Erst ganz leise, dann brodelnd

Von Jürgen Engelhardt

Fröhlich singend, mit kräftiger Stimme betend, tanzend, festlich gekleidet, die Frauen in farbenfrohen Gewändern, dazu Trommeln und Rhythmusinstrumente – so loben die Mitglieder der Pentecostgemeinde sonntags am Nachmittag in der Osterkirche Gott im schmuddeligen Sprengelkiez im Berliner Wedding. Manchmal dringt diese brodelnde und lautstarke Gottesdienstatmosphäre bis auf die Straße und lockt Neugierige in die Kirche. Oder sie lässt die Wände unserer direkt an die Kirche anschließenden Wohnung erzittern.       

Und wir? Wir loben und feiern den Herrn sonntags am Vormittag um viele Phon leiser in derselben Kirche ebenfalls mit Liedern und Gebeten. Distinguiert und ruhig sitzen wir auf Stühlen. Wir lauschen andächtig den Worten der Pfarrerin oder des Pfarrers.

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Jubel, der nicht verklingt

Von Thilo Haak

Wir spüren deutlich, dass Jubeln ­einen Grund braucht, damit es bleibt und lebt. So klingt es auch aus einem Weihnachtslied herüber, das mir selbst im Hochsommer nicht aus dem Gedächtnis geht: „Hirten, ­warum wird gesungen? Sagt mir ­eures Jubels Grund!“

Wenn wir auf die vergangenen Wochen zurückschauen und all den Jubel noch mal hören, der in den Stadien der Fußball-WM laut wurde, wird es nicht schwierig sein, die Gründe dafür zu finden: Ein Tor fällt, die favorisierte Mannschaft gewinnt, einer kommt weiter.

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Freude suchen

Von Angelika Obert

„Vom Aufgang der Sonne ...“ Viele hören da den Kanon mit, der von der Konfifahrt bis zur Seniorenreise lustvoll gesungen wird. Aber wer denkt schon über den Text nach? Was könnte das heißen: von morgens bis abends lobend auf Gottes Dasein ausgerichtet zu sein? Komme ich nicht schwer aus dem Bett? Fällt mir nicht schon unter der Dusche ein, was heute ansteht, wovor ich mich graule, was alles nicht nach Wunsch läuft? Und wenn ich abends ins Bett gehe, habe ich vielleicht gerade erst den Fernseher ausgemacht und mich über einen Politiker geärgert.

Eingesponnen in Pflichten, Sorgen, Befürchtungen bleibt nicht viel Raum für die Freude über „des ­großen Gottes großes Tun“, die mich ermuntern könnte, „was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen“ zu lassen.

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Spuren der Sterblichkeit

Von Matthias Brix

Früher war es nur ein kleines Etikett, unsichtbar auf der Innenseite des Kleidungsstücks, jetzt steht der Name des Schöpfers außen, deutlich sichtbar, ein Ausrufungs zeichen: Der Name macht’s!    

Was macht der Name Gottes? Er wird verschwiegen. Woraus bin ich? Spricht die Kleidung, die ich kaufen kann, von mir?     

Stellen Sie sich nackt vor den Spiegel. Ihr Körper spricht. Vielleicht haben Sie noch die Augen eines Kindes? Manchmal spiegelt ein Teil des Körpers einen Wunsch, der groß wird.

Betrachten Sie sich verschämt? Was stört Sie? Jeden Tag werden Sie älter und genauer betrachtet können Sie das Handzeichen Gottes, seine Unterschrift, auf Ihrer Haut sehen. „Wo?“, fragen Sie.   

Es sind die Spuren der Sterblichkeit, eine Wunde, eine Färbung vielleicht, die Ihr Körper nach außen trägt.

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Schönheit und Nöte

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Venedig versinkt – nicht bloß im Wasser, auch in Touristenströmen. Sie vernichten bezahlbaren Wohnraum, haben Sex neben der Rialtobrücke, pinkeln auf den Markusplatz, brüllen durch die Nacht. Nicht alle, aber viele. Die Venezianer*innen haben Pech. Und nicht nur sie: Italien leidet unter vielen Flüchtlingen und Wasserknappheit. Rom, die ewige Stadt, verkommt. Beispiele aus einer beliebten Urlaubsregion.         

Und wir? Wir haben immer noch unverschämtes Glück. Weil die Temperaturen zwar auch bei uns merklich steigen, aber wir das noch fröhlich unter Sommer verbuchen. Weil kräftige Gewitter noch keine Naturkatastrophe sind. Weil immer genug frisches Wasser aus der Leitung kommt. Weil es schöne Biergärten gibt und keiner hierzulande Durst leiden muss wie die Menschen in der Sahelzone.

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Halleluja für Zwischendurch

Von Alexander Höner

Wie sehr wünsche ich mir ein Halleluja. Zwischendurch. Einfach so. Laut. In der Unterführung – da hallt es so breit – weil gerade jemand eine kleine Glücksbotschaft auf’s Handy bekommen hat. Im Park – im Wettstreit mit den Vögeln – weil jemand das Herz wiedergefunden hat, das er vor 20 Jahren in einen Baum geritzt hat. In der überfüllen S-Bahn – gegen das Schienenkreischen – weil sich das Leben so dicht anfühlt. Halleluja, Danke Gott, dass ich lebe. In großer Schönheit, in nicht mittelmäßiger Mittelmäßigkeit.

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Eine runde Sache

Von Tanja Pilger-Janßen, Pfarrerin im Medienhaus der EKBO

Geduldig und gnädig sein – diese Tugenden sind jetzt gefragt: Die Fußball- WM startet, wir fiebern vor den Bildschirmen mit, müssen Geduld mit manchem Spiel aufbringen und gnädig sein, wenn wir meinen, mehr gesehen zu haben als der Schiedsrichter. Gnade und Geduld, der Hallelujavers bezieht sie auf Gott und kombiniert sie mit Güte und Barmherzigkeit. Eine runde Sache. Doch was bedeuten diese großen Worte im Einzelnen?   

Barmherzig – im Hebräischen Wort steckt „Mutterleib“ drin. Barmherzig meint daher so viel wie „fürsorglich, mütterlich, liebevoll“. Gnädig – wird mehrheitlich im Alten Testament auf Gott bezogen, der Menschen und Schöpfung gegenüber gnädig ist.

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Genügend Gründe, Gott zu loben

Von Heilgard Asmus, Generalsuperintendentin des Sprengels Potsdam

Reine Poesie ist das, zum Jubeln schön: Herzlich lieb hab ich dich. Auf uns Menschen gesehen – wer sagt oder hört das nicht gern? Mit Herz und Mund zugleich sprechen wir so zueinander und das geschieht hoffentlich oft und reichlich! Auf Gott gesehen – das Liebeslied aus alter Zeit wird Gott zugesungen – brauchen wir mindestens das Herz dazu. Es nimmt die alten Worte neu auf und kann sie nachahmen, laut oder leise, gesungen oder innerlich still.

Meine Augen sehen mit Hilfe von Erinnerungen Felsen und Burgen an verschiedenen Orten und Ländern. Hier im Märkischen, hier am Sonntag sehen wir Felsen und Burgen kaum und können dennoch jubeln: Herzlich lieb hab ich dich, Gott! Zwar bröckelt so einiges in der Gesellschaft, im Staat, in Europa. Sicherheit und Geborgenheit sehen manchmal wie zerklüftete Felsen aus und einige Menschen wollen gern Trutzburgen zur Abschottung errichten.

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Freie Leitung

Von Jürgen Wandel

Auch hier entfaltet die Luther - bibel ihre Poesie. Viel nüchterner klingt dagegen die Zürcher Bibel: „Gepriesen sei Gott, der mein Gebet nicht abgewiesen und seine Gnade mir nicht entzogen hat.“ Was Psalm 66 aussagt, ist ja auch nüchtern. Er verspricht nicht, dass Gott erfüllt, was Menschen erbitten. Vielmehr wird das, was gelobt wird, mit negativen Formulierungen beschrieben: Gebet „nicht abgewiesen“, Gnade „nicht entzogen“. Positiv ausgedrückt heißt das: Die Leitung zu Gott ist frei, man kann mit ihm jederzeit und an jedem Ort in Verbindung treten. Und das kann auf verschiedene Weise geschehen.

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Klang der Stimmen

Von Linda Hochheimer

Wenn ich eine Kirche betrete, ergreift mich ein heiliges Gefühl. Der Raum, die Atmosphäre und besonders der Klang. Langsam schreite ich den Mittelgang entlang und schon das Klackern der Schuhe lässt die besondere Akustik erahnen. Wenn ich alleine bin, singe ich immer ein paar Töne in den Raum hinein, um zu fühlen, wie diese hier schwingen. Der Klang meiner Stimme entfaltet sich und kommt zu mir zurück, als wäre nicht ich der Ursprung gewesen.

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