Kindern eine Stimme geben

Predigttext am Sonntag Kantate: Matthäus 21,14–17 (18–22)
14 Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. 15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich 16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“? 17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

 

Von Cornelia Ewald

Dem Predigttext zum Sonntag Kantate geht der Bericht über ein ungewohnt aggressives Handeln Jesu voraus, einer Provokation unvergleichlichen Ausmaßes für die Betreiber des religiös motivierten Opferkultes und gleichzeitig lukrativen Wirtschaftsbetriebes im Jerusalemer Tempel.

Zoltán Kodály findet in seiner Motette: „Jesus und die Krämer“ für diese Szene unübertroffene musikalische Mittel und beschreibt den Tempel als gottlose Mördergrube und die Austreibung der Händler als unmittelbaren Auslöser für den durch Angst motivierten Beschluss zu Jesu Beseitigung. Nahtlos heilt Jesus anschließend Blinde und Lahme, die sich im Tempelbereich, auf Almosen der Passahfestbesucher hoffend, aufhalten. Eine weitere Provokation, denn das Recht im Tempel zu agieren und zu heilen, wirft die Frage nach Jesu Vollmacht dafür auf, die umgehend durch die Hosianna-Rufe der ­Kinder und die darin enthaltene Messias-Proklamation beantwortet wird.

Die Tempelaristokratie reagiert dem Bericht des Matthäus nach erst auf diese dritte Provokation, projiziert Ängste und Ärger auf Worte von Kindern, die sich kaum wehren (können) – Kinder und Unmündige als Randerscheinungen, denen man ungestraft über den Mund fahren darf und die bei der Suche nach Schuldigen schnell bei der Hand sind.

Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben