Sinnlose Verschwendung?

Predigttext am Sonntag Palmarum: Markus 14,3–9

3 Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß
zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im
Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

(Auszug)

 

 

 

 

 

Von Thomas Jeutner

Wie im ersten Satz eines guten Romans steckt alles schon im Beginn. Die Salbungserzählung birgt ein Geheimnis, das den Alltag durchbricht. Von allen anwesenden Hausbewohnern und Gästen in Bethanien wird die Brisanz der Stunde nur von einer einzigen Person begriffen. Sie hat hier keinen Namen, aber im Herzen tiefes Mitempfinden: Eine Frau bringt sündhaft teures Luxus-Öl mit und salbt Jesus.

Ich stelle mir vor, wie ein pein­liches Schweigen entsteht. Fragende Blicke auf den Hausherrn. Dann das Getuschel. Vom rausgeschmissenen Geld. Sinnloser Verschwendung. Die erwähnten 300 Silbergroschen, die das Öl kostet, entsprachen dem Jahreslohn eines Arbeiters. Im Herzen der Frau jedoch war vielleicht ein ahnungsvolles Gefühl, dass diese Stunde eine wehmütige ist. Durchwebt von Abschied. Bei dem es kaum noch auf Worte ankommt. Vielmehr auf eine Geste der Nähe. So kann sie verschenken, ohne Absicht, ohne Berechnung.

Eine Radtour nach Polen mit drei Freunden fällt mir wieder ein. Bei der ersten Etappe von Berlin aus kamen wir noch bis über die Oder und ins nächste Dorf. Ältere Leute ließen uns auf ihrem Hof unser Zelt aufschlagen. Am Morgen begrüßten sie uns mit einer Schüssel voll von 30 gekochten Eiern! Mehr als 30 Jahre ist es her. Nie habe ich diese Geste der Gastfreundschaft vergessen.

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