Aufmerksame ­Herzen gesucht

Tanja Pilger-Janßen zum neuen Wochenlied

Der Platz ist sommerlich lebendig, den ermatteten Musikern hört kaum einer zu, alles drängt in die U-Bahn, Ungeduld verbreitet sich auf den Rolltreppen, Menschen ­strömen zum hektischen Einkauf: ein buntes Treiben, denken die einen – der tägliche Stress, so erleben es die anderen. To-do-Listen im Kopf, der Blick fest auf das Smartphone gerichtet – so laufen sie und man selbst läuft mit.

Jesus, der zu den Fischern lief … sich doch ein Herz zu fassen …

Christus läuft auch. Mittendrin im Trubel. Christus ist unterwegs und sucht aufmerksame, hörfähige, hörbereite Herzen.
Manchmal halte ich inne und stelle mir vor, ihm zu begegnen in einem der Hunderten Gesichter, in den Stimmen und wortlosen ­Blicken, durch die ich eilig gehe.

Jesus schreit nicht, er ist leichten Fußes unterwegs: der durch die Welt geht und die Zeit, ruft nicht, wie man beim Jahrmarkt schreit.

Was passiert eigentlich, wenn ich mir ein Herz fasse? Der Gedanke ­bewirkt Innehalten, Stehen, Bleiben und Spüren: Nachfolge ist nicht Rückzug – Nachfolge ist Achtsamkeit im Weltgetriebe. Aufmerksamkeit verlangsamt auch die eigenen Schritte und entschleunigt die Gedanken. Was ist jetzt wichtig? Wer braucht meine Fürbitte?

Er spricht das Herz an, heute, und sammelt seine Leute …

Christus ist unterwegs. Mit diesem Wissen weiterzugehen, ändert vermutlich nicht mein ganzes Leben, doch der Glaube an die Gegenwart Christi trainiert meine Herzens-­Hörfähigkeit. Und verändert mich eben doch.

Er will uns alles geben, die Wahrheit und das Leben.

Herrliches Menschenleben

Tanja Pilger-Janßen zum neuen Wochenlied

Eine Bitte um Gottes Kommen zeigt sich im Wochenlied „Komm in unsre stolze Welt“. Mit einem selbst­kritischen Blick, der Gottes Gnade erbittet und erhofft, kommt das Lied daher.

Wie man mit jedem Ton der ­ersten Liedzeile Wort um Wort ein Stück tiefer singt, so gelangt man ­inhaltlich auch immer tiefer hinein in die Schattenseiten menschlichen Lebens: stolze Welt, reiches Land, laute Stadt, festes Haus, dunkles Herz. Deutliche Worte und plastische Bilder werden angestimmt, die einem nicht unbekannt vorkommen und Zustimmung auslösen. Wie stolz zeigen sich Menschen untereinander in Politik oder Gesellschaft, ohne ­einander auf Augenhöhe zu begegnen. Wie fest wiegen wir uns in ­Sicherheit. Wie dunkel ist unser Herz durch Neid, Angst, Not und Schmerz.

Nie mehr Saustifte

Jens Blanck zum neuen Wochenlied

In meiner frühen Jugend habe ich während meiner Berufsausbildung auf Montage Dinge erlebt, die wünscht man niemandem. Es war schlimm, wie man mit uns Lehrlingen umgegangen ist. „Saustifte“ war die „kollegiale“ Bezeichnung für uns Lehrlinge des ersten Lehrjahres. In der Hoffnung, Hilfe zu bekommen, bin ich in meiner Verzweiflung sogar mal zur „Volkspolizei“ gegangen. Leider ohne Erfolg. Auch in der Firmenzentrale Fehlanzeige. Erst als ein Lehrling einer anderen Firma dort verprügelt wurde, wurde ich ernst genommen und es kam Besserung. Dieses Gefühl, in der Fremde so ohnmächtig zu sein, hat meinem ­Leben in einem schwierigen Jugendalter eine Wendung gegeben, für die ich heute sehr dankbar bin.

Ich habe erfahren, wenn in der Welt niemand hilft, dann findet man Hilfe bei Gott, vorausgesetzt, man ist offen für ihn. Daraus erwuchs eine Stärke, mit der Situation umzugehen und engagiert dagegen anzugehen.

Nun könnte man meinen, ich müsste diesen ungehobelten Lehrausbildern dankbar sein für diese Erfahrung, denn durch die Tiefe erlebte ich in besonderer Weise einen Weg zu Gott. Nein, ich lobe allein meinen Gott, weil ich erfahren habe, dass er da ist und da sein will, wo wir Menschen Hilfe brauchen. Er gibt die Kraft, dass wir handeln und die Dinge aussprechen und von der ­Ungerechtigkeit reden. Heute nehme ich ein Lächeln in mir wahr, wenn es heißt, dass es ein Problem gibt, denn ich weiß: I’ll never walk alone. Ich werde nie allein gehen.

Genug ­Gottesspeise

Von Heilgard Asmus

Werbung geht so: Heute umsonst ­essen und trinken 10 bis 11 Uhr! Oder so: „Spargel satt“ nach nur einmal ­bezahlen! Die „Happy Hour“ ist auch sehr beliebt. Das alles steht hoch im Kurs, wir sind eingeladen zum Schlemmen.

Das Wochenlied klingt nach mehr. Auch hier geht es darum sich ­zu bewegen, wir sind eingeladen zum Gastmahl. Kommt her. So ganz ohne Ausrufezeichen kommt diese Ein­ladung aus. Die Melodie ist anfangs ruhig, fast wie gesittet. Sie wird ­bewegter, leichter, beschwingter.

Und dann summen in mir die Worte, die gar nicht so happy klingen – betrübte Seele, krankes Herz, verfehlte Menschen, sich und anderen gram sein, Not und Jammer. Kommt her, ihr seid geladen. Umsonst werden Ohren und Bauch gefüllt, die Seele kann satt werden, der Gram getröstet. Es ist wirklich genug Gottesspeise für alle da beim Abendmahl und im Feiermahl.

Umsonst speist Gott, aber nicht vergeblich, es hat ja Folgen für uns. Wie schön altertümlich, fast fremd und doch so kraftvoll in der Bildsprache, können wir singen: Aus verzagten Sündern werden versöhnte Kinder. Ja, das will ich singen und glauben. Mit befreiter Seele jauchzen, singend erzählen von der tiefen Wundermacht, die Jammer stillt, der fast verzweifeln ließ.

Und ich lege mir neben das ­Wochenlied mein Herzensgedicht von Rainer Maria Rilke: „Rast. Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärg­licher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut.“

Eine Frau in der Wüste

Von Amet Bick

Das Lied erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte, die so alt ist wie die Menschheit. Es erzählt von der Reise durch die innere Wüste, die Wüste der Gottverlassenheit. Die Bilder sind so stark, dass ich mir einzelne Verse wie Filmszenen vorstelle. Eine Frau an einem unwirtlichen Ort streckt ihre leeren Hände in den leeren Himmel. Niemand ist da, der ihre Geste wahrnimmt. Sie ist allein. Gott ist fremd und fern, nicht anzutreffen. Zweifel werden zu Verzweiflung. Der Tod erscheint wie die einzige mögliche Zukunft mit ihm.

Aber die Geschichte, die das Lied erzählt, die Wüstenwanderung, bleibt hier zum Glück nicht stecken. Die Hände sinken wieder, die Frau findet die Kraft weiterzugehen. Sie will reden, ein Gespräch, sie stellt Fragen. Gott ist nicht zu sehen, aber vielleicht geht er schon lauschend neben ihr. Ihr zugewandt, lächelnd, weil er spürt, wie sie brennt vor Sehnsucht. „Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?“ Sie fragt so drängend und so wild, als hinge ihr Leben davon ab. Kann sein, Gott ging schon immer neben ihr und sie hat es nicht gespürt. Die beiden bleiben stehen. Die Frau schließt die Augen. Gott tritt aus dem Dunklen, dem Ungefähren. Sie hört sein Wort, fühlt seinen Trost. Ihre innere Wüste ­verwandelt sich in eine Landschaft voller Schönheit. Das gelobte Land ist ein Ort ohne Grenzen.

Damit ist die Geschichte erzählt. Das gelobte Land ist in mir. Ich kann weit gehen, aber ankommen muss ich in mir. Die Frau ist jetzt ganz ­ruhig, sie lächelt selig wie eine ­Liebende. „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“, sagt sie zu Gott.

Behüter, Licht und Tröster

Von Johanna Friese

„Resilienz“ ist in aller Munde. Als ­geheimnisvolle Kraft, die es möglich macht, sich durch Krisen zu manövrieren, Widerstand auszuhalten und trotz allem optimistisch nach vorne zu sehen. Ob einem das leicht fällt, ist eine Typfrage, aber man kann etwas dafür tun. Wer sich ­erinnert, dass er in allem, was auch passieren mag, von Gott angesehen ist, ist schon auf dem richtigen Weg.

Gerhard Tersteegens Lied „Brunn alles Heils“ ist ein Segensgebet. Er empfahl es „morgens, abends, bei Tisch, nach der ­Predigt und zu aller Zeit gläubig zu beten“. Der fromme Kaufmann und Weber aus Mühlheim an der Ruhr veröffentlichte sein Lied in seinem Erbauungsbuch „Geistliches Blumen-Gärtlein inniger Seelen“ von 1745. Wer es betend mitsingt, bemerkt schnell die Steigerung bis zur letzten Strophe. Jeder Seinsweise Gottes – dem Vater, Sohn und Heiligen Geist – ordnet Tersteegen ein allumfassendes Wirken zu: als Behüter, Licht und Tröster.

So vielschichtig sind Segens­erfahrungen und oft erst rückblickend zu deuten. Leicht zu haben sind sie aber nicht. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, sagte Jakob am Jabbok nach einer dunklen Nacht. Dennoch: gesegnet und gehalten. Ein Segen kann nicht im magischen Sinne vor Unheil bewahren, aber zu einem anderen Blick und Selbstverständnis verhelfen. In der fünften Strophe findet sich die ­passende Segensbitte an Gott gerichtet: „O Segensbrunn, der ewig fließt: durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll!“

Diese Gewissheit bringt mehr als jeder Versuch, aus eigenen Kräften möglichst widerstandsfähig durchs Leben zu gehen. Und es befreit:
nicht alles selbst erringen müssen und sich manches geschenkt sein lassen.

Niemand besitzt die Wahrheit

Von Jürgen Wandel, Theologe und ­Redakteur bei ­zeitzeichen

Den Choral „O komm Du Geist der Wahrheit“ kann man leichter singen als viele moderne Kirchenlieder. Denn der Rhythmus ist einfach. Und die Melodie reißt mit. Sie ist so beschwingt und fröhlich, dass selbst der, der kein Wort Deutsch versteht, spürt, dass es um Zuversicht geht.

Die Singenden bitten um den Heiligen Geist, den „Geist der ­Wahrheit“, der „Licht und Klarheit“ verbreitet. Und das ist auch nötig. Denn kein Mensch besitzt die Wahrheit, weder der Papst, wenn er ein Dogma verkündet, noch der ­Protestant, der die Bibel mit dem Wort Gottes gleichsetzt, oder Theologieprofessoren, die die Entstehung der Bibel erforschen. Die Wahrheit, auch die in der Bibel enthaltene, kann der Mensch erst, nur mit Hilfe des Heiligen Geistes erkennen.

Und der weht, wo er will. So ­haben in den vergangenen 50 Jahren immer mehr Christen in unseren Breiten erkannt, dass es der frohen Botschaft Jesu, dem Evangelium entspricht, Frauen und Schwule, die sich nicht verleugnen wollen, zum Pfarramt zuzulassen.

Die sechste Strophe des Chorals ­befremdet. „O wahrlich, wir verdienen solch strenges Strafgericht; uns ist das Licht erschienen, allein wir glauben nicht. Ach lasset uns gebeugter um Gottes Gnade flehn, dass er bei uns den Leuchter des Wortes lasse stehen.“ Verdienen Menschen ein „strenges Strafgericht“, wenn sie nicht glauben, dass in Jesus „das Licht erschienen“ ist? Aber wer das barmherziger beurteilt, kann diese Strophe ja weglassen, wie das beim Deutschlandlied mit den ersten ­beiden Strophen gemacht wird. Und die Briten verzichten auf die zweite Strophe ihrer Nationalhymne und die Bitte, „Gott, der Herr“ möge ihre „Feinde zerschmettern“ (Oh Lord our God arise, scatter our enemies).

Paternoster ohne Pause

Stefanie Hoppe zum neuen Wochenlied

Vater unser im Himmel – oft bin ich allein, wenn ich es spreche. Ich bin allein und bin es doch nicht. Es sind viele Menschen um mich herum, in der Kirche, in der Friedhofskapelle. Es ist voll. Hin und wieder höre ich aus der einen oder anderen Ecke ein Wort, einen Vers. Auswendig können es viele nicht und doch kennen es alle Menschen – ja, das beten die da in der Kirche.

Manchmal bete ich das Vaterunser mehrmals am Tag. Nicht weil ich es möchte – nein, von Berufs wegen. „Vater unser im Himmel“, immer und immer wieder, in Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten, Hochzeiten, Sitzungen – dann denke ich manchmal an den Paternoster – jenen Aufzug, der unbeirrt ohne Pause durch die Etagen fuhr, hoch und runter, hoch und runter, einsteigen und austeigen. Wo muss ich einsteigen im Paternoster? „Nimm Gedanken des Zweifels und der Anfechtung fort.“

Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Das Leben ein Lied. Ein Lied das Leben

Von Christian Stäblein 

Ein Ohrwurm, morgens aufgeschnappt, durch den Tag ist er immer wieder da, die Melodie, der Takt, eine Zeile. Alles, was wird, perlt, schwingt und bricht sich in diesem Ohrwurm. Das neue, zweite Wochenlied zu Kantate „Ich sing‘ dir mein Lied“ ist bestens „ohrwurmgeeignet“, das ist meine Erfahrung mit der herrlich belebenden brasilianischen Weise, die mich im Dreivierteltakt durch den Tag bringt.

Das Leben ein Lied, ein Walzer Gottes, in dem ich mitsummen möchte, ein Tanz, in dem – auch das klingt durch – nicht alles nur leicht ist: „trotz Streit und Verletzung“ (Strophe 4), „auf steinigen Wegen“ (Strophe 5), das gehört dazu. Das ganze Leben ein Lied, ja „mein Lied“, das ist ja eine Pointe unseres Glaubens, dass Gott, der „Hüter“ (Strophe 2), die „Freundin des Lebens“ (Strophe 4), sich mit unserem individuellen, konkreten Leben verbindet und wir eben dieses singen.

Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Die Luft zum Leben

Von Linda Hochheimer

Der erste Schrei eines Babys. Er ist der wichtigste. Mütter und Väter warten auf ihn – und dann kommt er. Das Kind schreit sich in das Leben auf dieser Erde. Die Lunge entfaltet sich und in diesem Moment ist alles andere vergessen. All die Sorgen der Schwangerschaft, der Schmerz der Geburt. Die Eltern sind überglücklich und halten das Kind in den Armen.

Gott gab uns Atem, damit wir leben. Nie bedeutet das mehr, als beim ersten Schrei eines Neugeborenen. Der erste Atemzug ist getan. Doch es folgen weitere. Und die Luft zum­ ­Leben ist leider nicht mehr selbstverständlich.

Ausgabe kaufen und weiterlesen