Von: Uwe von Seltmann
Zwei Zimmer im Herzen
Die ehemalige Residenz der polnischen Könige, der Wawel, thront trutzig auf einem Hügel über Krakau. An den mächtigen Mauern entlang führt ein Weg bergauf zum Eingang. Tausende Besucher gehen täglich diesen Weg, um das Wahrzeichen der Stadt und das Nationalsymbol Polens zu besichtigen. An diesem Tag auch Schülerinnen und Schüler aus Deutschland. Einer der jungen Männer bleibt plötzlich stehen und fragt: „War das hier, wo der auf die Juden geschossen hat?“ Sein Lehrer deutet ins Tal und sagt: „Nein, da gehen wir morgen hin.“
Orte der Geschichte
Schülerinnen und Schüler der Johannes- Landenberger-Schule in Waiblingen, die hier zu Gartenbaufachwerker und Holzbearbeiter ausgebildet sind, reisten im Juli nach Polen, um sich mit polnischen Jugendlichen zu treffen – und um vor Ort die Geschichten von Zeitzeugen zu hören. Einer ihrer Gesprächspartner, Niklas Frank, hat seine Kindheit im Wawel verbracht: Sein Vater Hans Frank residierte von November 1939 bis Januar 1945 als Hitlers Statthalter und nationalsozialistischer Generalgouverneur für das besetzte Polen im Stammsitz der polnischen Könige.
Es seien „königliche Kindertage“ gewesen, sagt Niklas Frank, während er in der Kathedrale auf sein Lieblingsversteck neben der Statue der Königin Hedwig zeigt. Er habe „unheimlich schöne Erinnerungen“. Und zugleich erzählt er von dem kleinen Jungen im Ghetto, keine zwei Kilometer entfernt, ungefähr dort, wohin der Lehrer auf dem Weg zum Wawel gedeutet hatte: „Ein SS-Mann schlug den Kopf eines Jungen in meinem Alter gegen die Mauer, so dass das Hirn rausspritzte.“ Niklas Frank berichtet von den Einkaufstouren mit seiner Mutter ins Judenviertel, die sich ihm „eingebrannt“ haben, weil die Kinder, denen er aus dem Mercedes heraus die Zunge entgegenstreckte, dort „so traurig schauten“.
Abrechnung mit dem Vater
1987 hat Niklas Frank, damals schon fast fünfzig und als Reporter für den „Stern“ tätig, ein Buch über seinen Vater veröffentlicht. Es rief heftige Reaktionen hervor: Seine „gnadenlose Abrechnung“ wurde als „ungeheuerlich, grausam, obszön“ kritisiert. Aber das Buch mache auch eines deutlich, hieß es im „Spiegel“: „Die Nazi-Größen mögen am Galgen für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebüßt haben, für das, was sie den eigenen Kindern angetan haben, sind sie nicht zur Rechenschaft gezogen worden.“
Es waren Fotos, die in den ersten Zeitungen nach dem Krieg erschienen, Leichen von KZ-Häftlingen, darunter auch Kinderleichen, die Niklas Frank schon früh verfolgten. „Immer stand darunter: Polen. Polen, das wusste ich, gehörte mal uns, den Franks“, erzählt er. „Ich war sechs, sieben Jahre alt, und diese Fotos von toten Kindern in meinem Alter haben mich erschreckt. Ich bin im katholischen Oberbayern aufgewachsen und habe die Zehn Gebote gelernt. Selbst wenn ich die nicht gelernt hätte: Jeder Mensch bekommt mit, dass man nicht morden soll.“
Erschießung vom Balkon aus
Auch eine andere Zeitzeugin, Monika Hertwig, hat ihre schmerzhafte und bisweilen peinigende Auseinandersetzung mit dem Vater in Interviews und Filmen öffentlich gemacht. Sie ist die Tochter von dem, „der auf die Juden geschossen hat“, von Amon Göth, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Plaszów bei Krakau. Göth, der für die Ermordung von über 10000 Juden verantwortlich war, ist bekannt aus einer der eindrücklichsten Szenen in Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“: Göth steht auf dem Balkon seiner Villa und schießt wahllos auf Häftlinge.
Niklas Frank und Monika Hertwig zeichnen in den Gesprächen mit den Schülern kein beschönigendes Bild von ihren Vätern, die als „Judenschlächter von Krakau“ beziehungsweise als „Schlächter von Plaszów“ in die Geschichte eingegangen sind – und die beide dasselbe Ende fanden. Hans Frank und Amon Göth wurden zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet.
„Ich habe zwei Zimmer in meinem Herzen“, sagt seine Tochter Monika 64 Jahre später, „in dem einen wohnt der Vater, in dem anderen der Mörder.“ Niklas Frank sagt: „Ich bin nicht bereit, meinem Vater zu verzeihen. Den Galgentod habe ich ihm gegönnt.“
Muss man seinen Vater lieben?
Darf man über seinen Vater etwas derart Negatives sagen? Muss man seinen Vater lieben, auch wenn er ein Mörder ist? Gilt das vierte Gebot, seine Eltern zu ehren, auch für einen Vater, der die Familie verlassen hat oder der seine Kinder schlägt? Das waren Fragen, mit denen sich die Schüler, von denen viele aus schwierigen Elternhäusern stammen, während der Reise beschäftigt haben. „Ich find’s voll okay, dass die so kritisch sind“, sagt einer der jungen Männer über Niklas Frank und Monika Hertwig. Auf seinen eigenen Vater angesprochen schweigt er und geht langsam davon.
Monika Hertwig hat ihren Vater nicht gekannt. Sie hielt ihn für „einen Heiligen“, der wie so viele andere Väter im Krieg fürs Vaterland gefallen war. Er sei wie „eine Ikone“ gewesen, die die Mutter vor sich hergetragen habe, sagt sie. Als sie die Wahrheit erfuhr, war sie zehn: „Du bist wie dein Vater und eines Tages wirst du auch so enden wie dein Vater“, schrie die Mutter. Monika fragte dann ihre Großmutter, die sich zunächst weigerte, eine Antwort zu geben. „Aber dann hat sie mir erzählt, dass man meinen Vater aufgehängt hatte, weil er dabei gewesen ist, als man die Juden umgebracht hat.“ Das habe sie erst nicht erschüttert. Im Krieg seien doch alle umgebracht worden, die Deutschen, die Russen, die Engländer und niemanden habe man deswegen aufgehängt. „Und dann hat sie mir ganz vorsichtig beigebracht, dass in diesem Krieg ein Völkermord stattgefunden hat.“
Keiner redete über die Vernichtung der Juden
Es sei dann schwer gewesen, weitere Informationen über ihren Vater zu bekommen, sagt sie, niemand habe über die Vernichtung der Juden reden wollen. Und auch ihre Mutter ließ sie lange im Unklaren: Plaszów sei ein Arbeitslager gewesen, aber kein Vernichtungslager, und Kinder habe es dort auch nicht gegeben. Die Augen geöffnet habe ihr dann der Film „Schindlers Liste“. Der Schock war so groß, dass sie einen Nervenzusammenbruch erlitt. Von ihrer Großmutter hatte Monika Hertwig auch von Helen erfahren, dem jüdischen Dienstmädchen von Amon Göth. Monika wollte sie unbedingt kennenlernen und die beiden trafen sich in Krakau auf dem ehemaligen KZ-Gelände und auch in der ehemaligen Villa von Göth – die Begegnung wird in dem 2008 erschienenen Dokumentarfilm „Mördervater“ eindrücklich geschildert.
Jetzt betritt Monika Hertwig zum ersten Mal wieder die Villa, geht mit den Schülerinnen und Schülern in den Keller, in dem Helen um ihr Leben bangte, betrachtet von außen den Balkon, von dem aus ihr Vater in Spielbergs Film auf die Häftlinge geschossen hat. Die Jugendlichen hängen an ihren Lippen, sie kämpft mit den Tränen. Irgendwann sagt sie: „Euch soll es mal besser gehen.“ Den Eintrag ins Gästebuch, das der heutige Besitzer der Villa eilig herbeigeschafft hat, unterzeichnet sie mit „Monika Göth“.
Immer das KZ-Tor vor Augen
Es kommt noch zu einer dritten Begegnung: Diesmal ist der Zeitzeuge kein Mörderkind, sondern ein ehemaliger KZ-Häftling: Jozef Rozolowski war 16 Jahre alt, als er 1944 nach dem Warschauer Aufstand in das KZ Mauthausen bei Linz in Österreich deportiert wurde. Von den 400 in seinem Transport überlebten nur 15 das KZ, Rozolowski ist heute der letzte von ihnen. 30 Jahre schwieg er – aus Angst vor den Erinnerungen: „Es war noch zu frisch. Ich sah immer das KZ-Tor vor meinen Augen.“
Rozolowski brach sein Schweigen, als er ungefähr so alt war war wie Niklas Frank, als der die Abrechnung über den Vater schrieb und als Monika Hertwig nach „Schindlers Liste“ bewusst wurde, „dass man den Opfern viel zu wenig zuhört“. „Ich erfülle nun die Verpflichtung, die ich bei meiner Befreiung gegeben habe: zu berichten, damit sich diese Zeit nicht wiederholt“, sagt Rozolowski. Die Wahrheit könne nur der erzählen, der das KZ erlebt hat.
„Ich bin kein Opfer“, sagt Monika Hertwig, „ich bin einfach jemand, der etwas tun möchte, damit alle Menschen unter einem Himmel leben können, und zwar in Frieden.“ „Wir sollten auch als unschuldige Nachgeborene Scham empfinden“, sagt Niklas Frank. „Wir müssen uns dem Grauen stellen und den Schmerz aushalten.“



