Beten mit Gewicht

Von Matthias Brix

Er sitzt in einem Café in Berlin-Weißensee und spricht nur ­leise. 31 Jahre alt ist er, 2,01 Meter groß, 126 Kilogramm schwer: ­Robert Harting. Er beherrscht die schwerste Disziplin der Olympischen Spiele: Diskuswerfen. Er hat sich vor zwei Jahren verletzt, Kreuzbandriss, links, das macht ihn nachdenklich.

Die Diskusscheibe ist zwei Kilogramm schwer. Mit eineinhalb Umdrehungen wirft er sie einmal 70,66 Meter weit!
Diskuswerfen ist eine Kombination aus perfekter Technik, dynamischer Beschleunigung und brachialer Kraft. Robert Harting weiß: Es geht um das Werfen, nicht um das Fallenlassen! Christen vergessen das leicht, wenn es um die Sorgen der Welt geht.

Welches Gewicht haben Ihre Sorgen und mit welchem Dreh bringen Sie die Sorge in Bewegung, um ihr die richtige Richtung zu geben und sie auf Gott zu werfen? Gebet ist kein Sport, aber es braucht Übung, Kraft und Beschleunigung. Sorglose lassen die Sorgen nur liegen.

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Trotz alledem

Von Jürgen Wandel

Einige, die diese Zeilen lesen, dürften gerade aus dem Urlaub ­zurückgekehrt sein. Hinter ihnen liegen Tage, in denen die Abfahrtszeiten von Bahn und Bus, die ­Essenszeiten im Hotel und die ­Öffnungszeiten der Museen die einzigen Termine waren, die sie einhalten muss­ten. Sie ­ließen sich von Natur und Kultur entzücken und staunten über die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung. Aber gleichzeitig verreckten in ­Syrien Menschen. Und im Lokalteil der Zeitung standen Todesanzeigen.

So hat sich auch „in dieser schönen Sommerzeit“ gezeigt, was jeder feststellt, der sich umschaut und auf sein Leben zurückblickt. Das Leben ist zwiespältig, ambivalent: Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg, Liebe und Hass, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod gehören dazu, liegen oft nahe beieinander. Das weiß auch der 103. Psalm: In Vers 4 vergleicht er den Menschen mit einer Blume, die blüht und vergeht. Und trotzdem fordert er zum Loben auf.

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Wache Augen und ­tatkräftige Hände

Von Wolf Krötke

Wer dieses Wort Jesu verstehen will, muss die Geschichte kennen, in der es steht (Matthäus 25,31–46). Sie handelt vom Weltgericht. Jesus erzählt von einem König, der Menschen danach beurteilt, wie sie sich zu ihm verhalten haben. Die aber wissen gar nicht, dass sie es mit ihm zu tun hatten.

Der König – Jesus meint sich selber – klärt sie auf. Er ist ihnen in den Hungernden und Durstigen, den Fremden und Nackten, den Kranken und Gefangenen begegnet. Wer ­ihnen half, half ihm. Wer sie links liegen ließ, ließ ihn bei seinen „geringsten Brüdern“ allein.

Auf wen sollen wir den aus dieser Geschichte isolierten Wochenspruch beziehen? Sicherlich zuerst auf die, die von Jesus nichts wissen, aber die doch „teilnehmen an der Weite des Herzens Christi“. Es gibt sie überall. Denn es gibt Jesus überall auf der Welt. Er bewegt Menschen über Grenzen von Religionen und Weltanschauungen hinweg, Hass und Todeswut das ­Wasser abzugraben.

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Falsche Propheten

Von Bernd Krebs

Sie geben sich als Stimme des „kleinen Mannes“, sprechen „endlich“ aus, was (angeblich) niemand sagen dürfe. Sie hetzen lautstark und rücksichtslos gegen „Ausländer“ und Schwule, „korrupte“ ­Politiker, „Lügenpresse“ und das
„ganze System“. Die „Alternativen“, die sie anzubieten haben, würden den Praxistest nicht bestehen. Denn Isolationalismus und Nationalismus („Unser Land zuerst“) helfen in unserer global vernetzten Welt nicht weiter. Den Preis würden erneut die „kleinen Leute“, die Kranken, die Schwachen und die Ängstlichen bezahlen.

Und doch gibt es eine steigende Anzahl derer, die ihr Heil ausgerechnet bei Trump, Le Pen, ­Farage oder Gauland suchen. ­Paradox. Die Sehnsucht nach der „starken Hand“, die „alles richten“ soll, ist nicht neu. Bereits der Prophet Jesaja warnte sein Volk.

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Hochmut klebt

Von Beate Wolf

Gefällt Ihnen dieser Satz? Wenn ja: Dann sind Sie kein ­demütiger Mensch. Hochmut ist das Bedürfnis, sich zu vergleichen und besser dazustehen als andere.

Karl Barth definiert Hochmut als angeboren, als Erbsünde. „Ich könnte es besser als du, vielleicht sogar besser als Gott!“ Aber dann machen wir– nichts!

Die Wahrheit ist: Wir sind viel zu träge, um es „besser“ zu ­machen. Trägheit ist nämlich Teil zwei der Erbsünde. Aber wir geben nicht zu, träge zu sein. Deswegen ­begründen wir unser Nichtstun mit „mangelnder Zeit“ oder „weil mich ja niemand gefragt hat“.

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Unauslöschlich eingebrannt: A – 7713

Von Helmut Ruppel

Tag vor Text? Zweimal im Kirchenjahr sollte es erlaubt sein: Am theologisch leidempfindlichsten Tag des Jahres, dem Karsamstag, dem Tag ohne Siegersprache, und am Israelsonntag, dem Tag, an dem christliche Mitleidsunfähigkeit sich wider uns richtet.

Tag vor Text? Diesmal sogar Mensch vor Text: A-1713, Elie ­Wiesel, dem jüdischen Schriftsteller und KZ-Häftling, der den Holocaust überlebte, in die Haut gebrannt, Mal unauslöschlicher Erinnerung, mit ihm ist er am Monatsanfang gestorben.

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Zweierlei Maß

Von Heilgard Asmus

Ein Konfirmand bittet im Internet um Hilfe: „Die Pfarrerin hat mir bei meiner Konfirmation diesen Spruch (Lukas 12,48) ausgesucht, ich weiß nicht warum. Kann mir das jemand erklären?“ Er erhält viele Antworten und favorisiert diese: „Du bist wahrscheinlich jemand, der gut zuhören kann, deswegen suchen viele dein Vertrauen. Dir wird viel anvertraut, denk dran, dass du damit gefordert wirst, zu handeln.“

Mir gefällt die Frage, da weiß jemand noch gar nicht, wie viel ihm gegeben ist. Mir gefällt auch die Antwort, sie bindet die Gaben und die Verantwortung, die aus ­ihnen wächst, zusammen.

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Licht sammeln und weitergeben

Von Christian Stäblein

Sonnenkollektoren, Fotovoltaikanlagen– man findet sie nicht selten auf Gemeindehausdächern. Eine faszinierende Technik. Licht speichern und als Strom und Wärme zum Einsatz bringen, wenn es gebraucht wird. Elektrophysikalisch ist die Sache hochkomplex, ich bewundere die Entwickler einer Kunst, die, obwohl es um Licht geht, über ganz dunkel wirkende Platten funktioniert. Energiepolitisch ist die Technik weitgehend Konsens. Theologisch auch. Sonnenkollektoren sind ein Weg, die Schöpfungsgaben Gottes gut zu nutzen.

Lichtkollektoren – man findet sie überall in den Gemeindehäusern unserer Kirche. Menschen, die Licht sammeln, weil sie Kinder des Lichts Gottes sind. Und die dieses Licht weitergeben. Im Begleiten der neuen Flüchtlingsfamilie. Im Erzählen in der Bibelstunde. Im Blasen im Posaunenkreis auf dem Sommerfest. Früchte des Lichts. Christen sind wie Lichtkollektoren Gottes. Die sich selbst nicht immer leuchtend fühlen, innerlich ist da manches Mal das Gefühl der dunklen Platte. Nun, bevor der Vergleich schief wird und entgleitet: Glauben ist keine Frage von Speichertechnik. Gott scheint durch uns, macht es hell, gerade auch da, wo es dunkel war – und nicht selten gegen den Augenschein, wunderbar hell.

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Gar (nicht) abwegig

Von Rolf Wischnath

Zweiunddreißig Theologiestudenten im Seminar werden gefragt, was sie unter dem alten Wort „Hausgenosse“ und unter dem neuen Wort „godspot“ verstehen. Exemplarisch schreibt einer: „Hausgenossen leben miteinander in unterschiedlichen Parteien. Genossen sind solche, die man schon besser kennt. Es ist eine Zwischenstufe von Bekannten und Freunden.“ Ein anderer: „Kommunismus (Genosse)? Zweck-WG?“

Überraschung: Da sich das Leben in Palästina weitgehend im Freien abspielte, konnte das Haus klein sein. In der Regel stand dort für alle nur ein Raum zur Verfügung – errichtet aus Stein oder Lehmziegeln, ein sogenanntes Breit-Haus. Von daher wird mit „Hausgenosse“ das Verhältnis zu Gott als intimes, familiäres beschrieben. Das Gotteshaus im geistlichen Sinn ist Ein-Raum-Wohnung, kennt keine Nebenräume. Keine Untermieter. Nur Mitbewohner. Nur Familie. Nur Angehörige.

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Wenn alles ins Wanken gerät

Von Martin Herche

„Bitte lass mich keinen Krebs haben. Ich möchte für meine Kinder da sein. Ich möchte mit meinem Mann alt werden. Ich möchte meine pflegebedürftige Mutter unterstützen. Bitte lass es keinen Krebs sein.“

Ich kenne die Frau nicht, die diese Gebetsworte kürzlich in einer Kirche hinterließ. Aber die Angst, die aus ihren Zeilen spricht, spüre ich. Die Angst, nicht mehr für ihre Lieben da sein zu können. Hoffentlich bestätigt sich die befürchtete Diagnose nicht, so bitte ich mit ihr zu Gott. Aber wenn doch? Wenn es doch Krebs ist?

Ich kann kaum ahnen, wie furchtbar das für sie wäre. Umso mehr wünschte ich ihr dann Menschen, die ihr beistehen. Ihr und ihrer Familie. Und ich wünschte ihr trotz aller Befürchtungen Heilung. Aber was, wenn die Krankheit unheilbar wäre? Was dann, Gott?

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