Das Spiegelbild lächelt

Predigttext am 3. Sonntag nach Trinitatis: 1. Timotheus 1,12–17

Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

 

Von Angelika Scholte-Reh

Vor dem Spiegel stehen und sich selbst ansehen, ganz ehrlich. Da sehe ich manches, das mir gefällt. Auch meine Falten und die Narbe. Das Leben ging nicht spurlos an mir vorüber. Manches sehe ich gern an, an anderem würde ich lieber vorbei­sehen.

Wie ist das, wenn ich mir innerlich einen Spiegel vorhalte, mich selbst ansehe, ganz ehrlich? Manches erfüllt mich mit Scham. Dieses unbedachte Wort, jener Satz, der einen anderen Menschen verletzt hat, auch wenn ich ihn so nicht gemeint habe, falsche Wege, die ich gegangen bin, Menschen, die ich durch mein Handeln belastet habe. Ich würde gerne so tun, als sei das nicht wahr. Schuld anzusehen schmerzt. Und ich würde viel dafür geben, könnte ich die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machen. Eigene Schuld ­zuzugeben, ist nicht einfach.

Paulus tut das sehr konsequent: „Ich bin der Erste unter den Schuldbeladenen, für die Christus Jesus in die Welt gekommen ist.“ Nein, er schließt sich nicht aus. Das verbindet uns miteinander, auch in den Krisen des Lebens: Wir haben alle Schuld auf uns geladen. Wenn ich die Welt und das Miteinander verändern will, fange ich bei mir selbst an.

Ich halte einen Spiegel in der Hand. Jemand hat einige Worte darauf geklebt: „Gott hat dir in Jesus Christus vergeben. Du bist frei!“ Wenn ich den kleinen Taschenspiegel aufklappe, sehe ich das Herz, das auf den Spiegel gemalt ist. Gott liebt mich, nimmt mich an mit all dem, was mein Leben ausmacht, auch mit meinen Narben an ­Körper und Seele, auch mit meiner Schuld. Er hat sie mir vergeben, damit ich neu beginnen und mich verändern kann. Gott legt keinen Menschen auf die Fehler von gestern fest. Geduldig, immer wieder vergebend, Schritt für Schritt trägt er uns auf dem Weg der Ver­änderung.

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