Zu ihrem Wohl

Von Ute Gniewoß

Eine Jüdin erzählt einer deutschen Reisegruppe in Israel, wie sie Begegnungen zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen organisiert. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, überhaupt zusammenkommen zu können und von den Anfeindungen, die sie von allen Seiten erfährt. An einem Tag nach einem Attentat in Israel, bei dem eine junge Bekannte von ihr umgekommen ist, spricht ihr Sohn sie an, der gerade in der israelischen Armee seinen Dienst tut: „Wie kannst du dich weiter für diese jüdisch-palästinensischen Treffen einsetzen? Du siehst doch, dass es überhaupt nichts bringt. Hör damit auf.“ Es folgt eine schlaflose Nacht für sie. Sie denkt an die junge Frau, die gestorben ist. Sie denkt an ihren Sohn. Wo wird er noch eingesetzt werden? Als sie uns davon erzählt, schließt sie ihre Schilderungen mit dem Satz: „Ich habe die ganze Nacht mit mir gerungen, aber am Morgen wusste ich, dass ich weitermachen muss. Ich wusste, es gibt keine Alternative. Wir müssen einander begegnen. Wir müssen die Leiden der anderen wahrnehmen und miteinander sprechen.“

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Große Sprünge

Von Angelika Behnke

Bibbernd steht der kleine Junge auf dem Sprungturm im Freibad. „Nein, Papa, ich schaff’ das nicht!“ Der Vater winkt unten im Wasser und ermuntert seinen Sohn. Einige Kinder lachen schon. Auf der blauen Badehose prangt ein leuchtend gelbes „S“ für „Superman“. Ach ja, denke ich, so ein Aufdruck macht noch keinen furchtlosen Supermann aus dem ängstlichen Kind.

Wie gut kann ich mich in den Jungen hineinversetzen: Eben noch habe ich beherzt Ja gesagt zu einem Vorhaben. Aber im nächsten Moment erfasst mich die Sorge, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Ein andermal sage ich gleich: Nein, das kann ich nicht; ich betrete den Sprungturm gar nicht erst. Doch dann ermutigen mich Menschen, denen ich vertraue und die mir etwas zutrauen. Ich springe. Und wachse an der überwundenen Angst.

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Als mildtätig getarnt

Von Bernd Krebs

Der Verdacht fiel stets auf ihn. Aber man konnte ihm nichts nachweisen. Manchmal legte er selbst Hand mit an. Meistens aber schickte er seine Handlanger. Er zog die Fäden. Das Ganze war als mildtätiges Unternehmen getarnt. Doch es galt nur dem einen Ziel, den Gewinn dessen zu mehren, der an der Spitze stand. Macheath alias Mackie Messer.

Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ ist eine Parabel auf den Kapitalismus seiner Zeit. Werte wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Güte dienten nur noch als Sichtblende. Sie verstellten, was der eigentliche Zweck war. Sind die grundlegenden Werte aber in ihr Gegenteil verkehrt, bleibt anscheinend nur noch Zynismus.

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Gottes Wohngemeinschaft

Von Ulrike Trautwein

Bei diesen Worten aus dem Epheserbrief muss ich sofort an meine Zeit in der Wohngemeinschaft denken. Als ich zu studieren anfing, hatte ich keine Lust, alleine zu leben. In einer fremden Stadt wollte ich von Anfang an Menschen haben, mit denen ich den Alltag teile. Also habe ich mir eine Wohngemeinschaft gesucht. Zuerst waren wir uns ziemlich fremd, jeder kam woanders her. Aber in kurzer Zeit entwickelte sich so etwas wie Familie und wir wurden uns immer vertrauter. Wir lebten, aßen, diskutierten, beteten und feierten zusammen. Teilten Fröhliches und Schweres miteinander.

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Ulrike Trautwein ist Generalsuperintendenting des Sprengels Potsdam in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Geschichte der Erlösung

Von Viola Kennert

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Jesaja 43,1

Die Frau ist schon sehr schwach – vorsichtig wird sie aus dem Haus geführt. Noch einmal blickt sie aus allen Fenstern und nimmt das geliebte Zuhause in sich auf. Sie wird es nicht mehr wiedersehen. Nach wenigen Tagen im Krankenhaus wird sie erlöst. Bei ihrem Namen gerufen zu Gott – so werden die Trauernden es am Grab hören. Wir trösten einander: Sie ist in der Ewigkeit angekommen.

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Viola Kennert ist Superintendentin

Blick in den Spiegel

Von Linda Ahrens

Der Blick in den Spiegel. Keine Ahnung wie oft am Tag. Meistens ist es nur ein Kontrollblick. Morgens ein längerer, im Laufe des Tages immer flüchtiger. Wenn ich sehe, was ich erwarte, dann bin ich schon zufrieden. Nichts Außergewöhnliches im Gesicht, an den Zähnen und in der Nase. Manchmal ist da aber doch etwas. Etwas, das mich stört. Dann schaue ich in den Spiegel und frage mich: „Wer ist diese Frau und da?“

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Lastenträger im Namen des Herrn

Von Victoria Fleck

„Jeder hat halt sein Päckchen zu tragen.“ Und hat er gerade kein eigenes, dann soll er in Christi Namen das seines Nächsten schultern: Lastenträger im Namen des Herrn. So verhalten sich gesetzestreue Bürger im Reich Gottes. Und das steht ausgerechnet im Galaterbrief, der doch berühmt ist für die Freiheit, die Gottes Gnade den Christen schenkt.

Schöne Freiheit, denke ich und würde die Last gern wieder abgeben. Es läuft sich nicht so leicht unter diesem Gewicht. Andererseits habe ich auch gesehen, wie ungeschickt mein Nächster sie versucht hat zu schultern. Vor lauter Last hat er nicht einmal die praktischen Tragegurte gefunden. So, wie die Wiese des Nachbarn immer grüner ist als die eigene, scheint auch seine Last leichter zu sein als meine eigene.

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Im Blickfang Jesu

Von Helmut Ruppel

„Jesus war nicht nur der Sohn Gottes, er stammte auch mütterlicherseits aus bester Familie“, rief der Pariser Erzbischof den nach der Revolution zurückgekehrten Aristokraten zu. Aus besten Familien stammten sie alle. Das unterschied sie ja von den Revolutionären! So können wir das (von Jürgen Ebach aufgestöberte) Predigtzitat nur weiterdichten: „Er ist einer von euch, meine Freunde!“ Diese wundersame Verbindung von polizeilichem Führungszeugnis und respektvoller Marienverehrung nennt man eine offenkundige Projektion der eigenen Wertvorstellungen in die Bibel. Wer ist frei davon?

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Oase in der Mittagshitze

Von Jutta Schreur

Aus dem Lärm in die Stille treten. Die dicken Mauern halten die Alltagsgeräusche fern. Sonnenlicht bricht sich in den bunten Fenstern und ist warm, nicht grell.

Die stille Kühle ist eine Oase in der Mittagshitze. Sie kommt oft hierher, wenn sie Pause hat. Für einen Moment abschalten. Den schwierigen Fall draußen lassen. Die Akten auf dem Schreibtisch vergessen, die Mails, die sie noch beantworten muss, und den Bericht, den sie beim Schichtwechsel der Kollegin übergeben soll. Noch nicht an die Kinder denken, die sie später abholen wird, und nicht an Besorgungen und Haushaltspflichten. Das alles ist hier weit weg.

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Feste Kette

Von Stefanie Hoppe

Der eine sagt es, der andere sagt es weiter. Wie eine Kette ziehen sich die Träger der Botschaft aneinander. Aber die Kette kennt nicht nur ein vor, sondern auch ein zurück. Gott hat seinen Sohn gesandt, und der hat Jünger gesandt, hin zu den Menschen, die das Evangelium weitersagen. Entstanden ist eine Kette, die eine Botschaft trägt: „Gott liebt diese Welt.“ Von oben nach unten heißt sie: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Von unten nach oben heißt sie: „Wer die Liebe Jesu zu den Menschen verletzt, der verletzt damit auch die Liebe des Vaters.“ (...)

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