Waage und Kreuz

Von Jürgen Israel

Seit einem knappen halben Jahr lebe ich in Rumänien; immer wieder erlebe ich heftige Auseinandersetzungen über angebliche und tatsächliche Verstrickungen von Geistlichen, Schriftstellern und anderen in die Machenschaften der Securitate, des rumänischen Geheimdienstes vor 1990.

Die Diskussionen wirken auf mich oft unerbittlich und wie schon viele Male mit den gleichen Argumenten geführt. Da fand ich hilfreich und tröstlich, was ich in den Erinnerungen eines ehemaligen Pfarrers aus Siebenbürgen las: „Nicht die Balken der Waage sollen predigen, sondern die Balken des Kreuzes.“ Die Waage ist das Zeichen für Gerechtigkeit. Auf den meisten Darstellungen hält die Göttin der Gerechtigkeit eine Waage in der Hand.

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Drei Schritte

 

Von Amet Bick

Es gibt Bücher, deren Titel lauten „Die sieben Wege zur Effektivität“, „Die zehn Geheimnisse der Liebe“ oder „Das Einmaleins der Achtsamkeit“. Sie wollen Wesentliches kurz und knapp auflisten und eine chaotische Welt übersichtlich machen. Wenn der Prophet Micha ein Ratgeber-Buch geschrieben hätte, dann hätte er es „Drei Schritte zum Gutsein“ nennen können. Denn sehr prägnant beschreibt er, was dazu nötig ist: Gottes Wort halten, Liebe üben, Demut vor Gott.

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Lebenslust und Lebensernst

Von Ulrike Trautwein

Das Erntedankfest ist für mich eins der schönsten Feste, die wir im Kirchenjahr feiern. Es ist ein Fest für unsere Sinne. Wir sehen und riechen all die aufgebauten Köstlichkeiten. Wir können im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, was wir feiern. Wir feiern die vielen bunten Gaben, mit denen uns Gott beschenkt hat.

Der Name des Festes ist Programm, auch diese Klarheit gefällt mir. Inmitten von all den irrwitzig vielen Gütern, die unser Leben bestimmen, beladen, belasten, steht ganz elementar: Erntedank. Wir danken für die Ernte, wir danken für das, was in Gärten und auf Feldern gewachsen ist. Wir freuen uns über Obst, Gemüse und Getreide. Wir danken für das tägliche Brot.

Das ist eine heilsame Konzentration auf das Lebensnotwendige und steht in einem starken Kontrast zu unserem Alltag, leben wir in Deutschland ja vielmehr mit einem Überangebot an Nahrungsmitteln. Jeden Tag landen tonnenweise Lebensmittel im Müll. Das Leben in dieser beschleunigten, leistungsorientierten Gesellschaft trägt dazu bei, dass Menschen ihr Gefühl für den eigenen Körper verlieren.

Wir essen zu viel oder zu wenig. Und Essen wird auf diese Weise zu einem Thema der Schuld: Wir werden schuldig an uns selber, weil wir den richtigen Umgang mit dem Essen nicht finden, schuldig an anderen, weil unser Luxus hier anderen Menschen auf der Welt das Leben kostet. Auch in unserer Stadt sind immer mehr Menschen auf Hilfsangebote durch „Laib und Seele“ oder die Tafel angewiesen.

Wir sind gefangen in einem Kreislauf, der unseren Blick auf das Essen alles andere als unschuldig macht. Und es stellt sich die Frage: Wie finden wir einen Weg zwischen Lebenslust und Lebensernst?

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Lebe wohl

Von Viktoria Fleck

Der Vater ist gestorben. Die Stütze der Familie hat für immer seine Augen geschlossen. Nun sitzt nur noch die Mutter zwischen ihnen. Ihre schwerhörigen Ohren können das Gespräch nicht mehr verfolgen, aber sie leidet sichtlich unter dem Gift, vor dem sie auch die schlechten Ohren nicht schützen können. Sie sitzt zwischen ihren Töchtern und durch sie hindurch fliegen die Pfeile, die versuchen, die andere zu treffen. Mit jahrzehntealtem Gift sind die Spitzen präpariert und es fällt ihnen nicht schwer, ihr Ziel zu finden.

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Unser Kreuz

Von Johanna Haberer

Wir haben die Wahl an diesem Sonntag. Wir dürfen ein Kreuz auf dem Wahlzettel machen und damit die Zukunft unseres Landes mitbestimmen. Wird sie sozialer, wird sie gerechter, wird sie sicherer und friedlicher, wird sie ehrlicher – durch unser Kreuz? Mit unserem Kreuz auf dem Wahlzettel bestimmen wir die Politik unseres Landes für die nächsten vier Jahre. Gott sei Dank, dass wir das dürfen. Und man kann getrost sagen, dass darum viel Getöse gemacht wurde in den vergangenen Wochen. Wahlplakate brüllten „Und Du?“. Es wird um uns geworben, es wird öffentlich gestritten um den rechten Weg in die Zukunft.
Es wird nur vom Geld geredet.

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Auf Hoffnung setzen

Sie werden sterben! Lassen Sie uns drüber reden“ – mit diesen Sätzen warb im vergangenen November die ARD für ihre Themenwoche. Ursprünglich befürchteten die Verantwortlichen eine allzu geringe Zugkraft des Themas. Das war unbegründet. Viel mehr Menschen als erwartet haben in jener Woche ihren Fernseher eingeschaltet, um sich Filme, Dokumentationen und Gespräche zum Thema Tod und Sterben anzuschauen. Die Kirchen waren angemessen einbezogen. Denn das Thema Tod ist Teil des kirchlichen Alltags, auch wenn wir es selbst gern verdrängen und wir nicht weniger hilflos sind als die anderen.

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Das ist die Lösung

Von Beate Wolf

„Wir sorgen uns gar nicht um die Gewalt in Ägypten, denn du, Gott, wirst für uns sorgen!“

Wetten, dass bei einer solchen Fürbitte die Köpfe erstmal hochgehen und etliche Leute irritiert gucken würden? Ein solches Fürbittengebet würde man als provozierend empfinden, dabei entspricht es dem biblischen Auftrag. Nicht mehr sorgen? Das wäre aber schade, denn das können wir doch besonders gut. Wenn wir uns nicht mehr sorgen sollen, dann fehlte ja die Hälfte unseres Gesprächsstoffes! Und abgesehen davon, dass wir dann ganz neue Themen finden müssten, unsere Mitmenschen würden uns doch als reichlich naiv betrachten, wenn wir sagen: „Ich sorge mich nicht, Gott wird für mich sorgen!“

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Die Weichen neu stellen

Von Johanna Friese

Sie haben kaum Zeit für Langeweile zwischen Sport, Theater, den Freunden und dem Ehrenamt. Ihre Kinder sind erwachsen. Doch alt fühlen sie sich noch lange nicht. Die Aussicht auf ein Leben im Ruhestand wirft neue Fragen auf. Sie stellen die Weichen noch einmal neu. Die „Jungen Alten“ nennen Soziologen ältere Menschen, die mitten im Leben stehen. 2030 werden in Deutschland etwa 23 Millionen Menschen über 65 Jahre leben. Wer will die gewonnenen Lebensjahre nicht aktiv und selbstbestimmt gestalten, wenn die Gesundheit mitmacht?

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Luxus für alle

Von Christina-Maria Bammel

„Wer das Angesicht eines Menschen schmäht, schmäht das Angesicht des Herrn“, heißt es in einem apokalyptischen Buch aus dem ersten christlichen Jahrhundert. Warum lässt sich Gott mit dem nächsten Menschen identifizieren? Warum lässt sich Jesus mit dem nächstbesten Notleidenden identifizieren? Warum sollte die Klarheit Christi in zerlumpten, durstigen Menschen erscheinen – im Widerspruch zu allem, was ich im ersten Impuls als klar, schön und rein empfinde?

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Verletzte Dinge

Von Matthias Brix

Wie weit haben wir uns von der Spur der Propheten entfernt? Nicht an das Ansehen einer Volkskirche, die im Blitzlichtgewitter leuchtet, an das Licht einer Kerze, die soeben ausgeht, werden wir erinnert! Sind wir das, Kirche, die glimmt, nicht glänzt? Sind wir Christen mit jenem Knick wie beim Rohr? Wir ringen um Beachtung, anstelle bei den uns Verwandten zu sein, denen man ihre Bedeutung geraubt hat.

In meinem Amtszimmer behüte ich eine ganze Sammlung beschädigter Gegenstände. Sie hat für jeden, der mich besucht, eine merkwürdige Anziehungskraft. Was ist das, fragen die Augen und vorsichtig finden Dinge, die zum Wegwerfen sind, den Weg in eine Hand.

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