Niemand besitzt die Wahrheit

Von Jürgen Wandel, Theologe und ­Redakteur bei ­zeitzeichen

Den Choral „O komm Du Geist der Wahrheit“ kann man leichter singen als viele moderne Kirchenlieder. Denn der Rhythmus ist einfach. Und die Melodie reißt mit. Sie ist so beschwingt und fröhlich, dass selbst der, der kein Wort Deutsch versteht, spürt, dass es um Zuversicht geht.

Die Singenden bitten um den Heiligen Geist, den „Geist der ­Wahrheit“, der „Licht und Klarheit“ verbreitet. Und das ist auch nötig. Denn kein Mensch besitzt die Wahrheit, weder der Papst, wenn er ein Dogma verkündet, noch der ­Protestant, der die Bibel mit dem Wort Gottes gleichsetzt, oder Theologieprofessoren, die die Entstehung der Bibel erforschen. Die Wahrheit, auch die in der Bibel enthaltene, kann der Mensch erst, nur mit Hilfe des Heiligen Geistes erkennen.

Und der weht, wo er will. So ­haben in den vergangenen 50 Jahren immer mehr Christen in unseren Breiten erkannt, dass es der frohen Botschaft Jesu, dem Evangelium entspricht, Frauen und Schwule, die sich nicht verleugnen wollen, zum Pfarramt zuzulassen.

Die sechste Strophe des Chorals ­befremdet. „O wahrlich, wir verdienen solch strenges Strafgericht; uns ist das Licht erschienen, allein wir glauben nicht. Ach lasset uns gebeugter um Gottes Gnade flehn, dass er bei uns den Leuchter des Wortes lasse stehen.“ Verdienen Menschen ein „strenges Strafgericht“, wenn sie nicht glauben, dass in Jesus „das Licht erschienen“ ist? Aber wer das barmherziger beurteilt, kann diese Strophe ja weglassen, wie das beim Deutschlandlied mit den ersten ­beiden Strophen gemacht wird. Und die Briten verzichten auf die zweite Strophe ihrer Nationalhymne und die Bitte, „Gott, der Herr“ möge ihre „Feinde zerschmettern“ (Oh Lord our God arise, scatter our enemies).

Paternoster ohne Pause

Stefanie Hoppe zum neuen Wochenlied

Vater unser im Himmel – oft bin ich allein, wenn ich es spreche. Ich bin allein und bin es doch nicht. Es sind viele Menschen um mich herum, in der Kirche, in der Friedhofskapelle. Es ist voll. Hin und wieder höre ich aus der einen oder anderen Ecke ein Wort, einen Vers. Auswendig können es viele nicht und doch kennen es alle Menschen – ja, das beten die da in der Kirche.

Manchmal bete ich das Vaterunser mehrmals am Tag. Nicht weil ich es möchte – nein, von Berufs wegen. „Vater unser im Himmel“, immer und immer wieder, in Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten, Hochzeiten, Sitzungen – dann denke ich manchmal an den Paternoster – jenen Aufzug, der unbeirrt ohne Pause durch die Etagen fuhr, hoch und runter, hoch und runter, einsteigen und austeigen. Wo muss ich einsteigen im Paternoster? „Nimm Gedanken des Zweifels und der Anfechtung fort.“

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Das Leben ein Lied. Ein Lied das Leben

Von Christian Stäblein 

Ein Ohrwurm, morgens aufgeschnappt, durch den Tag ist er immer wieder da, die Melodie, der Takt, eine Zeile. Alles, was wird, perlt, schwingt und bricht sich in diesem Ohrwurm. Das neue, zweite Wochenlied zu Kantate „Ich sing‘ dir mein Lied“ ist bestens „ohrwurmgeeignet“, das ist meine Erfahrung mit der herrlich belebenden brasilianischen Weise, die mich im Dreivierteltakt durch den Tag bringt.

Das Leben ein Lied, ein Walzer Gottes, in dem ich mitsummen möchte, ein Tanz, in dem – auch das klingt durch – nicht alles nur leicht ist: „trotz Streit und Verletzung“ (Strophe 4), „auf steinigen Wegen“ (Strophe 5), das gehört dazu. Das ganze Leben ein Lied, ja „mein Lied“, das ist ja eine Pointe unseres Glaubens, dass Gott, der „Hüter“ (Strophe 2), die „Freundin des Lebens“ (Strophe 4), sich mit unserem individuellen, konkreten Leben verbindet und wir eben dieses singen.

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Die Luft zum Leben

Von Linda Hochheimer

Der erste Schrei eines Babys. Er ist der wichtigste. Mütter und Väter warten auf ihn – und dann kommt er. Das Kind schreit sich in das Leben auf dieser Erde. Die Lunge entfaltet sich und in diesem Moment ist alles andere vergessen. All die Sorgen der Schwangerschaft, der Schmerz der Geburt. Die Eltern sind überglücklich und halten das Kind in den Armen.

Gott gab uns Atem, damit wir leben. Nie bedeutet das mehr, als beim ersten Schrei eines Neugeborenen. Der erste Atemzug ist getan. Doch es folgen weitere. Und die Luft zum­ ­Leben ist leider nicht mehr selbstverständlich.

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Woran sind Christ*innen zu erkennen?

Von Johanna Haberer 

Seit die Kirche den Sonntag als den Tag der Auferstehung feiert, ist der zweite Sonntag nach Ostern dem „Guten Hirten“ gewidmet. Die ältesten Darstellungen von Jesus zeigen auch nicht das Kreuz, sondern den Hirten, der ein Schäflein über der Schulter trägt. Dieses Motiv des Hirten, der jedes einzelne Lebewesen in seiner Herde von Geburt an kennt, inspiriert auch das Wochenlied „Es kennt der Herr die Seinen“. Wer einmal in den Wüsten und Steppen des Orients oder Afrikas die Hirten beobachtet hat, die für das Überleben ihrer Tiere kämpfen, fruchtbaren Boden aufspüren, vor allem Wasser, und die Tag und Nacht bei ihren Tieren leben, der ahnt, dass damit eine Überlebensbeziehung gemeint ist. Wie ein Hirte im trockenen Land für seine Herde sorgt, so sorgt Christus für uns und er kennt jeden einzelnen Christen, der sich zu ihm bekennt.

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Alles wie neugeboren

Von Theresa Rinecker

In den Ostertagen besingen wir mit „zarter Freude“ das zentrale Fest ­unseres Glaubens. Am Ostermorgen waren die Frauen – in aller Herrgottsfrühe – ans Grab gegangen. Sie wollten dem Toten noch einmal Ehre erweisen und Jesus salben. Dann jedoch, so erzählt es die Schrift, war der Grabstein beiseite gerollt. Erstes Erschrecken, ungläubiges Nachschauen, auch pures Entsetzen. Was war geschehen? In die Fragen mischte sich Hoffnung.

Was, wenn Jesus nicht bei den Toten geblieben ist? Was, wenn weiter von ihm zu erzählen ist als von einem, der lebt? Was, wenn …? In diesem ersten Fragen entstehen zarte Triebe neuer Hoffnung. Alles ist wie neugeboren. Auch bei uns und um uns herum.

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Passionszeit ist Bedenkzeit

Von Thilo Haak

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken. So schreibt es uns der sächsische Professor der Dichtkunst Christian Fürchtegott Gellert 1757 auf. Vor uns liegt die Karwoche, die letzte der sieben Wochen Passionszeit. Seit über einem Monat gehen wir in Gedanken, Worten und Taten durch die Leidenszeit Jesu. Unsere Gedanken wandern von den Ankündigungen seines Kreuzestodes hinauf nach Golgatha, dem Ort der Kreuzigung. Es ist keine einfache Zeit, denn sie bringt keine einfachen Fragen mit sich: Warum musste Jesus leiden? Warum musste er sterben? Welchen Sinn hat sein Tod?

Passionszeit ist Bedenkzeit! Sie ist nicht unbedingt Antwortzeit, denn die Antwort auf den Sinn des Todes Jesu gibt erst Ostern. Auf so einer ­Gedankenreise, die mich an Orte wie Bethanien, zu ungerechten Richtern wie Pilatus oder auf den Kalvarienberg führt, da kann ich schon mal schwach werden. Vor allem, wenn die Talfahrt des Bedenkens so lange geht. Da ist vielleicht so manches Fastenvorhaben vom Aschermittwoch wieder gebrochen.

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Das Kreuz wird ­Lebensbaum

Von Ulrike Trautwein

Vom Kreuz, wirklich vom Sinn des Kreuzes zu reden – wie soll man das heute machen? Im Gesangbuchlied „Holz auf Jesu Schulter“ tut der ehemalige Berliner Theologieprofessor Jürgen Henkys genau das, indem er das Lied „Met de Boom des Levens“ übersetzt. Der reformierte niederländische Pfarrers Willem Barnard hat es geschrieben.

Henkys und Barnard sprechen in den ersten fünf Strophen vom Holz auf den Schultern. Und ich kann sofort nachfühlen, was sie meinen. Gerade jetzt in der Passionszeit. Wie das Schwere und Harte auf der Halsmuskulatur lastet und alles fest macht. Wie ein Joch für Versklavte oder Tiere, das tief ins Fleisch schneidet und kein Entkommen zulässt. Die Wendung aber liegt darin: Aus dieser Not-Schwere des Leidens entsteht die volle Schwere von Früchten; das Kreuz wird zum Lebensbaum. Es wächst etwas daraus und daran.

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Das Band hält

Von Beate Wolf

Die Alpen: überwältigend, herrlich, edel! Ich liebe Bergwandern! Auf die höchsten Klippen möchte ich steigen. Da gibt es nur ein klitzekleines Problem: meine starke Höhenangst. Was hat mein Mann nicht schon für hysterische Panik-Attacken erdulden müssen, wenn ich auf einem schmalen Felsgrat glaubte, weder vor noch zurück zu können. Doch bevor wir endgültig auf Radtouren in Holland umsteigen mussten, gab uns ein alter Tiroler Bergführer den ­entscheidenden Tipp. Mein Mann nimmt ein kurzes Seil in seine Hand und ich nehme das andere Ende. Und schlagartig sind alle meine Ängste verflogen, weil ich ihm vertraue. Ich fühle mich gehalten, aber nicht ­beengt.

Und genauso ist es mit Jesus in meinem Leben. Ich muss gar nicht ständig seinen Namen im Mund führen, bei jeder Entscheidung fragen: Ist das auch christlich und biblisch begründet? Es gibt ein inneres Band, das leise zieht, wenn ich falsch laufe. Nennt sich Gewissen!

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Das große Ach

Von Christina-Maria Bammel

Ach bleib. Trompeter Till Brönner legt diese Bitte sanft, wie von weit her, fast sphärisch aus; alle menschliche Sehnsucht darin eingewoben. Ach bleib. Damit hat der Jazzmusiker in seiner Nightfall-Produktion diesem Ohrwurm des Protestantismus eine musikalische Liebeserklärung gegeben. Die unnachahmlich schöne Melodie dieses Ach-und-Bitte-Liedes, Melchior Vulpius sei Dank, hat Generationen oft inspiriert, die Strophen zu ändern (EG 207).

Als Josua Stegmann 1627 erstmalig das große „Ach bleib“ textete, waren die Zeiten die eines einzigen klagenden Achs: Krieg europaweit, Pest, verkommene Felder, Plünderungen: Ach – bleib – Gott. Die Welt trug alles andere als Zeichen der Gnade, des Glanzes, des Segens, der Treue. Zum Verrücktwerden waren die hohe Sterblichkeit, die abgestumpfte Brutalität. Und der kriegerische Wahn sollte noch 20 Jahre andauern. Stegmanns Lebensfaden riss vor der Zeit. 

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