Hüter sein

Predigttext am 13. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 4, 1–16a

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. (gekürzt)

 

Von Friederike Hasse

Gleich zu Beginn der Bibel wird uns ungeschönt vor Augen geführt, wozu wir Menschen fähig sind: Brudermord.        

Wir erfahren auch die Vorgeschichte des Verbrechens. Die beiden Söhne Adams und Evas entwickelten sich jeder auf seine eigene Art. Einer wurde Viehhirte, der andere Ackerbauer. Jeder brachte Gott sein Dankopfer aus dem Ertrag seiner Arbeit. Gott sah Abel gnädig an, Kain aber nicht. Warum zieht Gott Abel vor? Hat Kain etwas falsch gemacht? Wir erfahren es nicht. Er fühlte sich von Gott grundlos zurückgesetzt.               

Ich kann Kains Schmerz nachvollziehen. Er wollte genauso angesehen werden wie sein Bruder. Hier wäre der Punkt für Kain gewesen, innezuhalten und in sich zu gehen, um das Schlimme abzuwenden. Aber er schaffte es nicht. Die Gefühle rissen ihn mit. Seine Kränkung verwandelte sich in Wut auf Gott und dann auf den unschuldigen Bruder. Sein Blick engte sich ein. Gott warnte ihn davor, sich an seinem Bruder zu versündigen, aber auch er erreichte ihn nicht mehr. Am Ende wurde Abel erschlagen vom eigenen Bruder.     

Jeder kennt ungerechte Behandlung, Konkurrenz, Neid, Eifersucht. Es gehört zu unseren Lebensauf - gaben, zu lernen, damit umzugehen. Nicht immer gelingt es. In den Biografien von Täterinnen und Tätern kommen auffallend oft Erfahrungen von Benachteiligungen und Zurücksetzung vor. Trotzdem muss deswegen niemand zum Mörder werden.

Ausgabe kaufen und weiterlesen

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben