dach über dem Kopf, mit den geistigen und den körperlichen Kräften nicht geizen, sondern anderen damit zu Hilfe kommen. Wir haben sie nicht allein für uns bekommen, sondern auch für andere, damit wir unser Zusammenleben freundlicher, mensch­licher gestalten.

Wir haben geschenkt bekommen, wovon wir anderen weitergeben können und sollen.

Dass es nicht selbstverständlich ist, dies alles geschenkt zu bekommen, drückt die letzte, an Christus gerichtete Strophe aus: „Brich uns Hungrigen dein Brot.“ Wir alle sind hungrig. Auch wer nicht nach Brot und einer Unterkunft hungert, der hungert nach einem gelingenden ­Leben, nach Liebe, nach Frieden.

Das kann nur Christus schenken. Das untersteht seiner Verfügungs­gewalt, nicht unserer. Es ist sein Brot, um das wir bitten. Und wir bitten für alle, für „Sünder“ und „Fromme“. Zu welcher der beiden Gruppen wir ­gehören, wird der Gastgeber entscheiden. Wir können nur bitten, „dass an deinen Tisch wir einst alle kommen“.

Fremd und zu Hause

Von Alexander Höner

Ich stehe am Taufbecken. Lange war der Gedanke in Kopf und Herz herumgewandert. Keine eindeutige Sache. Mehr Sehnsucht als Gewissheit. „Komm, Heiliger Geist, sei in dem, was wir hier tun“, höre ich das Gebet. Vielleicht hätte ich doch ein paar Freunden Bescheid sagen sollen. Es ist komisch so allein hier vorne. Alle schauen einen an. Durch das Wasser schimmert ein holzbeplanktes Boot, gelegt aus Mosaiksteinen. Auf dem Rand des Beckens Gänseblümchen. Kühle auf meiner Stirn. Drei Mal. Das Kreuzeszeichen. Plötzlich wird alles langsamer. Sekundenglück. „Frei sein und mit dabei sein“, singen die Bremer Stadtmusikanten in meinem Kopf. Es wird übertönt von einer anderen Melodie und die Gemeinschaft singt mir zu: „Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf.“ Für mich ist das Lied neu. Sperrig, so viele Substantive, die Melodie eher tief und melancholisch. „Hass, Gewalt und Menschenlist (…) in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid“ - sicher, die Welt ist in Teilen so. Aber ich persönlich erlebe sie gerade überwiegend anders. Zum Glück spüre ich noch die Kühle des Wassers auf meiner Stirn. Mir kommt der erleichternde Gedanke: Mein kleiner, windschiefer Glaube ist nicht der Maßstab für alles. Das Lied passt nicht zu meinem Leben. Es setzt einen Schwerpunkt, der nicht meiner ist. Aber Bekenntnislieder wie diese haben mehr im Blick. Sie sind die Verwaltungsbeamten unseres Glaubens und übersteigen meinen individuellen Lebenskontext. Sie haben keinen leichten, bunten Federschmuck, ihre Worte sind gewichtig, mit viel Lebenserfahrung gewählt. Ich spüre: Kirche ist mir oft fremd und gleichzeitig möchte ich in ihr beheimatet sein. Deshalb singe ich die letzte Strophe mit, nicht ganz überzeugt. Aber das muss man ja auch nicht immer sein. „Ein andres Ja schon längst gesprochen ist.“

Aufmerksame ­Herzen gesucht

Tanja Pilger-Janßen zum neuen Wochenlied

Der Platz ist sommerlich lebendig, den ermatteten Musikern hört kaum einer zu, alles drängt in die U-Bahn, Ungeduld verbreitet sich auf den Rolltreppen, Menschen ­strömen zum hektischen Einkauf: ein buntes Treiben, denken die einen – der tägliche Stress, so erleben es die anderen. To-do-Listen im Kopf, der Blick fest auf das Smartphone gerichtet – so laufen sie und man selbst läuft mit.

Jesus, der zu den Fischern lief … sich doch ein Herz zu fassen …

Christus läuft auch. Mittendrin im Trubel. Christus ist unterwegs und sucht aufmerksame, hörfähige, hörbereite Herzen.
Manchmal halte ich inne und stelle mir vor, ihm zu begegnen in einem der Hunderten Gesichter, in den Stimmen und wortlosen ­Blicken, durch die ich eilig gehe.

Jesus schreit nicht, er ist leichten Fußes unterwegs: der durch die Welt geht und die Zeit, ruft nicht, wie man beim Jahrmarkt schreit.

Was passiert eigentlich, wenn ich mir ein Herz fasse? Der Gedanke ­bewirkt Innehalten, Stehen, Bleiben und Spüren: Nachfolge ist nicht Rückzug – Nachfolge ist Achtsamkeit im Weltgetriebe. Aufmerksamkeit verlangsamt auch die eigenen Schritte und entschleunigt die Gedanken. Was ist jetzt wichtig? Wer braucht meine Fürbitte?

Er spricht das Herz an, heute, und sammelt seine Leute …

Christus ist unterwegs. Mit diesem Wissen weiterzugehen, ändert vermutlich nicht mein ganzes Leben, doch der Glaube an die Gegenwart Christi trainiert meine Herzens-­Hörfähigkeit. Und verändert mich eben doch.

Er will uns alles geben, die Wahrheit und das Leben.

Herrliches Menschenleben

Tanja Pilger-Janßen zum neuen Wochenlied

Eine Bitte um Gottes Kommen zeigt sich im Wochenlied „Komm in unsre stolze Welt“. Mit einem selbst­kritischen Blick, der Gottes Gnade erbittet und erhofft, kommt das Lied daher.

Wie man mit jedem Ton der ­ersten Liedzeile Wort um Wort ein Stück tiefer singt, so gelangt man ­inhaltlich auch immer tiefer hinein in die Schattenseiten menschlichen Lebens: stolze Welt, reiches Land, laute Stadt, festes Haus, dunkles Herz. Deutliche Worte und plastische Bilder werden angestimmt, die einem nicht unbekannt vorkommen und Zustimmung auslösen. Wie stolz zeigen sich Menschen untereinander in Politik oder Gesellschaft, ohne ­einander auf Augenhöhe zu begegnen. Wie fest wiegen wir uns in ­Sicherheit. Wie dunkel ist unser Herz durch Neid, Angst, Not und Schmerz.

Nie mehr Saustifte

Jens Blanck zum neuen Wochenlied

In meiner frühen Jugend habe ich während meiner Berufsausbildung auf Montage Dinge erlebt, die wünscht man niemandem. Es war schlimm, wie man mit uns Lehrlingen umgegangen ist. „Saustifte“ war die „kollegiale“ Bezeichnung für uns Lehrlinge des ersten Lehrjahres. In der Hoffnung, Hilfe zu bekommen, bin ich in meiner Verzweiflung sogar mal zur „Volkspolizei“ gegangen. Leider ohne Erfolg. Auch in der Firmenzentrale Fehlanzeige. Erst als ein Lehrling einer anderen Firma dort verprügelt wurde, wurde ich ernst genommen und es kam Besserung. Dieses Gefühl, in der Fremde so ohnmächtig zu sein, hat meinem ­Leben in einem schwierigen Jugendalter eine Wendung gegeben, für die ich heute sehr dankbar bin.

Ich habe erfahren, wenn in der Welt niemand hilft, dann findet man Hilfe bei Gott, vorausgesetzt, man ist offen für ihn. Daraus erwuchs eine Stärke, mit der Situation umzugehen und engagiert dagegen anzugehen.

Nun könnte man meinen, ich müsste diesen ungehobelten Lehrausbildern dankbar sein für diese Erfahrung, denn durch die Tiefe erlebte ich in besonderer Weise einen Weg zu Gott. Nein, ich lobe allein meinen Gott, weil ich erfahren habe, dass er da ist und da sein will, wo wir Menschen Hilfe brauchen. Er gibt die Kraft, dass wir handeln und die Dinge aussprechen und von der ­Ungerechtigkeit reden. Heute nehme ich ein Lächeln in mir wahr, wenn es heißt, dass es ein Problem gibt, denn ich weiß: I’ll never walk alone. Ich werde nie allein gehen.

Genug ­Gottesspeise

Von Heilgard Asmus

Werbung geht so: Heute umsonst ­essen und trinken 10 bis 11 Uhr! Oder so: „Spargel satt“ nach nur einmal ­bezahlen! Die „Happy Hour“ ist auch sehr beliebt. Das alles steht hoch im Kurs, wir sind eingeladen zum Schlemmen.

Das Wochenlied klingt nach mehr. Auch hier geht es darum sich ­zu bewegen, wir sind eingeladen zum Gastmahl. Kommt her. So ganz ohne Ausrufezeichen kommt diese Ein­ladung aus. Die Melodie ist anfangs ruhig, fast wie gesittet. Sie wird ­bewegter, leichter, beschwingter.

Und dann summen in mir die Worte, die gar nicht so happy klingen – betrübte Seele, krankes Herz, verfehlte Menschen, sich und anderen gram sein, Not und Jammer. Kommt her, ihr seid geladen. Umsonst werden Ohren und Bauch gefüllt, die Seele kann satt werden, der Gram getröstet. Es ist wirklich genug Gottesspeise für alle da beim Abendmahl und im Feiermahl.

Umsonst speist Gott, aber nicht vergeblich, es hat ja Folgen für uns. Wie schön altertümlich, fast fremd und doch so kraftvoll in der Bildsprache, können wir singen: Aus verzagten Sündern werden versöhnte Kinder. Ja, das will ich singen und glauben. Mit befreiter Seele jauchzen, singend erzählen von der tiefen Wundermacht, die Jammer stillt, der fast verzweifeln ließ.

Und ich lege mir neben das ­Wochenlied mein Herzensgedicht von Rainer Maria Rilke: „Rast. Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärg­licher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut.“

Eine Frau in der Wüste

Von Amet Bick

Das Lied erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte, die so alt ist wie die Menschheit. Es erzählt von der Reise durch die innere Wüste, die Wüste der Gottverlassenheit. Die Bilder sind so stark, dass ich mir einzelne Verse wie Filmszenen vorstelle. Eine Frau an einem unwirtlichen Ort streckt ihre leeren Hände in den leeren Himmel. Niemand ist da, der ihre Geste wahrnimmt. Sie ist allein. Gott ist fremd und fern, nicht anzutreffen. Zweifel werden zu Verzweiflung. Der Tod erscheint wie die einzige mögliche Zukunft mit ihm.

Aber die Geschichte, die das Lied erzählt, die Wüstenwanderung, bleibt hier zum Glück nicht stecken. Die Hände sinken wieder, die Frau findet die Kraft weiterzugehen. Sie will reden, ein Gespräch, sie stellt Fragen. Gott ist nicht zu sehen, aber vielleicht geht er schon lauschend neben ihr. Ihr zugewandt, lächelnd, weil er spürt, wie sie brennt vor Sehnsucht. „Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?“ Sie fragt so drängend und so wild, als hinge ihr Leben davon ab. Kann sein, Gott ging schon immer neben ihr und sie hat es nicht gespürt. Die beiden bleiben stehen. Die Frau schließt die Augen. Gott tritt aus dem Dunklen, dem Ungefähren. Sie hört sein Wort, fühlt seinen Trost. Ihre innere Wüste ­verwandelt sich in eine Landschaft voller Schönheit. Das gelobte Land ist ein Ort ohne Grenzen.

Damit ist die Geschichte erzählt. Das gelobte Land ist in mir. Ich kann weit gehen, aber ankommen muss ich in mir. Die Frau ist jetzt ganz ­ruhig, sie lächelt selig wie eine ­Liebende. „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“, sagt sie zu Gott.

Behüter, Licht und Tröster

Von Johanna Friese

„Resilienz“ ist in aller Munde. Als ­geheimnisvolle Kraft, die es möglich macht, sich durch Krisen zu manövrieren, Widerstand auszuhalten und trotz allem optimistisch nach vorne zu sehen. Ob einem das leicht fällt, ist eine Typfrage, aber man kann etwas dafür tun. Wer sich ­erinnert, dass er in allem, was auch passieren mag, von Gott angesehen ist, ist schon auf dem richtigen Weg.

Gerhard Tersteegens Lied „Brunn alles Heils“ ist ein Segensgebet. Er empfahl es „morgens, abends, bei Tisch, nach der ­Predigt und zu aller Zeit gläubig zu beten“. Der fromme Kaufmann und Weber aus Mühlheim an der Ruhr veröffentlichte sein Lied in seinem Erbauungsbuch „Geistliches Blumen-Gärtlein inniger Seelen“ von 1745. Wer es betend mitsingt, bemerkt schnell die Steigerung bis zur letzten Strophe. Jeder Seinsweise Gottes – dem Vater, Sohn und Heiligen Geist – ordnet Tersteegen ein allumfassendes Wirken zu: als Behüter, Licht und Tröster.

So vielschichtig sind Segens­erfahrungen und oft erst rückblickend zu deuten. Leicht zu haben sind sie aber nicht. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, sagte Jakob am Jabbok nach einer dunklen Nacht. Dennoch: gesegnet und gehalten. Ein Segen kann nicht im magischen Sinne vor Unheil bewahren, aber zu einem anderen Blick und Selbstverständnis verhelfen. In der fünften Strophe findet sich die ­passende Segensbitte an Gott gerichtet: „O Segensbrunn, der ewig fließt: durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll!“

Diese Gewissheit bringt mehr als jeder Versuch, aus eigenen Kräften möglichst widerstandsfähig durchs Leben zu gehen. Und es befreit:
nicht alles selbst erringen müssen und sich manches geschenkt sein lassen.

Niemand besitzt die Wahrheit

Von Jürgen Wandel, Theologe und ­Redakteur bei ­zeitzeichen

Den Choral „O komm Du Geist der Wahrheit“ kann man leichter singen als viele moderne Kirchenlieder. Denn der Rhythmus ist einfach. Und die Melodie reißt mit. Sie ist so beschwingt und fröhlich, dass selbst der, der kein Wort Deutsch versteht, spürt, dass es um Zuversicht geht.

Die Singenden bitten um den Heiligen Geist, den „Geist der ­Wahrheit“, der „Licht und Klarheit“ verbreitet. Und das ist auch nötig. Denn kein Mensch besitzt die Wahrheit, weder der Papst, wenn er ein Dogma verkündet, noch der ­Protestant, der die Bibel mit dem Wort Gottes gleichsetzt, oder Theologieprofessoren, die die Entstehung der Bibel erforschen. Die Wahrheit, auch die in der Bibel enthaltene, kann der Mensch erst, nur mit Hilfe des Heiligen Geistes erkennen.

Und der weht, wo er will. So ­haben in den vergangenen 50 Jahren immer mehr Christen in unseren Breiten erkannt, dass es der frohen Botschaft Jesu, dem Evangelium entspricht, Frauen und Schwule, die sich nicht verleugnen wollen, zum Pfarramt zuzulassen.

Die sechste Strophe des Chorals ­befremdet. „O wahrlich, wir verdienen solch strenges Strafgericht; uns ist das Licht erschienen, allein wir glauben nicht. Ach lasset uns gebeugter um Gottes Gnade flehn, dass er bei uns den Leuchter des Wortes lasse stehen.“ Verdienen Menschen ein „strenges Strafgericht“, wenn sie nicht glauben, dass in Jesus „das Licht erschienen“ ist? Aber wer das barmherziger beurteilt, kann diese Strophe ja weglassen, wie das beim Deutschlandlied mit den ersten ­beiden Strophen gemacht wird. Und die Briten verzichten auf die zweite Strophe ihrer Nationalhymne und die Bitte, „Gott, der Herr“ möge ihre „Feinde zerschmettern“ (Oh Lord our God arise, scatter our enemies).

Paternoster ohne Pause

Stefanie Hoppe zum neuen Wochenlied

Vater unser im Himmel – oft bin ich allein, wenn ich es spreche. Ich bin allein und bin es doch nicht. Es sind viele Menschen um mich herum, in der Kirche, in der Friedhofskapelle. Es ist voll. Hin und wieder höre ich aus der einen oder anderen Ecke ein Wort, einen Vers. Auswendig können es viele nicht und doch kennen es alle Menschen – ja, das beten die da in der Kirche.

Manchmal bete ich das Vaterunser mehrmals am Tag. Nicht weil ich es möchte – nein, von Berufs wegen. „Vater unser im Himmel“, immer und immer wieder, in Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten, Hochzeiten, Sitzungen – dann denke ich manchmal an den Paternoster – jenen Aufzug, der unbeirrt ohne Pause durch die Etagen fuhr, hoch und runter, hoch und runter, einsteigen und austeigen. Wo muss ich einsteigen im Paternoster? „Nimm Gedanken des Zweifels und der Anfechtung fort.“

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