Humor hat einen guten Grund

Von Johanna Friese

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, sagt der Volksmund. Ein ­solcher Trotzdem-Humor zeichnete Martin Luther aus. Mit dieser ­Haltung konnte ihm nicht nur das Machtgehabe des Klerus nichts ­anhaben, sogar sich selbst brauchte er nicht so wichtig zu nehmen. In närrischer Art schleuderte er manchmal in schockierender Sprache den Menschen die Wahrheit entgegen. Denn kaum einer hat es ­radikaler als er verstanden, was der Apostel Paulus mit seiner Rechtfertigungsbotschaft meinte: den unbedingten Freispruch jedes einzelnen Menschen. Auch in der Ewigkeit sei jedem, der an Jesus Christus glaubt, diese Freiheit garantiert. Wer dies für sich erkannt hat, lebt anders: nicht eingeengt, sondern grenzenlos frei. Der kann noch ­lachen, wo anderen das Lachen längst vergangen ist.

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Neuer Joghurt

Von Constance Bürger

Der Alltag: Die Abläufe sind doch immer sehr ähnlich. Jeder rennt in seinen geregelten Bahnen. Wenn nicht – der Bus kommt zu spät, im Supermarkt ist der Lieblingsjoghurt nicht im Regal zu ­finden oder die Verabredung sagt kurzfristig ab – dann verlieren viele sehr schnell die Geduld. Genervte Gesichter an der Bushaltestelle. Supermarkt-Verkäufer werden beschimpft. Eine Beziehung in Frage gestellt. Für viele, so scheint es mir manchmal, geht die Welt in diesen Momenten zugrunde.

Kürzlich schaffte ich es noch gerade so in die Straßenbahn. Hätte ich sie verpasst, hätte ich 40 Minuten warten müssen. Ganz schön lang. Es war kalt an diesem frühen Abend, der Wind fegte durch den Bahntunnel. Davor prasselte der Regen. Ruhe bewahren.

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Tolerante Kirchenmutter

Von Stefanie Hoppe

„Katharina“ – das ist wohl der weibliche Name der Reformation. Neben Katharina von Bora war Katharina Zell eine bedeutende Frau jener Zeit. Seit ­ihrem zehnten Lebensjahr ist sie eifrige Kirchgängerin. Auch sie sucht wie Luther nach dem gnädigen Gott. Als belesene Frau empfindet sie einen garstigen Graben zwischen der christlichen Botschaft und dem praktizierten kirchlichen Leben.

Seit 1521 wird im Straßburger Münster evangelisch gepredigt. Als Katharina den Worten des Reformators Matthäus Zell lauscht, ist es für sie eine geistige Offenbarung. 1523 heiratet die 26-Jährige den 20 Jahre älteren Pfarrer Zell. ­Katharina kann in dieser Ehe ihre Begabungen und Interessen aus­leben: Pfarrfrau, Publizistin, Kommunalpolitikerin, Theologin, Seelsorge

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System gesprengt

Von Johanna Haberer

Jauchzt vor Freude. Springt vor Freude. Singt ohne Angst. Singt mit Lust und Liebe. Denn Gott hat Dich freigemacht und freigesprochen. Du bist geliebt und anerkannt und wertgeschätzt und hochgehalten und selber groß durch diesen Gott, der ganzer Mensch ­geworden ist, damit Du ein freier und stolzer und liebender und selbstbewusster Mensch werden kannst. So eine Kraft. So eine Power. So ein wunderbarer Gedanke. Mit solch einer explosiven Wucht kann nur einer schreiben, der selber durch die Hölle gegangen ist. Der fast zerbrochen ist. Dem tausend Ringe um die Brust lagen, die barsten, wie beim treuen Heinrich im Märchen. Der nicht anders kann als singen von der Liebe und der Freiheit und der Gnade. Der allen davon erzählen will, dass sie sich etwas zutrauen können, dass sie sich nicht mehr klein machen müssen.

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Mutige Frau

Von Friederike von Kirchbach

Was veranlasste die ehemalige Priorin der Augustinerinnen zu diesem Ausruf? Natürlich wusste sie, dass es das eine Evangelium gibt. Aber sie wusste auch, dass es zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten gibt, in die hinein das Evangelium gesprochen und ausgelegt wird. Das können wir auch noch heute, 500 Jahre nach Marie d’Ennetières, gut nachvollziehen. Auch wenn vieles sich verändert hat. Noch immer verdienen Frauen schlechter als Männer. Noch immer tragen sie die Hauptlast der häuslichen Arbeit und beim Aufziehen der Kinder. Noch immer sind Frauen in den besonders sichtbaren Leitungspositionen eher die Ausnahme. Die ­wenigen Informationen, die ich zu Marie d’Ennetières finden konnte, zeigen eine mutige Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Das, was sie schrieb, musste sie anonym ver­öffentlichen. Später wurden ihre Schriften ganz verboten. Während des 16. Jahrhunderts verließ kein einziges von einer Frau verfasstes Buch eine Genfer Druckerei. 

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Ohne Katharina wärst du verlottert

Von Uwe Baumann

Sag mal Luther, geht’s noch? Was kann es Schöneres auf Erden geben, als mit einer geliebten Frau verbunden zu sein? Ich meine nicht nur das Sexding (davon ­hattest du gewiss auch ordentlich Ahnung), sondern die einmalige, bedingungslose Vertrautheit von Angesicht zu Angesicht. Den ­süßen, fruchtbaren Botenstoff aus zweifelsfreier Anziehung und lichter Geborgenheit. Ich meine den Menschen, vor dem ich kein zweites oder drittes Maskenbild aufziehen muss, der mich bis unter die Haut kennt – und trotzdem bei mir bleibt. Vielleicht, mein Freund, hast du zu sehr über Schriftkram gebrütet? Ich kann dir – ich will dir – in dieser Hinsicht nicht folgen. Und eigentlich müsstest du es besser wissen. Ohne Katharina, so mein Verdacht, wärst du vor Zeiten verlottert und möglicherweise elend zugrunde gegangen.

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Große Tat

Von Sibylle Sterzik

Jeder kennt den Spruch, der einmal durch das große Tor ins ­frühere Predigerseminar in Wittenberg, heute Luthermuseum in der Collegienstraße, schritt. Ehrfurchtsvoll prangt das Lutherwort „Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat will“ in alten Lettern auf dem Holzbalken über dem eintretenden Gast. Unweigerlich bleibe ich jedesmal darunter stehen, sehe ungläubig nach oben und frage mich, ob ich damit auch gemeint sei. Zugleich stockt mir der Atem. So wenig traust Du Gott zu, dass Du zweifelst.

An jeder Kirche würde sich der lutherische Zuspruch gut machen. Oder als evangelische Alternative zum – auch sehr schönen! – katholischen Sternensingerbrauch, bei dem auf dem Türsturz C+M+B samt Jahreszahl steht. Das heißt so viel wie „Christus segnet dieses Haus“, („Christus mansionem benedicat“) oder die Kürzel der drei heiligen Könige Caspar, Melchior und Balthasar. Ein Flügelschlag des Heiligen Geistes, Zuspruch aus dem Füllhorn Gottes.

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Eine sinnliche Wegbereiterin

Von Ulrike Trautwein

Die Bibel. Das Buch der Bücher. Glaubenszeugnis der Juden und Christen. Weltliteratur. Manchmal vergesse ich das. Die Schöpfungsgeschichte, die Segnung Abrahams, die Sintfluterzählung, der Auszug Israels aus Ägypten, das Schicksal Hiobs, die Prophetenbücher, die Psalmen und natürlich die Geschichte Jesu und der ersten Christen. Was für großartige Texte voller Reichtum und Tiefe!

Viel zu selten stöbere ich in der Bibel herum. Einfach so. Zweckfrei. Aus Lust. Aus Herzensfreude. Für alles und jedes nehme ich mir Zeit, aber für das kreuz und quer Herumwandern in den biblischen Texten fehlt mir oft die Muße. Manchmal finde ich die Texte auch zu schwer und zu sperrig; oder ich meine, sie schon allzu gut zu kennen. Und dann staune ich wieder, was sich da noch alles verbirgt, gerade auch in bekannten Geschichten.

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In das Leben übersetzen

Von Viola Kennert

Der Mythos vom einsamen Martin Luther, der sich über die hebräisch und griechisch geschriebene heilige Schrift beugt, ist nur langsam der Erkenntnis gewachsen, dass dieses wunderbare Werk der Bibelübersetzung eine echte Teamarbeit war. Mehr noch: Martin Luther setzt auf „empowerment“, Befähigung: Jede Stadt, jede Gemeinde mache sich an die schöne anstrengende Arbeit, um die Botschaft der heiligen Schriften in und für das Leben zu übersetzen! Der Weg von Worten und Wörtern von einer Sprache in eine andere geht nicht ohne Verluste und Hinzufügungen aus. Übersetzungsarbeit ist Alltagsarbeit der Theologie und in der Gemeinde: Verlorenes hervorbringen oder Hinzugekommenes weglassen. Das Wort Gottes birgt sich in den heiligen Schriften – es erklingt und entfaltet seine Kraft in der Sprache, die Menschen verstehen. Die heilige Mitte ist der Gottesname – unfassbar, heilig – vielfältig übersetzbar.

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Auf Hoffnung hoffen

Von Frank Schürer-Behrmann

Dieses Zitat von Martin Luther habe ich beim Theologen Ulrich Bach entdeckt. Bach erkrankte während seines Studiums an Kinderlähmung und war fast 50 Jahre auf den Rollstuhl angewiesen. Er hat also erlebt, wie es ist, wenn Gott „sich nach all unserem ­Empfinden hart und zornig stellt“.

­Warum ich? Warum müssen ­Menschen Krankheit, Unglücke und Gewalt erleben, und alles, was sie nach sich ziehen? Luther spült diese Emotionen nicht weich. Aufs Ganze betrachtet spricht mindestens so viel gegen ­einen „lieben Gott“ wie für ihn. Ob Luthers Hadern mit Gott an­gesichts des Todes seiner Tochter Magdalena im Film „Katharina Luther“ historisch genau dargestellt war? Realistisch war es sicher. Das Zitat zeigt, er wusste, was es heißt, mit einem harten Schicksal zu ­ringen. Aber eben zu ringen. Er lässt dem bösen Schicksal nicht das letzte Wort. Sondern gegen den Anschein gibt er die Hoffnung nicht auf und sucht nach Gottes Güte in seinen Zumutungen. Das ist der Glaube, der uns selig macht. Der ist allerdings keine Willens­leistung, sondern eine Kunst, eine Gnade.

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