Halsstarrig und heilig

Predigttext am 6. Sonntag nach Trinitatis: 5. Mose 7,6–12
6 Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

 

Von Ulrich Hollop

Es hat lange gebraucht, bis mir bewusst wurde, dass „unser“ Altes Testament nicht nur uns gehört, den Christen, sondern auch den Juden, ja, dass es im Grunde mehr zu ihnen als zu uns gehört. Es ist in ers­ter Linie ihr Buch, in dem sie ihre eigene und einzigartige Geschichte mit ihrem Gott erzählen, selbstkritisch und schonungslos, mit allen Irrungen und Wirrungen. Sie sind die ersten Adressaten, wenn Gott dort redet. Sie sind es, die Antwort geben und sich vor ihm verantworten, oder die Antwort schuldig bleiben. Sie sind es, die er aus allen Völkern dieser Erde zum Volk des Eigentums erwählt hat. Das gilt. Bis heute.

Wenn wir als Christen heute eine solche Gottesrede auf uns selbst beziehen und uns angesprochen fühlen, sollten wir uns darüber Rechenschaft ablegen, mit welchem Recht wir dieses tun. Und es würde uns gut anstehen, dies auch immer wieder öffentlich zu tun, etwa in ­einer Predigt über diesen Text aus 5. Mose 7. 

Wenn ich es richtig sehe, singt dieser Text in erster Linie das Hohelied der unbegreiflichen Barmherzigkeit und Treue Gottes. Er steht zu seinem Wort. Er steht zu seiner Wahl auch dann, wenn die Erwählten ihm den Rücken kehren und fremd gehen wie seinerzeit beim Tanz ums goldene Kalb. Da schien es aus zu sein mit „heilig“ und mit „aus­erwählt“. Da war nicht mehr von „meinem“ Volk die Rede, sondern nur noch von „deinem“ Volk. Statt „heilig“ hieß es jetzt „halsstarrig“. Und es war nur der Fürsprache des Mose zu verdanken, dass Gottes Zorn nicht allesamt vertilgte. Sein Zorn war eben nicht das letzte Wort. Das hat Israel erfahren, immer wieder. Das kann und will es aller Welt bezeugen: So ist er, unser Gott. Er heiligt die Heillosen. Er rechtfertigt die Ungerechten. Er ist barmherzig mit den Unbarmherzigen.

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