„Vertrauen, bitte!“

Predigttext, 17. Sonntag nach Trinitatis: Markus 9,17–27 (28+29)

17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. 18 Und wo er ihn ­erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. 19 Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! 20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. 21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. 22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! 23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. 24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! 25 Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! 26 Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. 27 Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf. 28 Und als er ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? 29 Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

 

Von Alexander Heck

Sprachlos sein, wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geworfen, vor Wut schäumen und nachts unruhig mit den Zähnen knirschen, der ganze Körper erstarrt und wird im Wechselbad der Gefühle hin und her gerissen. So mag sich Verzweif­lung anfühlen. Die Bibel kennt verzweifelte Menschen wie den „besessenen Knaben“ und seinen Vater.
„Besessenheit“ klingt für unsere modernen Ohren nach abergläubischem Humbug. Medizinische Erklärungen müssen her. An Epilepsie mag der Junge erkrankt sein. Alle Symptome sprechen dafür. Und doch geht es in dieser Szene um weit mehr als um ein Erklärungswissen. Hier sind andere Mächte am Werk, „Dämonen“, „Aber-Geister“, Gegenmächte des Heils.

Der Vater ist verzweifelt. Sein Kind ist von allen guten Geistern verlassen. Das macht ihm Angst, das lässt ihn dagegen auflehnen und das macht ihn ohnmächtig. Er schämt sich. Auch der Junge ist verzweifelt. Ein „sprachloser und tauber Geist“ hat von ihm Besitz ergriffen. Er fühlt sich ausgeliefert, nicht mehr von guten Mächten wunderbar geborgen.

Krankheit entbirgt und deformiert Menschen. Paul Klee zeichnete 1939, im Jahr seiner Erkrankung, ein Bild mit dem Titel „Angstausbruch“. Zu sehen sind deformierte Körperteile eines Menschen. Ein verzerrtes Gesicht rechts oben im Bild, die Hand, die sich dem Arm nicht mehr zuordnen lässt, darunter. Am linken Rand ein Bein. Der Fuß irgendwo anders.

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