Gottes Wort drängt zum Aufbruch

Predigttext am Sonntag Palmarum: Jesaja 50,4–9

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen ­Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen. 

 

Von Leopold Esselbach

Lange Zeit haben wir Christen uns daran gewöhnt, in den Gottesknechtliedern eine Weissagung auf den kommenden Christus zu sehen. Befördert wurde das vor allem durch ein anderes Lied vom Gottesknecht, das drei Kapitel später steht und zu den Karfreitagstexten unserer Kirche zählt. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen“, heißt es dort.

In unserem Abschnitt sind einige Aussagen, die nicht zu Jesus Christus passen. Die Zuversicht, „Gott, der Herr, hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden“ (Vers 7), ging ihm am Ende verloren, als er am Kreuz rief: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Aussage, er habe sein Gesicht hart gemacht wie einen Kieselstein, trifft gewiss nicht auf Jesus zu, wenn damit gemeint ist, er habe alle Vorwürfe und Angriffe von sich abprallen lassen. Auch die Aussage, Gegner würden zerfallen wie ein von Motten zerfressenes Kleid, könnte ich mir im Munde Jesu nicht vorstellen.

Vielleicht ist der hier beschriebene Gottesknecht der Prophet selbst, zumindest ein Zeitgenosse. Immer wieder hat Gott Menschen gesandt, die nach seinem Willen gefragt und auf sein Wort gehört haben. Dieser Jünger ist für mich weithin ein Vorbild, dem ich nach­eifern möchte. Manches, was von ihm gesagt wird, ist mir aus dem Neuen Testament und dem Gesangbuch vertraut. Paulus fragt: „Wer will mich verdammen?“ (Römer 8,34). Jochen Klepper beginnt sein Morgenlied „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452) mit einem Satz aus unserem Text.

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