In die Ohren, nicht ins Herz

Von Christian Stäblein

Luther ist noch auf der Wartburg im Frühjahr 1522, als in Wittenberg Unruhen ausbrechen. Im Reformationsübereifer entflammen Bildersturm und Gottesdienstdurcheinander. Da bricht Luther auf und predigt vom Sonntag Invokavit an eine Woche lang jeden Tag in der Wittenberger Stadtkirche. Diese „Invokavitpredigten“ bewirken, dass die Reformation wieder in gute, ruhige Bahnen kommt. Luther schafft, was wir heute mit dem Wort Integration beschreiben würden, er schafft die Integration von Traditionalisten und Erneuerern. Friedlich, allein durch das Wort.

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Der Lehrer

Von Heilgard Asmus

Man sagt, Martin Luther nannte ihn „seinen kleinen Graeculus“, andere nannten ihn den „Praeceptor Germanie“. Leidenschaftlich lehrte Philipp Melanchthon antike Schriftsteller, Sprachen und biblische Bücher. Seine Vorlesungen wurden begeistert aufgenommen, vielen Studenten war er Mentor auch in deren späteren Anstellungen als Pfarrer, Lehrer oder Ratsherren.

Mich beeindrucken die vielfältigen Arbeitsgebiete, die dieser Reformator kannte und strukturierte. Dazu gehörten Armenfürsorge, Kirchbudenbau, Philosophie, Bibliothekswesen, Bekenntnisschriften. Für mich ist er der Fleißige, der die Reformation in ein System aus Schriften, Traktaten und Ordnungen brachte. Er war auch der pädagogische Reformer, für den das Bildungswesen entscheidend war. Das stellen wir uns einmal vor: In nur einer Woche waren das gesamte Schulsystem inhaltlich und personell organisiert. Solche Verwaltungsgeschwindigkeiten gab es 1541! 

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Sich von der Gnade Gottes finden lassen

Von Martin Herche

Mehr muss nicht gesagt werden. Aber das auf jeden Fall. Im Jahr 2017. Auch uns. Der Kirche der Reformation. Alles andere wäre zu wenig. Bloß gut, dass Luther seine 95 Thesen veröffentlicht hat. Und dass These 62 dabei war. Allein ihretwegen hätte sich damals schon die ganze Aufregung über seine Botschaft gelohnt.

Und wenn das Reformations­jubiläum dazu beiträgt, dass wir selber und andere auch uns in der Betrachtung dieses Schatzes und der Freude an ihm verlieren – umso besser. Es wird unser Gewinn sein. „2017 haben viele den wahren Schatz der Kirche erkannt und es hat ihr Leben verändert. Sie sind gelassener geworden und zuversichtlicher. Und fröhlicher.“ – Das wäre ein Resümee!

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Keine Scheu vor Fürsten

Von Jutta Schreur

Ihr Name ist so besonders wie sie selbst: Argula von Grumbach, Streiterin für die Reformation in Bayern, war eine Frau, die nicht nur in Glaubensfragen überkommene Traditionen und die herrschenden Verhältnisse in Frage stellte. Selbstbewusst setzte sie sich über vorgegebene Rollenbilder für Frauen hinweg, öffentlich wie privat. Während ihr Mann katholisch blieb, schloss sie sich der Reformation an. Sie scheute nicht die Auseinandersetzung mit den männlichen Autoritäten an der Ingolstädter Universität, sondern forderte sie zu einer offenen Debatte über Luthers Schriften auf. Sie ­hatte auch keine Scheu vor Fürs­tenthronen. 

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Humor hat einen guten Grund

Von Johanna Friese

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, sagt der Volksmund. Ein ­solcher Trotzdem-Humor zeichnete Martin Luther aus. Mit dieser ­Haltung konnte ihm nicht nur das Machtgehabe des Klerus nichts ­anhaben, sogar sich selbst brauchte er nicht so wichtig zu nehmen. In närrischer Art schleuderte er manchmal in schockierender Sprache den Menschen die Wahrheit entgegen. Denn kaum einer hat es ­radikaler als er verstanden, was der Apostel Paulus mit seiner Rechtfertigungsbotschaft meinte: den unbedingten Freispruch jedes einzelnen Menschen. Auch in der Ewigkeit sei jedem, der an Jesus Christus glaubt, diese Freiheit garantiert. Wer dies für sich erkannt hat, lebt anders: nicht eingeengt, sondern grenzenlos frei. Der kann noch ­lachen, wo anderen das Lachen längst vergangen ist.

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Neuer Joghurt

Von Constance Bürger

Der Alltag: Die Abläufe sind doch immer sehr ähnlich. Jeder rennt in seinen geregelten Bahnen. Wenn nicht – der Bus kommt zu spät, im Supermarkt ist der Lieblingsjoghurt nicht im Regal zu ­finden oder die Verabredung sagt kurzfristig ab – dann verlieren viele sehr schnell die Geduld. Genervte Gesichter an der Bushaltestelle. Supermarkt-Verkäufer werden beschimpft. Eine Beziehung in Frage gestellt. Für viele, so scheint es mir manchmal, geht die Welt in diesen Momenten zugrunde.

Kürzlich schaffte ich es noch gerade so in die Straßenbahn. Hätte ich sie verpasst, hätte ich 40 Minuten warten müssen. Ganz schön lang. Es war kalt an diesem frühen Abend, der Wind fegte durch den Bahntunnel. Davor prasselte der Regen. Ruhe bewahren.

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Tolerante Kirchenmutter

Von Stefanie Hoppe

„Katharina“ – das ist wohl der weibliche Name der Reformation. Neben Katharina von Bora war Katharina Zell eine bedeutende Frau jener Zeit. Seit ­ihrem zehnten Lebensjahr ist sie eifrige Kirchgängerin. Auch sie sucht wie Luther nach dem gnädigen Gott. Als belesene Frau empfindet sie einen garstigen Graben zwischen der christlichen Botschaft und dem praktizierten kirchlichen Leben.

Seit 1521 wird im Straßburger Münster evangelisch gepredigt. Als Katharina den Worten des Reformators Matthäus Zell lauscht, ist es für sie eine geistige Offenbarung. 1523 heiratet die 26-Jährige den 20 Jahre älteren Pfarrer Zell. ­Katharina kann in dieser Ehe ihre Begabungen und Interessen aus­leben: Pfarrfrau, Publizistin, Kommunalpolitikerin, Theologin, Seelsorge

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System gesprengt

Von Johanna Haberer

Jauchzt vor Freude. Springt vor Freude. Singt ohne Angst. Singt mit Lust und Liebe. Denn Gott hat Dich freigemacht und freigesprochen. Du bist geliebt und anerkannt und wertgeschätzt und hochgehalten und selber groß durch diesen Gott, der ganzer Mensch ­geworden ist, damit Du ein freier und stolzer und liebender und selbstbewusster Mensch werden kannst. So eine Kraft. So eine Power. So ein wunderbarer Gedanke. Mit solch einer explosiven Wucht kann nur einer schreiben, der selber durch die Hölle gegangen ist. Der fast zerbrochen ist. Dem tausend Ringe um die Brust lagen, die barsten, wie beim treuen Heinrich im Märchen. Der nicht anders kann als singen von der Liebe und der Freiheit und der Gnade. Der allen davon erzählen will, dass sie sich etwas zutrauen können, dass sie sich nicht mehr klein machen müssen.

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Mutige Frau

Von Friederike von Kirchbach

Was veranlasste die ehemalige Priorin der Augustinerinnen zu diesem Ausruf? Natürlich wusste sie, dass es das eine Evangelium gibt. Aber sie wusste auch, dass es zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten gibt, in die hinein das Evangelium gesprochen und ausgelegt wird. Das können wir auch noch heute, 500 Jahre nach Marie d’Ennetières, gut nachvollziehen. Auch wenn vieles sich verändert hat. Noch immer verdienen Frauen schlechter als Männer. Noch immer tragen sie die Hauptlast der häuslichen Arbeit und beim Aufziehen der Kinder. Noch immer sind Frauen in den besonders sichtbaren Leitungspositionen eher die Ausnahme. Die ­wenigen Informationen, die ich zu Marie d’Ennetières finden konnte, zeigen eine mutige Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Das, was sie schrieb, musste sie anonym ver­öffentlichen. Später wurden ihre Schriften ganz verboten. Während des 16. Jahrhunderts verließ kein einziges von einer Frau verfasstes Buch eine Genfer Druckerei. 

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Ohne Katharina wärst du verlottert

Von Uwe Baumann

Sag mal Luther, geht’s noch? Was kann es Schöneres auf Erden geben, als mit einer geliebten Frau verbunden zu sein? Ich meine nicht nur das Sexding (davon ­hattest du gewiss auch ordentlich Ahnung), sondern die einmalige, bedingungslose Vertrautheit von Angesicht zu Angesicht. Den ­süßen, fruchtbaren Botenstoff aus zweifelsfreier Anziehung und lichter Geborgenheit. Ich meine den Menschen, vor dem ich kein zweites oder drittes Maskenbild aufziehen muss, der mich bis unter die Haut kennt – und trotzdem bei mir bleibt. Vielleicht, mein Freund, hast du zu sehr über Schriftkram gebrütet? Ich kann dir – ich will dir – in dieser Hinsicht nicht folgen. Und eigentlich müsstest du es besser wissen. Ohne Katharina, so mein Verdacht, wärst du vor Zeiten verlottert und möglicherweise elend zugrunde gegangen.

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