Plötzlich wird das Leben neu

Predigttext am 17. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 49, 1–6

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herr und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

 

Von Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

Die Predigtverse stammen aus einem der Gottesknechtslieder im Jesaja- Buch. Einst war Israel von den Babyloniern erobert worden. Die Oberschicht musste Zion verlassen. Sie lebten zwei Generationen lang im Exil. Als das Babylonische Weltreich unterging, erlaubte der neue Herrscher Kyros II. dem Volk Israel die Rückkehr in seine Heimat.    

Kleine Schar mit neuer Hoffnung    
Im Exil erfuhr Israel, dass es von seinem Gott nur als von dem Gott aller Völker reden kann. Denn er hat sein Volk nicht verlassen und die Geschichte der Völker zu ihren Gunsten gelenkt.   

Diese Erfahrung prägt nun ihr Selbstverständnis. Wenn auch die Schar derer klein ist, die nach Jerusalem und zum Zion zurückkehren, sie haben eine neue Hoffnung und eine neue Zukunft. Darin gewinnen sie ein neues Verständnis ihres Gottes: Gott ist nicht nur der Gott eines Volkes, sondern der Gott aller Völker. Sie selbst, die Israeliten sind das Licht für die Völker, dazu hat Gott sie gemacht. Davon singt das Gottesknechtslied.     

Glaube wuchs in der Zeit des Exils       
Das Einmalige, das Großartige, das Beispiellose an dieser Erfahrung ist, dass sie nicht durch Kampf und Krieg, sondern durch beharrliches Festhalten an der Verheißung Gottes gewonnen wurde. Ihr tiefer, ihrem Gott treu bleibender Glaube hat dieses Selbstverständnis wachsen lassen. So wundert es auch nicht, wenn die Exilzeit die theologisch produktivste und fruchtbarste Zeit des Volkes Israel wurde.               

Gott blieb seinem Wort und seinem Bund mit Israel treu. Denn seine Verheißungen sind nicht so wie die Versprechen der Menschen, die schnell mal ungültig werden. Aus dieser Treue geht Großes hervor: Israel ist Licht für die Völker und Gottes Heil reicht bis ans Ende der Welt.

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