Im Blickfang Jesu

Von Helmut Ruppel

„Jesus war nicht nur der Sohn Gottes, er stammte auch mütterlicherseits aus bester Familie“, rief der Pariser Erzbischof den nach der Revolution zurückgekehrten Aristokraten zu. Aus besten Familien stammten sie alle. Das unterschied sie ja von den Revolutionären! So können wir das (von Jürgen Ebach aufgestöberte) Predigtzitat nur weiterdichten: „Er ist einer von euch, meine Freunde!“ Diese wundersame Verbindung von polizeilichem Führungszeugnis und respektvoller Marienverehrung nennt man eine offenkundige Projektion der eigenen Wertvorstellungen in die Bibel. Wer ist frei davon?

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Oase in der Mittagshitze

Von Jutta Schreur

Aus dem Lärm in die Stille treten. Die dicken Mauern halten die Alltagsgeräusche fern. Sonnenlicht bricht sich in den bunten Fenstern und ist warm, nicht grell.

Die stille Kühle ist eine Oase in der Mittagshitze. Sie kommt oft hierher, wenn sie Pause hat. Für einen Moment abschalten. Den schwierigen Fall draußen lassen. Die Akten auf dem Schreibtisch vergessen, die Mails, die sie noch beantworten muss, und den Bericht, den sie beim Schichtwechsel der Kollegin übergeben soll. Noch nicht an die Kinder denken, die sie später abholen wird, und nicht an Besorgungen und Haushaltspflichten. Das alles ist hier weit weg.

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Feste Kette

Von Stefanie Hoppe

Der eine sagt es, der andere sagt es weiter. Wie eine Kette ziehen sich die Träger der Botschaft aneinander. Aber die Kette kennt nicht nur ein vor, sondern auch ein zurück. Gott hat seinen Sohn gesandt, und der hat Jünger gesandt, hin zu den Menschen, die das Evangelium weitersagen. Entstanden ist eine Kette, die eine Botschaft trägt: „Gott liebt diese Welt.“ Von oben nach unten heißt sie: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Von unten nach oben heißt sie: „Wer die Liebe Jesu zu den Menschen verletzt, der verletzt damit auch die Liebe des Vaters.“ (...)

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Die Hütte bebt

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Das ist die Krönung: Europas Hochadel defiliert in Amsterdam über den roten Teppich. Der frisch gekürte König trägt Hermelin, die Frau an seiner Seite Diadem und Königsblau. Die Bevölkerung auf Straßen und Grachten jubelt. Die kleinen Prinzessinnen winken. Die alte Königin hat abgedankt und geht protokollarisch korrekt fortan hinter ihren Enkelinnen.

Das ist die Thronvision des Propheten Jesaja: Gott selber sitzt auf dem Thron Sein Saum füllt den Tempel. Geflügelte Serafim umschweben und lobpreisen ihn – die Hütte bebt.

Das ist die Realität: Die Kirchenbänke bleiben leer. Himmelfahrt ist Vatertag. Am Sonntag danach wird der Lobgesang auf die Mutter angestimmt, während in den Gotteshäusern nur ein verzagtes Häuflein mit zittrigen Stimmen das Lob Gottes anstimmt. Auf dem Thron sitzt König Konsum. Im Buchhandel schrumpft die Abteilung Religion auf Margot Käßmann, Anselm Grün und provozierende Titel wie: „Kirchensteuer – wozu?“ (...)

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Heilsame Verwirrung

Von Amet Bick

Wir haben so viele Erwartungen. Zum Beispiel davon, wie die große Liebe auszusehen hat, die Urlaubsreise oder die Geburtstagsparty verlaufen soll, wie die Kinder sich entwickeln oder das Land, in dem wir leben. Diese Erwartungen können, wenn sie besonders hartnäckig sind, immer wie ein Film neben dem eigentlichen Geschehen herlaufen und den Blick für das, was wirklich passiert, trüben.

Von den Menschen, die vor rund 2000 Jahren Jesus von Nazareth begegneten, hatten viele ihre genaue Vorstellung, wie ein Messias zu sein hat: ein glorreicher, strahlender Friedefürst, unsterblich und mit Zeit bis in alle Ewigkeit. Der Zimmermann Jesus, der mit ein paar Freunden und Freundinnen durch das Land zog, entsprach diesem Bild nicht. Und egal, welche Wunder er auch tat, was für Zeichen sich ereigneten, egal, ob er Lazarus wieder zum Leben erweckte oder Gottes Stimme aus den Wolken erklang, immer wieder  sagten sie: Wer bist du eigentlich? Wir glauben nicht an dich.

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Erhörte Gebete

Von Jürgen Israel

Nachdem Papst Franziskus sich den wartenden Menschen auf dem Petersplatz vorgestellt hatte, bat er sie, für ihn zu beten. Ein Fernsehreporter sagte anschließend, auf dem Platz sei es so still gewesen, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Das war gewiss übertrieben, aber eindrucksvoll war die Stille doch, die selbst das Fernsehen vermittelte. Eine der ersten Twitter-Botschaften des Papstes lautete: „Liebe Freunde, ich danke euch von Herzen und bitte euch, weiterhin für mich zu beten.“ Das bedeutet, Franziskus weiß, dass wir auf Fürbitte angewiesen sind, und er traut dem Gebet etwas zu.

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Neue Musik

Von Beate Wolf

„Der Herr ist ein Schatten über deiner rechten Hand!“ – Christian Brückners großartige Stimme schreit fast, düster und metallisch wird dieser Psalm dann von Technoklängen gejagt. Ich lausche wie gebannt, weiß nicht, ob ich empört sein soll, fasziniert oder entsetzt. Das Techno-Projekt „E Nomine“ hat nicht nur Psalmen elektronisch vertont, auch das Vaterunser, die Schöpfungsgeschichte und vieles andere. Große deutsche Synchronsprecher gaben ihre Stimmen für die Heiligen Texte her. Ich bin irritiert. Darf man denn das? Darf man die großen Texte der Bibel so dramatisch lesen und mit so harten Techno-Klängen begleiten? Das hat ja nun gar nichts mehr mit Kirchenmusik zu tun. Und dennoch – ich komme nicht mehr davon los, höre es immer wieder, lasse mir Schauer über den Rücken jagen. Wie anders plötzlich alles klingt. Sind die Psalmen tatsächlich so wuchtig und dramatisch? Oh ja, das sind sie. Wir haben sie in unserem Gesangbuch regelrecht domestiziert, so dass sie zart und blumig werden. Und so sanft, fast gelangweilt lesen und singen wir sie dann auch.

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Leben entdecken

Von Johanna Haberer

Die Situation ist mir unvergesslich: Ich habe diesen Text zum ersten Mal bewusst bei der Beerdigung eines Schulkameraden gehört. Der 18-jährige Fahranfänger war nachts gegen einen Baum geprallt. Wir waren geschockt und standen an einem kalten Novembertag in der grauen Aussegnungshalle. Der Pfarrer predigte, dass das Alte in Gestalt des Körpers unseres Mitschülers nun vergangenen sei und für ihn sei nun alles neu geworden.

Etliche weinten haltlos, die Eltern und Geschwister des Jungen standen starr und in mir schäumte eine unbändige Wut. Über dieses abgebrochene Leben, diesen sinnlosen Tod und über diesen Pfarrer, der das kaum angefangene Leben unseres Mitschülers als das „Alte“ bezeichnete.

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Hirte und Schaf

Von Sibylle Sterzik

Kenne ich Jesus wirklich als den guten Hirten? Bin ich sein Schaf? Ein Bild, das heute geringschätzig klingt. Ich wäre Teil einer Herde, gar nicht selbstständig und allein lebensfähig, ohne jemanden, der auf mich aufpasst oder mich auf eine saftige Weide führt. Wer will sich schon so sehen? Ich nicht! Aber vielleicht sieht Jesus mich ja so? In seinen Augen, mit seinem Wissen und seiner Beziehung zu Gott sieht möglicherweise alles ganz anders aus.

Da bin ich unselbständig, weil ich nicht allein in Gottes Nähe finde, sondern mich immer wieder verirre. Weil ich anderen Hirten hinterher laufe, die mich verlocken und seine Stimme ignoriere.

Bequemlichkeit ist ein falscher Hirte

Bequemlichkeit ist so ein falscher Hirte. Ich lese lieber von den Bürgerprotesten gegen Rechtsextreme im Stadtbezirk und bin stolz auf den Aufstand der Friedliebenden und Menschenfreundlichen, als selbst auf die Straße zu gehen. Ich höre den Gottesdienst lieber im Bademantel morgens auf dem Sofa im Radio als mich zur Herde in die Kirchenbänke zu gesellen.

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Neue Zukunft

Von Jutta Schreur

Was bleibt, wenn der Mensch, der alle Hoffnungen verkörpert hat, tot ist? Wenn die eigene Zukunft wie abgeschnitten scheint? „Ich habe mich gezwungen, ins Amt zu gehen“, erzählt der Diplomat Wolfgang Ischinger,  im ZEIT-Magazin  vor einiger Zeit.

Sein Sohn Florian hatte sich das Leben genommen. Dem Vater half die Routine. Der geregelte Tagesablauf war ein Geländer, an dem er sich festhielt. Aber die Leere blieb, einsam fühlte er sich. Bis ihn Kollegen ansprachen, die Ähnliches erlitten hatten. Sie wussten, wie er sich fühlte und ließen ihn spüren, dass er nicht allein war. Die Gemeinschaft tröstete ihn. Und dann kehrte auch die Hoffnung zurück in sein Leben, eine lebendige Hoffnung, die nicht nur dem trauernden Vater die Zukunft neu eröffnet hat.

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