Wahre Wohltat

Von Barbara Manterfeld-Wormit

Man sieht es den Bildnissen ­seiner Zeit an: Melanchthon war ein Gelehrter durch und durch. Hochgebildet, fleißig, dabei asketisch und weltfremd. Einer, den man sich – anders als seinen Freund und Weggefährten Martin Luther – nicht gut mit einem derben Spruch auf den Lippen und dem Bierkrug in der Hand vorstellen kann. Ein Schreibtischhocker, der sich mit Frauen schwer tat, bis er am Ende nur durch hartnäckiges Zureden doch noch heiratete. Bleich und schmal und spitz auf den Bildern eines Lucas Cranach, ein „Nerd“, ein Sonderling – würde man heute wohl sagen.

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Tut etwas Tapferes

Von Rolf Wischnath

Waren die Reformatoren „besonnen“? Mitnichten. Immer wieder erfahren sie es: Das Evangelium ruft Widerstand hervor. Und sie sehen sich darum herausgefordert zu widerständigen Worten und Taten. Von „Besonnenheit“ – wie das griechische Wort „sophronismus“ zum Beispiel im 2. Timotheusbrief 1,7 gern übersetzt wird – sprechen sie nicht. Der Begriff kommt weder in Luthers Übersetzung noch in der alten Zürcher ­Bibel vor. Für die reformatorischen Akteure gibt es ja kaum Gelegenheit zu einer „Besonnenheit“, die sich als Sanftheit und Ruhe, als Bedachtsamkeit und Ausgeglichenheit äußert, als überlegte, selbstbestimmte Gelassenheit. Die Neuentdeckung des Evangeliums ist stattdessen oft verbunden mit Schmerzen und Herzweh, mit Niedergeschlagenheit und Verzagtheit, mit Niederlagen und Tränen, mit Aufgebrachtheit und Zorn.

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Besonderes Priestertum?

Von Bernd Krebs

In einem Teil unserer Pfarrerschaft herrscht ein ausgeprägtes Bedürfnis, sich im Alltag von anderen Mitarbeitenden durch das permanente Anlegen von Collarhemden, einem weißen oder schwarzen Hemd mit Stehkragen, abheben zu wollen. Ich weiß, dass es Situationen gibt, in denen die Erkennbarkeit als Pfarrerin oder Pfarrer ge­boten sein kann. Sich dauerhaft in solcher Weise darzustellen, halte ich jedoch für fraglich. Luthers Einsicht, dass es kein besonderes Priestertum, sondern allein ein „allgemeines Priestertum“ gibt, war eine Konsequenz der Rechtfertigungslehre. Durch die Taufe werden alle zu „Priestern“, denen der Auftrag ­gegeben ist, das Evangelium zu ­bezeugen, Seelsorge zu üben und die Kirche (auf den verschiedenen Ebenen) zu leiten.

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Konkurrenz für Jesus

Von Jürgen Wandel

Um ihren römisch-katholischen Kollegen die Mitfeier zu erleichtern, wollen evangelische Bischöfe das Reformationsjubiläum als „Christusfest“ begehen. Dabei ­besteht das unterschiedliche Verständnis Christi weiter, das in der Reformationszeit aufbrach. So rufen römische Katholiken die Heiligen in der Allerheiligenlitanei an: „Bittet für uns.“ Das Augsburger ­Bekenntnis der Lutheraner hält ­dagegen, dass Christus der „einzige Fürsprecher vor Gott“ ist.

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Frag nach Wichtigem

Von Beate Wolf

Da ist sie wieder, diese komische Frage! Nach einem schönen Festgottesdienst werde ich regel­mäßig gefragt, ob ich eigentlich ­katholisch oder evangelisch sei.

Früher habe ich noch eifrig den Unterschied erklärt – der dann doch niemanden interessiert hat. Heute zucke ich mit den Schultern. „Spielt das eine Rolle?“ stelle ich die Gegenfrage. Letztlich geht es nur um Klischees und damit um eine gewisse Denkfaulheit. Katholisch – das sind die mit dem sexuellen Missbrauch und dem Bischof von Limburg. Evangelisch – das sind die, wo Männer (!) heiraten dürfen. Gegen Klischees zu kämpfen nervt und bringt wenig. Das, was wirklich wichtig ist, geht unter.

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Kirchenmutter mit Haltung

Von Uwe Baumann

Weiß Gott, was für eine mutige Frau, diese Katharina Zell. In einem liberalen Elternhaus groß geworden verschlingt sie Bücher und Schriftkram in Größenordnungen und versucht, in der Bibel den gnädigen Gott zu finden. Sie stieß jedoch auf die Diskrepanz zwischen Evangelium, praktischer Verkündigung und der Völlerei etlicher Priester mit ausdrücklicher Billigung der kirchlichen Teppich-Etage.

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Bildung kostet, Unbildung ist teurer

Von Helmut Ruppel

„Die Deutschen“, schreibt Martin Luther, heißen „in aller Welt Bestien.“ Sie können nichts mehr als „Krieg führen, fressen und saufen“. Der Weg von den deutschen Bestien zur deutschen Bildungs­nation war lang, windungsreich und von Abstürzen begleitet. Der Impuls Luthers – und mit Respekt: Melanchthons – ist in seiner Langzeitwirkung dennoch einmalig. 

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In die Ohren, nicht ins Herz

Von Christian Stäblein

Luther ist noch auf der Wartburg im Frühjahr 1522, als in Wittenberg Unruhen ausbrechen. Im Reformationsübereifer entflammen Bildersturm und Gottesdienstdurcheinander. Da bricht Luther auf und predigt vom Sonntag Invokavit an eine Woche lang jeden Tag in der Wittenberger Stadtkirche. Diese „Invokavitpredigten“ bewirken, dass die Reformation wieder in gute, ruhige Bahnen kommt. Luther schafft, was wir heute mit dem Wort Integration beschreiben würden, er schafft die Integration von Traditionalisten und Erneuerern. Friedlich, allein durch das Wort.

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Der Lehrer

Von Heilgard Asmus

Man sagt, Martin Luther nannte ihn „seinen kleinen Graeculus“, andere nannten ihn den „Praeceptor Germanie“. Leidenschaftlich lehrte Philipp Melanchthon antike Schriftsteller, Sprachen und biblische Bücher. Seine Vorlesungen wurden begeistert aufgenommen, vielen Studenten war er Mentor auch in deren späteren Anstellungen als Pfarrer, Lehrer oder Ratsherren.

Mich beeindrucken die vielfältigen Arbeitsgebiete, die dieser Reformator kannte und strukturierte. Dazu gehörten Armenfürsorge, Kirchbudenbau, Philosophie, Bibliothekswesen, Bekenntnisschriften. Für mich ist er der Fleißige, der die Reformation in ein System aus Schriften, Traktaten und Ordnungen brachte. Er war auch der pädagogische Reformer, für den das Bildungswesen entscheidend war. Das stellen wir uns einmal vor: In nur einer Woche waren das gesamte Schulsystem inhaltlich und personell organisiert. Solche Verwaltungsgeschwindigkeiten gab es 1541! 

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Sich von der Gnade Gottes finden lassen

Von Martin Herche

Mehr muss nicht gesagt werden. Aber das auf jeden Fall. Im Jahr 2017. Auch uns. Der Kirche der Reformation. Alles andere wäre zu wenig. Bloß gut, dass Luther seine 95 Thesen veröffentlicht hat. Und dass These 62 dabei war. Allein ihretwegen hätte sich damals schon die ganze Aufregung über seine Botschaft gelohnt.

Und wenn das Reformations­jubiläum dazu beiträgt, dass wir selber und andere auch uns in der Betrachtung dieses Schatzes und der Freude an ihm verlieren – umso besser. Es wird unser Gewinn sein. „2017 haben viele den wahren Schatz der Kirche erkannt und es hat ihr Leben verändert. Sie sind gelassener geworden und zuversichtlicher. Und fröhlicher.“ – Das wäre ein Resümee!

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