Augen auf

Predigttext am Sonntag Okuli: Jeremia 20,7–11a (11b–13)

Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn so oft ich rede, muss ich schreien; „Frevel und Gewalt“ muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. Denn ich höre, wie viele heimlich reden: „Schrecken ist um und um!“ „Verklagt ihn!“ „Wir wollen ihn verklagen!“ Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: „Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm bei­kommen können und uns an ihm rächen.“ Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine ­Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. 

 

Von Angelika Scholte-Reh

Die junge Frau mit den blonden Zöpfen steht vor der internationalen Konferenz und spricht mit klarer Stimme langsam und deutlich die Wahrheit aus. Ob die Welt versteht, was sie im Namen einer ganzen ­Generation zu sagen hat? „Ihr habt zu viel Angst davor, unbeliebt zu sein. Ihr sprecht nur darüber, mit denselben schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in dieses Chaos gebracht haben, selbst wenn es das einzig Vernünftige ist, die Notbremse zu ziehen … Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder über alles, und doch stehlt ihr ihnen die Zukunft vor ihren Augen. … Der Wandel wird kommen, ob es euch gefällt oder nicht.“ Das sagte die schwedische Schülerin Greta Thunberg am 18. Dezember 2018 in Katowice vor der UN-Klimakonferenz.

Die Wahrheit nützt dem, der sie hört, und ist eine Last für die, die sie ausspricht. Die jungen Leute, die seit einiger Zeit Demonstrationen an Freitagen organisieren, um ihre Sorge in die Welt hinauszurufen, ­erleben, wie sie abgewertet, beschämt, als zu jung, zu unprofessionell bezeichnet und nicht ernst genommen werden.

Jung war auch er, der Prophet ­Jeremia, der Wahrheit verpflichtet. Gott hat ihn berufen, seine Stimme zu sein: „Ihr lauft sehend in die ­Katastrophe! So geht das nicht! Ihr verratet Euren Glauben! Ihr verratet mich, Euren Gott! Ungerechtigkeit herrscht im Land!“ Gottes Wort brannte auf seiner Zunge. Die ­Wahrheit zu verschweigen, war keine ­Option. Wollte er seine Augen verschließen und das Unheil nicht sehen, klang die Botschaft in seinem Inneren immer lauter. Die Mächtigen jener Zeit haben Jeremia nachgestellt, ihn eingesperrt, ihn verleumdet und zum Lügner erklärt. „So schlimm wird es schon nicht werden! Male doch nicht so schwarz.“ Die Katastrophe nahm ihren Lauf.

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