Heiland, reiß die Himmel auf

Predigttext am Zweiten Advent: Jesaja 63,15–16(17–19a)19b;64,1–3
63,15. Schau vom Himmel und sieh von deiner heiligen und prächtigen Wohnung. Wo sind dein Eifer und deine Stärke? Das Aufwallen deiner ­Gefühle und dein Erbarmen halten sich mir gegenüber zurück. 16. Ja, Du bist unser Vater. Ja, Abraham kennt uns nicht und Israel weiß nichts von uns. Du Herr, bist unser Vater. „Unser Erlöser seit uralter Zeit“ ist dein Name. 17. (…) Kehre um, um deiner Knechte willen. 19. Oh, wenn du doch die Himmel zerrissen hättest und herabgestiegen wärest, dass die Berge vor deinem Antlitz gebebt hätten. 64,2. Mit deinen furchtbaren Taten, die wir nicht erhofft haben 3. und seit uralter Zeit nicht gehört, noch vernommen wurden. Kein Auge hat einen Gott gesehen außer dir, der solches tut für den, der auf ihn harrt und hofft.
(Übersetzung – gekürzt – von Tanja Pilger-Janßen in Anlehnung an Alexa F. Wilke, Die Gebete der Propheten, Berlin, New York 2014)

 

Von Tanja Pilger-Janßen

Wer wünschte es sich nicht, dass der Heiland die Himmel aufreißt und herabkommt auf die Erde (EG 7)? Ein Ende macht allem Schrecken: den Orkanstürmen und Überschwemmungen, in den Kriegs- und Krisengebieten auf unserer Erde, den nicht enden wollenden Beziehungskonflikten unter Paaren und Geschwistern. Wie schön wäre es, wenn Rettung da wäre.

In eine ähnliche Situation stellt uns der Predigttext für den Zweiten Adventssonntag. Gute Zeiten liegen schon eine Weile zurück und die Not wächst. Die Sehnsucht nach Rettung steigt. Ein Abschnitt aus ­einem Klagegebet des Volkes Israel in Jesaja 63 und 64 nimmt uns mit hinein in das Leben der Beter: Die heilvollen Verheißungen eines Jesaja liegen zurück (Jesaja 40–48). Die Beter in Jesaja 63 bis 64 erinnern an Gottes gnädiges Tun (vergleiche Jesaja 63,7–14), doch manch erhofftes Heil bleibt aus, die Klage über Zorn und Strafe Gottes macht sich breit. Die Beter hoffen auf Gottes Eingreifen, aber sein Erbarmen spüren sie nicht (Jesaja 63,15). In ihrer Not rufen sie zu Gott als unserem Vater und Erlöser seit uralter Zeit und appellieren an Gottes Stimmungswechsel, endlich umzukehren.

Wie die Beter damals, so verhalten wir uns doch auch oft, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Leben weit entfernt ist von Heil und Segen. Wenn es uns schlecht geht, fragen wir nach den Ursachen, klagen unser Leid, erinnern uns an Gutes, was war und jetzt nicht mehr ist. Wir wenden uns an Gott, er möge Erbarmen haben mit uns in unserer Not, auf dass sie sich ändert, dass wieder heilvolles, gelingendes Leben möglich werde. Ein „Vater Unser“ liegt uns auf den Lippen, weil wir in dem vertrauten Gebet Kraft spüren.

Gott im Gebet als unseren Vater anzureden ist eine Anrede, die wir bereits aus dem Jesajabuch kennen. Einmalig ist sie in dem Klagegebet des Volkes Israel in Jesaja 63,16. Gott als Vater anzureden überrascht, weil im Jesajabuch sonst von „Abraham, eurem Vater“ oder „Jakob, deinem Vater“ die Rede ist. Doch von Abraham erwarten die Beter nichts mehr, stattdessen richten sie sich direkt an Gott und erwarten von ihm Erlösung und Rettung.

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