Gottes Gegenwart schenkt Lebensmut

Predigttext am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres: Hiob 14,1–6

Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurze Zeit an Tagen und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch Du hältst über ihm Dein Auge offen und bringst ihn ins Gericht mit Dir. Kann wohl ein Reiner von Unreinem kommen? Nicht ein Einziger (wird’s sein). Sind seine Tage bestimmt und die Zahl seiner Monde bei Dir, setzt Du sein Ziel, das er nicht überschreitet – So schau doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

Von Wolf Krötke

Eigentlich ist das kein Predigttext. Man kann im Grunde nicht „Amen“ sagen, nachdem er verlesen wurde. Denn „Amen“ bedeutet: „Ja, das ist wahr“. – „Amen“ aber bleibt uns bei diesem Text im Halse stecken.

Denn hier redet nicht nur einer, der mit Gott nichts mehr zu tun haben möchte, während die Gemeinde sich versammelt, um auf Gott zu hören. Hier redet auch einer von uns auf so trübsinnige Weise, dass es uns in dieser dunklen ­Novemberzeit selbst ganz trübsinnig zu machen droht. Wir seien nichts als Blumen, die verwelken und Schatten, die fliehen, will er uns einreden. Wenn das aber so ist, dann ist nicht einzusehen, warum es wichtig sein soll, ob wir dies oder das tun, gut oder böse handeln. Dann möchten wir mit der Frage nach Schuld und Unschuld in Ruhe gelassen werden, bei der wir sowieso nicht gut abschneiden. Zum Lebensideal wird dann, sich nach dem Abrackern am Tage für den Lebensunterhalt nach Feierabend ein paar Bierchen zu gönnen.

Ist unser Leben nur ein Zufallstreffer?
Fast unwillkürlich sind wir von Hiob, der hier redet, schon zum Reden von Menschen in unserer Zeit hinüber geglitten, die wir kennen. Mit Gott haben sie schon lange nichts mehr zu tun. Sie haben ver­innerlicht, dass ihr Leben nur ein Zufallstreffer der Evolution des Lebens ist, mit dem es sowieso nichts weiter auf sich hat. Es gilt nur, dieses Leben so angenehm wie möglich über die Runden zu bringen und dann möglichst schmerzlos von der Erde zu verschwinden. Das klappt auch mehr oder weniger – jedenfalls bei denen, die in einer Wohlstandgesellschaft wie unserer leben. Nur wenn andere, denen es nicht so gut geht wie uns, dieses kümmerliche Lebensideal zu stören drohen, zeigen sie Zähne.

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