Singende Revolution

Predigttext am Sonntag Kantate: Apostelgeschichte 16, 23–34

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

 

Von Eva-Maria Menard

„Singende Revolution“ – so heißt in den baltischen Staaten die Zeit der politischen Umbrüche, die bei uns „Friedliche Revolution“ genannt wird. Die „Singende Revolution“ heißt sie daher, weil die Menschen Estlands, Lettlands und Litauens sich zwischen 1987 und 1991 zu Hunderttausenden auf öffentlichen Plätzen und in Stadien versammelten, um singend ihre Meinung über die sowjetische Besatzung zu äußern. Die Sowjets hatten das öffentliche Singen verboten. Der gemeinsame Gesang wurde zum Soundtrack des Protestes gegen die drückende Besatzermacht.        

Am Ende öffneten sich Tor und Tür, die Sowjets zogen ab, die Menschen nahmen ihr Geschick selbst in die Hand und begannen ihre Länder als unabhängige demokratische Staaten aufzubauen.        

Wenn Menschen anfangen zu singen, brechen für Gefängnis - wärter schwere Zeiten an. Die Kraft des Gesanges ist erschütternd, macht frei und unabhängig. Wer singt, kann dies ganz leiblich erfahren. Wenn der Mund sich öffnet, die Luft durch den Kehlkopf strömt und zwischen den Stimmbändern vibriert, dann weitet sich der Körper und der singende Mensch richtet sich ganz unwillkürlich auf.        

Die Wissenschaft hat festgestellt: Singen nimmt Ängste und macht die Lunge frei. Beim Singen atmen Menschen langsamer und tiefer, ihr Zwerchfell wird aktiviert, die Bauchorgane werden massiert. So werden Herz und Kreislauf gestärkt, und der Körper wird besser mit Sauerstoff versorgt. Wer singt, der hat auch ein stärkeres Immunsystem. Wer singt, wehrt sich – friedlich, aber unüberhörbar. Ob Paulus und Silas um diese Ergebnisse heutiger Forschung wuss ten? Wohl kaum. Müssen sie auch gar nicht. Singen braucht keine theoretischen Erkenntnisse; es tut Leib und Seele gut. Das erfahren alle, die es einfach tun

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