Weiter träumen

Predigttext am 12. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 29,17–24

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. 22 Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: ­Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

 

Von Thomas Engelhardt

Propheten sind eigentlich unangenehme Zeitgenossen, meist unbeliebt und unbequem, weil sie uns den Spiegel vorhalten, uns in unserem Tun beschämen, weil sie uns unsere Mutlosigkeit und unsere Kleingläubigkeit aufzeigen. Aber Propheten, Querdenker, Mahner sind wichtig. Sie sind sogar überlebenswichtig für eine Gesellschaft, in der Menschen gar nichts mehr hinterfragen. Propheten und Mahner fallen dem Getriebe der Welt in den Arm oder fordern dazu auf, innezuhalten und sich zu fragen, wohin das alles führt.

Der Prophet Jesaja dagegen ermutigt uns zum Träumen. Können wir noch träumen von einer ­besseren Welt angesichts der Kriege, der Terror­anschläge, der Flüchtlingskrise, des Hungers von Millionen von Menschen? Jesaja hat Visionen. „Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde“, heißt es in den Sprüchen Salomos (29,18), „wo keine Vision (Offenbarung) ist, da wird das Volk wild und wüst.“ Antoine de Saint-Exupéry hat in seinem Buch „Die Stadt in der Wüste“ die Notwendigkeit und den Segen von Visionen in ein wunderbares Bild umgesetzt: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Der Exbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Müsste Jesaja eigentlich zum Arzt mit seinen Visionen? „Das ist Quatsch“, antwortete Egon Bahr in einem Interview, als er auf des Altkanzlers Zitat angesprochen wurde.

Die große Wandlung steht in der Luther­bibel über dem Abschnitt des heutigen Predigt­textes. Wann sollen diese visionären Wandlungen stattfinden? Irgendwann, in ferner Zukunft? „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile ...“, sagt der Prophet. Diese Zukunft sieht er gleich um die Ecke kommen, aber es wird auch deutlich, dass Gott der Initiator dieser Visionen ist: „Darum spricht der Herr!“, lesen wir im Text. Gott will die heile Welt; und die heile Welt, das ist kein Wolken­kuckucksheim, kein Nirgendwo. Gottes heile Welt ist die geheilte Welt.

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