Segnen oder nicht?

Predigttext am 5. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 12, 1–4a
1 Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

 

Von Christine Pohl

Ein Brautpaar fragt an, ob die Pfarrerin zu einer Segensfeier kommt. Nicht in der Kirche, sondern im Freien auf der Schlossinsel. Viel Gefühl und Eventkultur schwingen mit, vor allem aber der mächtige Wunsch, gesegnet zu werden. Was steht dem entgegen, Menschen zu segnen, die nicht zur Gemeinschaft der Kirche gehören? Sich auf un gewöhnliche Orte und eine kirchenferne Segenspraxis einzulassen? Gottes Segen erreicht auch die weniger Frommen.          

Im Trauercafé sprechen wir am Schluss jeder Besucherin einen Segen zu. Mit biblischen oder eigenen Worten. Unsicher schauen die Kirchenfernen. Manche sind davon angerührt, dass sie ohne weiteres in den Segen hineingenommen werden. Ihr Herz wird warm und sie fühlen sich gestärkt. Anderen kommen Erinnerungen an ein Segenswort ihres Konfirmationspfarrers in den Sinn. Gottes Segen öffnet eine Tür zu spirituellem Erleben.                   

Und im Gottesdienst wird der Segen als persönlicher Zuspruch in die neue Woche mitgenommen. Sehr individuell. In dem jeweiligen Horizont von Vorhaben, Sorgen und Wünschen ermutigt er Menschen zum Weiterleben. Gottes Segen verbindet die Vereinzelten in einer Gemeinschaft. Sie fühlen sich durch den Segen Gottes getragen.                     

Am Beginn unserer kirchlichen Segenstradition stehen Sarah und Abram, denen der Ruf in ein unbekanntes Land voller Ungewissheit und Risiken gilt. Ihnen werden der Segen einer großen Gemeinschaft und eine namengebende Zukunft verheißen. Drei Jahrtausende jüdische Geschichte liegen in diesem Segens-Aufbruch begründet. Eine Gründungsakte, die sich durch drei Besonderheiten auszeichnet.                          

Erstens: Dem Volk Israel gilt die Verheißung. Es überrascht, dass statt Abgrenzung sehr schnell die Völker der Welt in den Segen hineingenommen werden. Was für Gründungsakten, Grundgesetze oder Unabhängigkeitserklärungen normal wäre, eine rote Linie zu ziehen, an sich selbst zu denken, den Heimatschutz zu organisieren, kommt hier anders daher. Einem Volk, das bisher nur in einem kinderlosen Ehepaar präsent ist, wird der Auftrag gegeben, auf dem Weg durch die Geschichte als Gesegnete selber ein Segen und Träger des Segens für alle Völker zu sein. So treten Gott und die Menschen miteinander in Verbindung, wie es das 1. Buch Mose immer wieder erzählt. Gott segnet Menschen (1. Mose 1, 22), Menschen segnen Gott (1. Mose 24, 48) und Menschen segnen einander (1. Mose 24, 60). Im Segen entsteht eine Sphäre wechselseitiger Kommunikation, in der Menschen in gleicher Form das göttliche Handeln erwidern und mit Gott auf einer Ebene verkehren können. Ohne Hierarchien.

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