Ostdeutsche Wunderprediger

Von Johanna Haberer

Im November 1989, gleich nach dem Fall der Mauer, habe ich, die Theologin aus Bayern, mit Theologen-Freunden zusammen gesessen. Wir haben uns gefragt: Was um Gottes Willen haben die Pfarrerinnen und Pfarrer in der DDR ­eigentlich gepredigt, wenn Tausende von Menschen erst in die Kirchen strömten und danach zur Demo. Was haben ­unsere ostdeutschen Wunderprediger gesagt, dass die ­Demonstrationen friedlich blieben? Und der Widerstand hartnäckig und geduldig?

Ich habe dann alle Prediger und Predigerinnen, die ich aus den Nachrichten und aus den Erzählungen ostdeutscher Freunde kannte, angeschrieben und habe sie gebeten, mir ihre Predigten zu schicken. Alle diese Predigten, die sie zwischen dem 13. August (Gedenktag des Mauerbaus) und dem 9. November (Fall der Mauer) 1989 anlässlich der Sonntagsgottesdienste und der Friedensgebete am Montag gehalten hatten.

Man konnte sich auf die DDR – Kolleg*innen verlassen. Ich bekam tatsächlich Antwort. Es stapelten sich bald zahlreiche Manuskripte. Sie waren entweder auf uralten Schreibmaschinen getippt oder noch mit der Hand geschrieben. Und ich las sie alle aufmerksam und begierig. Ich wollte genau wissen, wie man das macht: solch ein Wunder herbei zu predigen.

Nach tagelangem Lesen legte ich die Manuskripte aus der Hand und war ehrlich enttäuscht. Diese Predigten klangen genauso, wie wir sie im Westen an jedem Sonntag in der Kirche hören konnten. Gänzlich unspektakulär. Sonntagspredigerhandwerk. Es war nichts Aufrührerisches dabei, keine Widerstandsrhetorik, keine Durchhalteparolen. Hier wurde die Schrift ausgelegt.

Und plötzlich begriff ich! Diese eher unspektakulären Predigten hatten es in sich, wenn man die gepredigten Bibeltexte im Zusammenhang las. Die Kollegen hatten nicht die vorgeschriebenen Texte verwendet. Sie hatten sich die Texte zur Situation gesucht. „Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg“! Die Auswahl der biblischen Texte vor 30 Jahren in Ostdeutschland liest sich wie ein roter Faden in die Freiheit – ohne Waffen.

Im Advent 1989 brachten wir das kleine Büchlein auf den Markt. Es wurde wenig später ins ­Koreanische übersetzt.

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