Dem obersten Dienstherrn

Predigttext am 23. Sonntag nach Trinitatis: Römer 13,1–7

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber ­widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll ­gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

 

Von Bettina Schwietering Evers

Eine Predigt-Seltenheit: Dieser Briefauszug wurde zuletzt planmäßig 1970 gepredigt. Denn den 23. Sonntag nach Trinitatis gibt es nur in ­Jahren mit einem Osterfest vor dem 3. April. Nun ist es wieder soweit. Und der erste Satz ist ein Knaller! ­Allein schon die Worte jedermann, untertan, Obrigkeit und Gewalt. Der zweite Satz setzt noch eins drauf: Von Gott!

Despoten von Gottes Gnaden?
Ich höre flüchtig und ­protestiere: Ich bin kein Untertan, die Obrigkeit darf keine Gewalt ausüben, von Gott kommt keine Gewaltherrschaft und er will keinen Untertanengeist. ­Kritische Bürgerinnen und Bürger braucht das Land, besonnenes ­Mitdenken, individuelles Vorgehen, Einzelfalllösungen – keine Untertanen, die sich vor einer nur scheinbar höheren Gewalt ducken. Und wer wollte einen Despoten von Gott eingesetzt wissen? Einspruch!

Missbraucht in finsteren Zeiten
Ein selten gepredigter Text und ein häufig zitierter Gedanke des ­Paulus. Alle Einwände sind bereits diskutiert, geschrieben und zitiert worden. Nenne einer Fachperson diese Bibelstelle und du hörst: „Schwierige Stelle, die mit der Obrigkeit und dem Untertan. Und alles von Gott. Das ist übelst missbraucht worden in finsteren Zeiten …“ Und dann werden sie aufgezählt, die ­Zitate aus Rechenschaftsberichten zaudernder Kirchen­männer, die sich durch die Nazizeit gewunden haben und denen Römer 13 zum Alibi wurde. Schluss damit!

Diese Worte aus der Bibel sind wie alle ­anderen auch: Einfallstore in eine eigene Welt, Einsichten, Ansichten, die erinnern, bereichern und heilsam verstören.

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