Unterwegs sein

Von Viola Kennert

„Jerusalem“ lautet das Thema des Aufsatzes – doch wie soll man über eine Stadt schreiben, die wenige Kilometer entfernt liegt, aber unerreichbar ist? Mädchen und Jungen aus  der Schule Talitha Kumi in Beit Jala in Palästina erzählen von ihrer Sehnsucht nach der Stadt in ihrer Nähe, zu der sie keinen Zugang haben. Die Großmütter trösten: Wir geben die Hoffnung nicht auf – irgendwann werden wir auch nach Palästina hinauf gehen können.

Königlich und traurig liegt die Stadt vor mir, einer deutschen Reisenden, von Tel Aviv oder Bethlehem kommend. Ich habe Zugang nach Jerusalem – von allen Seiten. Die Hoffnung nicht aufgeben – dieser Satz bleibt haften nach den Tagen in Israel und Palästina.

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden.“ Es geht um den Weg, um das Gehen, das Unterwegs-sein. Die Kunst und die Gnade ist es, sich dem Weg anzuvertrauen, den Weg ernst zu nehmen. Beim Gehen achtsam und aufmerksam zu sein.

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So frei sein

Von Frank Schürer-Behrmann

Ein schwieriger Satz. Denn wenn ich verstockt bin, dann steht es mir nicht frei, mich selbst so einfach zu entstocken. Dann bin ich tief verletzt. Dann stecke ich in einer Sackgasse. Dann weiß ich vielleicht sogar, was ich tun müsste, kann aber nicht über meinen Schatten springen. Die Bibel rechnet sogar damit, dass Gott selbst Menschen verstockt. Wie sollen wir dann aus eigener Kraft aus diesem Zustand ausbrechen?

Vielleicht müsste der Vers andersherum heißen: Wenn du verstockt bist, dann horche doch, wo du Gottes Stimme hörst! Sie kann dich heute noch befreien!
Verstockung ist eng verbunden mit Hoffnungslosigkeit. Die Verstockung zu durchbrechen, heißt zuerst: Über die Situation hinaussehen und glauben, dass Gott einen Weg bereithält, auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Der Hebräerbrief sagt: „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat“ (Hebräer 10,23).

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Deutsche Stiefel

Von Angelika Obert

Wenn man mal so überlegt, gehören wir Deutschen ja wohl zurzeit zu den gerechtesten Völkern unter der Sonne. Recht haben wir jedenfalls gegenüber den Griechen, Spaniern, Italienern, die den Euro ruinieren, den Franzosen, die keine Agenda 2010 zustande gekriegt haben, den Briten, die ihre Industrie vernachlässigen, den Amerikanern, die einfach Geld drucken und nicht mal ein Waffengesetz zustande kriegen, den Russen und Chinesen sowieso, natürlich auch gegenüber den Israelis und ihrer unglaublichen Besatzungs- und Siedlungspolitik. Recht haben wir doch im Grunde auch, die Beschneidung für Kindesmisshandlung zu halten, wenn da nicht „unsere Geschichte“ wäre ...

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Gott light

Von Helmut Ruppel

Unter den kirchlichen Angeboten wächst die Zahl der Light-Produkte. Sie verheißen einen bedenkenlosen, ungefährlichen Genuss ohne Risiken und Nebenwirkungen: Gott ist lieb, aber nicht gewalttätig; Gott ist sanft, aber nicht zornig; Gott ist verständnisvoll, aber nicht eifersüchtig; er ist barmherzig und nicht schroff; er ist mild, nicht allmächtig; er segnet, fluchen mag er gar nicht – kurz: Gott stört nicht. Es lebt sich gut mit seiner Light-Version.

Der Wochenspruch meint das Gegenteil: Was Luther mit „Herrlichkeit“ übersetzt – „kabod“ – heißt im Hebräischen: Schwere, Gewicht, Würde, ja, berlinisch geredet: Gott ist eine Wucht.

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Beflügelt

Von Wolf Krötke

Ausnahmsweise hat Luther hier einen Text nicht gut übersetzt. Wörtlich stimmt’s zwar. Aber die Vorstellung, dass uns jemand „treibt“, bereitet doch Unbehagen. Wir denken da an eine Hammelherde. Uns fällt ein Chef ein, der zur Arbeit antreibt. Wir denken an Eltern, die ihre Kinder „auf Trab“ halten, damit sie sich als brave Spiegelbilder der Wünsche von Mutti und Vati beweisen. Doch sei es nun so oder so: Getrieben werden, macht unfrei. Das aber ist das Gegenteil von dem, was Paulus sagen will.

Wir müssen die Erläuterungen dazu nehmen, die er unserem Satz gegeben hat. Dann lautet er: „Welche der Geist Gottes beflügelt, die sind Gottes Kinder.“ Gottes Kinder kennen nämlich keinen krummen Rücken. Die haben einen aufrechten Gang und einen freien Geist. Die trauen sich zu, was sich Jesus getraut hat (Markus 14, 36). Sie sagen zu Gott „Abba“ (Römer 8, 15).

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