Gerechtigkeit ausstreuen

Predigttext am Vorletzten Sonntag nach Trinitatis: Lukas 16,1–8 (9)
1 Ein reicher Mann hatte einen Geschäftsführer, dieser wurde verdächtigt, seinen Besitz zu verschleudern. 2 Er ließ ihn rufen: „Was höre ich über dich? Leg deine Bilanz vor! Du kannst nicht weiter die Geschäfte führen.“ 3 Der Geschäftsführer sagte sich: Was tun? Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Für Feldarbeit bin ich nicht kräftig genug, zu betteln schäme ich mich. 4 Jetzt weiß ich, was ich mache, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, sobald ich aus der Verwaltung entlassen bin. 5 Er rief diejenigen, die seinem Herrn etwas schuldeten, einzeln zu sich. Den Ersten fragte er: „Wieviel schuldest du meinem Herrn?“ 6 „Hundert Fass Olivenöl.“ „Hier, nimm deinen Schuldschein, setz dich, schreib schnell 50!“ 7 „Und du? Was schuldest du?“ „Hundert Fuhren Weizen.“ „Hier, nimm deinen Schuldschein, schreib 80.“ 8 Und Jesus, der Herr, lobte den Verwalter der Ungerechtigkeit, weil er klug gehandelt hatte. Im Blick auf ihre Generation sind die Kinder dieser Zeit klüger als die Kinder des Lichts. 9 Macht euch Freundinnen und Freunde mit dem Geld der Ungerechtigkeit, damit sie euch, wenn das Geld zu Ende geht, immer ein Zuhause geben. (Kirchentagsübersetzung Stuttgart 2015)

 

Von Ralf Nordhauß

Vom „unehrlichen“ Verwalter war in meiner Konfirmandenbibel die Rede. Damals war ich empört, wie man sich derart am Besitz seines Herrn bereichern kann. Als Ökonomie-Student las ich dann in der ­Guten Nachricht, es handle sich um einen „untreuen“ Verwalter. Und lernte, dass die Geschichte kein Beispiel für unser heutiges Handeln, sondern ein Gleichnis sei: In Gottes Gericht werden wir zu unserer Rettung nicht auf unsere guten Taten verweisen können. ­Allein der Schuldenerlass unseres Herrn, die Vergebung unserer Sünden, wird uns retten.

Die Lutherübersetzung 2017 nennt den Gutsverwalter nun nur noch „ungerecht“. Für den Kirchentag 2015 wurde der Verwalter zum „Geschäftsführer der Ungerechtigkeit“, des ungerecht erworbenen Geldes. Der wird verdächtigt, den Besitz seines Herrn zu verschleudern. Von „diaskorpízo“, vom Ausstreuen, ist im Urtext die Rede, nicht vom Veruntreuen.

Der Gutsherr war unermesslich reich, nicht durch eigene Anstrengung, sondern durch die Mühen seiner Arbeiter. Der Verwalter hat von diesem legal, aber moralisch „ungerecht erworbenen“ Geld nichts für sich beiseite geschafft, sonst hätte er nicht befürchten müssen, künftig als Arbeitsloser betteln zu müssen.

Hatte er vielmehr Mitleid mit seinen Arbeitern, die die gegen Schuldschein verkauften 360 Tonnen Getreide ernteten? Die die 600 Olivenbäume pflegten, die man für 4000 Liter Öl brauchte? Gab er den ihm anvertrauten Arbeitern besser zu essen als andere Verwalter, baute er für sie gute Häuser? Damit hätte er die Rendite des Betriebes zwar verringert, aber den Gutsherrn noch nicht arm gemacht.

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