Der Berührbare

Wer träumt, kann zurücksehen: Das vertraute Wohnzimmer, ein gedeckter Tisch, das feine Teegeschirr mit Blumenmuster, die Wanduhr. Es ist das großelterliche Wohnzimmer, das immer so viel Ruhe und Geborgenheit für das Kind ausstrahlte.

Auf einem der Stühle sitzt meine Großmutter. Als sie mir ihr Gesicht zuwendet, wache ich auf und weiß: Die Großeltern, die meine Kindheit prägten, leben seit vielen Jahren nicht mehr. Aber der Traum war schön.

„Quellen des Lebens“, heißt der neue Film des deutschen Regisseurs Oskar Roehler. Ein autobiografischer Film, der von einem Kind berühmter Eltern erzählt. Der Vater will nichts von ihm wissen, seine Mutter nennt er in einem weiteren Film „Die Unberührbare“. Eine bedrückende Familiengeschichte. Sie zeigt: Vergangenheit ist unvergänglich. Sie holt uns ein in Träumen, Bildern und Erinnerungen.

Die Bilder der Vergangeheit ruhen lassen

Vergangenheit prägt. Sie kann Quelle des Lebens sein, aus der wir Kraft schöpfen und sie kann diese Quelle vergiften. Dann kann es heilsam sein, die Bilder der Vergangenheit ruhen zu lassen, besser noch: sich von ihnen zu befreien und neue, eigene Wege zu gehen. Doch manchmal findet sich die Quelle auch gerade in der Rückschau – im Vergangenen. Dann lohnt es, innezuhalten und zurückzusehen.

Das Kirchenjahr macht es uns vor, indem es wieder und wieder vergangene Bilder und Geschichten ans Licht holt, die nach Leben schmecken. In der Passionszeit sind es die Bilder eines Berührbaren. Quelle des Lebens für Menschen mit glücklicher oder schwerer Kindheit. Wer sich ihr zuwendet, kann leichter träumen und fröhlicher leben.

Barbara Manterfeld-Wormit ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Berlin-Lankwitz und in der Dreifaltigkeitsgemeinde.

Der Berührbare

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Wer träumt, kann zurücksehen: Das vertraute Wohnzimmer, ein gedeckter Tisch, das feine Teegeschirr mit Blumenmuster, die Wanduhr. Es ist das großelterliche Wohnzimmer, das immer so viel Ruhe und Geborgenheit für das Kind ausstrahlte.

Auf einem der Stühle sitzt meine Großmutter. Als sie mir ihr Gesicht zuwendet, wache ich auf und weiß: Die Großeltern, die meine Kindheit prägten, leben seit vielen Jahren nicht mehr. Aber der Traum war schön.

„Quellen des Lebens“, heißt der neue Film des deutschen Regisseurs Oskar Roehler. Ein autobiografischer Film, der von einem Kind berühmter Eltern erzählt. Der Vater will nichts von ihm wissen, seine Mutter nennt er in einem weiteren Film „Die Unberührbare“. Eine bedrückende Familiengeschichte. Sie zeigt: Vergangenheit ist unvergänglich. Sie holt uns ein in Träumen, Bildern und Erinnerungen.

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Keine Opfer

Von Bernd Krebs

Woran Generationen geglaubt haben, scheint heute nur noch schwer vermittelbar zu sein. Christus ist „für uns“ gestorben? Nein danke! Wir brauchen kein Opfer. Außerdem ist es entmündigend, wenn jemand stellvertretend für einen anderen handelt. Wenn schon Religion, dann sollte sie zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen. Die biblischen  Deutungen des Todes Jesu passen nicht zum Selbstbild des Menschen. Sie passten nie!

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Der Böse und das Böse

Von Rolf Wischnath

Vom Teufel haben wir uns verabschiedet. Aber hat das Böse nicht dennoch oft menschliche Gestalt? Eine befreundete Krankenhauspfarrerin nennt mir zwei „Beispiele“: Da sind die Tätowierungen auf dem Arm des in martialisch-schwarzes Leder gekleideten Mannes: ein Totenkopf, ein Sensenmann, Skinhead und Punker begegnen sich dort. Und zu Hause verwahrt er ein Hitlerbild, eine Hakenkreuzfahne und Orden. Symbole des Bösen, mit dem er seit früher Kindheit umzugehen hatte – immer wieder Opfer der Wutausbrüche seines Vaters. Die Langzeitwirkung dessen, das ihm angetan wurde, lassen das Böse wieder und wieder Gestalt gewinnen.

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Unterwegs sein

Von Viola Kennert

„Jerusalem“ lautet das Thema des Aufsatzes – doch wie soll man über eine Stadt schreiben, die wenige Kilometer entfernt liegt, aber unerreichbar ist? Mädchen und Jungen aus  der Schule Talitha Kumi in Beit Jala in Palästina erzählen von ihrer Sehnsucht nach der Stadt in ihrer Nähe, zu der sie keinen Zugang haben. Die Großmütter trösten: Wir geben die Hoffnung nicht auf – irgendwann werden wir auch nach Palästina hinauf gehen können.

Königlich und traurig liegt die Stadt vor mir, einer deutschen Reisenden, von Tel Aviv oder Bethlehem kommend. Ich habe Zugang nach Jerusalem – von allen Seiten. Die Hoffnung nicht aufgeben – dieser Satz bleibt haften nach den Tagen in Israel und Palästina.

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden.“ Es geht um den Weg, um das Gehen, das Unterwegs-sein. Die Kunst und die Gnade ist es, sich dem Weg anzuvertrauen, den Weg ernst zu nehmen. Beim Gehen achtsam und aufmerksam zu sein.

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So frei sein

Von Frank Schürer-Behrmann

Ein schwieriger Satz. Denn wenn ich verstockt bin, dann steht es mir nicht frei, mich selbst so einfach zu entstocken. Dann bin ich tief verletzt. Dann stecke ich in einer Sackgasse. Dann weiß ich vielleicht sogar, was ich tun müsste, kann aber nicht über meinen Schatten springen. Die Bibel rechnet sogar damit, dass Gott selbst Menschen verstockt. Wie sollen wir dann aus eigener Kraft aus diesem Zustand ausbrechen?

Vielleicht müsste der Vers andersherum heißen: Wenn du verstockt bist, dann horche doch, wo du Gottes Stimme hörst! Sie kann dich heute noch befreien!
Verstockung ist eng verbunden mit Hoffnungslosigkeit. Die Verstockung zu durchbrechen, heißt zuerst: Über die Situation hinaussehen und glauben, dass Gott einen Weg bereithält, auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Der Hebräerbrief sagt: „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat“ (Hebräer 10,23).

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Deutsche Stiefel

Von Angelika Obert

Wenn man mal so überlegt, gehören wir Deutschen ja wohl zurzeit zu den gerechtesten Völkern unter der Sonne. Recht haben wir jedenfalls gegenüber den Griechen, Spaniern, Italienern, die den Euro ruinieren, den Franzosen, die keine Agenda 2010 zustande gekriegt haben, den Briten, die ihre Industrie vernachlässigen, den Amerikanern, die einfach Geld drucken und nicht mal ein Waffengesetz zustande kriegen, den Russen und Chinesen sowieso, natürlich auch gegenüber den Israelis und ihrer unglaublichen Besatzungs- und Siedlungspolitik. Recht haben wir doch im Grunde auch, die Beschneidung für Kindesmisshandlung zu halten, wenn da nicht „unsere Geschichte“ wäre ...

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Gott light

Von Helmut Ruppel

Unter den kirchlichen Angeboten wächst die Zahl der Light-Produkte. Sie verheißen einen bedenkenlosen, ungefährlichen Genuss ohne Risiken und Nebenwirkungen: Gott ist lieb, aber nicht gewalttätig; Gott ist sanft, aber nicht zornig; Gott ist verständnisvoll, aber nicht eifersüchtig; er ist barmherzig und nicht schroff; er ist mild, nicht allmächtig; er segnet, fluchen mag er gar nicht – kurz: Gott stört nicht. Es lebt sich gut mit seiner Light-Version.

Der Wochenspruch meint das Gegenteil: Was Luther mit „Herrlichkeit“ übersetzt – „kabod“ – heißt im Hebräischen: Schwere, Gewicht, Würde, ja, berlinisch geredet: Gott ist eine Wucht.

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Beflügelt

Von Wolf Krötke

Ausnahmsweise hat Luther hier einen Text nicht gut übersetzt. Wörtlich stimmt’s zwar. Aber die Vorstellung, dass uns jemand „treibt“, bereitet doch Unbehagen. Wir denken da an eine Hammelherde. Uns fällt ein Chef ein, der zur Arbeit antreibt. Wir denken an Eltern, die ihre Kinder „auf Trab“ halten, damit sie sich als brave Spiegelbilder der Wünsche von Mutti und Vati beweisen. Doch sei es nun so oder so: Getrieben werden, macht unfrei. Das aber ist das Gegenteil von dem, was Paulus sagen will.

Wir müssen die Erläuterungen dazu nehmen, die er unserem Satz gegeben hat. Dann lautet er: „Welche der Geist Gottes beflügelt, die sind Gottes Kinder.“ Gottes Kinder kennen nämlich keinen krummen Rücken. Die haben einen aufrechten Gang und einen freien Geist. Die trauen sich zu, was sich Jesus getraut hat (Markus 14, 36). Sie sagen zu Gott „Abba“ (Römer 8, 15).

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