Ohrwurm

Bernd Krebs zum neuen Wochenlied

Wenn ein Lied bereits als Raubdruck zirkuliert, noch bevor alle Strophen geschrieben sind, hat der Komponist den richtigen Ton getroffen. Norbert Kissel, Komponist von „Lobe den Herrn, meine Seele“, hat es deshalb gelassen hingenommen, dass seine Psalmvertonung zunächst von Hand zu Hand ging, ohne das Copyright zu beachten. Heute ist das Lied, das er ursprünglich für seine kleine hessische Gemeinde komponiert hatte, längst ein „Ohrwurm“ und in allen neuen Liederbüchern vertreten.

Dass ein Lied auf einen biblischen Text den Ton trifft und zum „Hit“ wird, ist gut reformatorisch. Martin Luther hatte keine Scheu, sich von Volksliedern inspirieren zu lassen. Und Johannes Calvin gelang es, angesehene Komponisten seiner Zeit zur Mitarbeit am Genfer Psalter zu gewinnen.

„Lobe den Herrn, meine Seele“ wird – ich wage die Prognose – auch künftige Generationen beflügeln und zum Lobpreis einladen. Ich mag das Lied wegen seiner langen Melodiebögen und seiner Fröhlichkeit. Die Worte des Kehrverses zunächst nacheinander gesungen und dann als Kanon miteinander verschränkt, bringen meine Seele zum Klingen – noch nach vielen Stunden habe ich den Klang im Ohr. Und: Angesichts der ins Apokalyptische gewendeten Stimmung, die gerade durch unser Land zieht, bleibe ich zuversichtlich, dass Gott „Himmel und Erde“ unter sein „göttliches Ja-Wort“ stellt, wie es in der dritten Strophe heißt. Ein Psalmlied, das in die Zeit spricht – es bräuchte mehr davon!

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