Vertrauen trotz Unrecht

Predigttext am Sonntag Septuagesimae: Prediger 7,15–18

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

 

Von Franziska Roeber

Da sitzt er wieder, der Mann auf den Stufen vor dem Eingang, vor sich einen Pappbecher und ein Schild mit der Bitte um eine Spende. Er gehört zum Alltag. Genauso wie die Bilder, die oft bei seinem Anblick entstehen. Bilder, die erklären, warum er hier sitzt, und die gleichzeitig sagen, dass es nur folgerichtig sei.

Es sind Bilder, die es den Weiter­laufenden leichtmachen, denn sie suggerieren eine klar erkennbare Gerechtigkeit: Wer gut handelt, dem wird es gut er­gehen; wer schlecht handelt, auf den wird es gleichermaßen zurückfallen. Im Grunde macht ein solcher Grundsatz Mut, weil er besagt, dass es sich lohnt, Gutes zu tun. Es wird sich ­auszahlen, tüchtig zu sein oder gutherzig, so die inklusive Verheißung. Nicht ohne Grund ist dieser Grundsatz in der Bibel zu finden.

Und doch: Meine Erfahrung ist eine andere. Die Bilder über Menschen wie den Mann auf den Eingangs­stufen gehen nicht erst seit den ­Zeiten von Wohnungsnot und Altersarmut nur bedingt auf. Oft genug geschieht Unrecht nicht ­folgerichtig. Oft genug sind es die ­gerechten, die gutherzigen Menschen, die hart geprüft werden.

Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben