Von: Amet Bick
„Die Extreme fallen immer auf“

Hakan und Hasan Isik am Eingang ihres Schnellrestaurants. Rund 4 Millionen Muslime und Muslimas leben in Deutschland. Oft fühlen sie sich in der neuen Heimat nicht willkommen. Foto: epd
Frau Steller-Gül, Sie waren lange mit einem Muslim verheiratet. War das für Ihre Neuköllner Gemeinden ein Problem?
Nein, nie. Vielen Gemeindegliedern geht es ja ähnlich, da ist der Schwiegersohn oder der Schwager auch Muslim. Und die anderen waren eher neugierig und haben mir Fragen gestellt.
Mit dem Wunsch, doch ein eher klassisches evangelisches Pfarrhaus zu bieten, wurden Sie so nie konfrontiert?
Bis 1993 stand für den Westbereich der Landeskirche noch im Pfarrdienstgesetz, dass der Ehepartner der evangelischen Kirche angehören muss. Seitdem ist es unter bestimmten Bedingungen möglich, dass die Partnerin oder der Partner einen anderen Glauben hat. Es war damals nicht leicht in den Dienst zu kommen, aber da hat sich glücklicherweise viel verändert.
Sie sind inzwischen von Ihrem Mann geschieden. Hat die unterschiedliche Religion eine Rolle gespielt?
Je mehr kulturelle Unterschiede es in einer Beziehung gibt, desto mehr Konflikte können entstehen. Aber es lag nicht an der Religion –ich finde ja, dass schon Frauen und Männer recht unterschiedliche Kulturen sind. Der Pfarrberuf ist nicht besonders familienfreundlich, das macht es für die Partnerin oder den Partner nicht leicht. Unterschiedliche Kulturen bedeuten auch unterschiedliche Arten der Kommunikation. Das muss man berücksichtigen, sonst ist man schnell gekränkt oder genervt.
Welcher islamischen Richtung gehörte Ihr Mann an?
Er ist Alevit. Das ist eine im 15. Jahrhundert entstandene Reformrichtung im Islam, die sehr liberal ist. Für meine Schwiegermutter war es damals undenkbar, dass eine ihrer Töchter einen Sunniten heiraten könnte – das würde sie viel zu stark einschränken.
Unsere klischeehafte Vorstellung von „dem“ Islam trifft also nicht zu?
Nein, den gibt es nicht. Es gibt ja auch nicht „das“ Christentum in Deutschland. Die Formen des Islam sind ganz unterschiedlich. Sie hängen mit unterschiedlichen religiösen Traditionen und auch mit dem kulturellen Hintergrund zusammen. Und dann ist jeder Muslim und jede Muslima noch einmal individuell verschieden wie wir auch. Unserer Vorstellung nach sind Muslimas und Muslime aber oft so und so. Und diese haben die gleiche verallgemeinernde Vorstellung von uns. Ihnen fällt es auch schwer, beispielsweise evangelische und katholische Christinnen und Christen auseinander zu halten. Ich glaube, es ist ein wichtiger Schritt, wahrzunehmen, dass die anderen untereinander genauso verschieden sind wie wir selbst.
Aber ein Unterschied ist doch vielleicht, dass, wenn Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, sich zu einem Thema äußert, man davon ausgehen kann, dass er im Wesentlichen die evangelische Position vertritt.
Das ist seine Aufgabe als Ratsvorsitzender, aber natürlich gibt es darunter auch noch viele andere Meinungen. Da der Islam im Unterschied zum Christentum keine Hierarchie kennt, ist er von der Anlage eigentlich fast liberaler. So konnte sich im mittelalterlichen Spanien unter muslimischer Herrschaft alles entwickeln: Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Medizin. Islamische Gelehrte haben die europäische Kultur und Geistesgeschichte entscheidend geprägt, das wird gerne vergessen.
Warum ist in unserer Vorstellung der Islam dann oft verbunden mit gewalttätigen Jugendlichen, Kopftüchern und strengen Moralvorstellungen?
Die Extreme fallen immer auf. Die Fälle, in denen Integration nicht gelingt, kommen in die Zeitung. Von den gelingenden lesen wir nichts. Die Menschen, die mit der größten Einwanderungswelle in den 60er Jahren in die Bundesrepublik kamen, stammen oft aus ländlichen Gebieten, wo noch feudale Strukturen herrschten. Viele Dinge, von denen in den letzten Jahren gesprochen wurde wie etwa den sogenannten Ehrenmorden, werden zwar manchmal religiös gerechtfertigt, sind aber in patriarchalen Mustern begründet. Im Islam ist Zwangsheirat verboten. Aber das wissen selbst viele Muslimas und Muslime nicht. Deswegen ist religiöse Bildung so wichtig.
Die umstrittene EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“ zum Verhältnis von Christen und Muslimen von 2006 pocht ja sehr auf die Notwendigkeit, sich vom Islam abzugrenzen, und wirbt weniger für eine Annäherung.
Das EKD-Papier hat den Dialog nicht einfacher gemacht, weil es sehr das eigene Profil betont und auch, wie ich finde, viele Klischees über den Islam enthält. Von muslimischer Seite wurde ich immer wieder darauf angesprochen. Ich begrüße es sehr, dass der Dialog in der EKBO heute einen hohen Stellenwert hat. Kürzlich wurde etwa die Stelle eines landeskirchlichen Beauftragten für den interreligiösen Dialog eingerichtet. Gerade in einer Stadt wie Berlin, die so international und multikulturell ist, ist das wichtig. Wir leben hier zusammen und müssen uns begegnen. Dabei wird von muslimischer Seite erwartet, dass wir klare Positionen vertreten. Ich bin selbst überhaupt kein Fan von Vermischung. So bin ich beim interreligiösen Gebet vorsichtig, weil ich finde, dass das zum einen die jeweils eigene Spiritualität aus falsch verstandener Rücksichtnahme stark einschränkt und zum anderen eine große Vertrautheit voraussetzt, die wir noch nicht haben.
In dem Papier heißt es auch, dass es nur eine Wahrheit geben kann – und das ist die vom christlichen Gott. Ist das, woran Muslime glauben, nicht wahr?
Ich glaube, dass jede Religion ihre Wahrheit hat. Für mich ist mein Glaube der richtige, und für andere ist ihr Glaube der richtige. Es steht mir nicht zu, anderen vorzuschreiben, welche Wahrheit sie zu haben. Irgendwann wird sich eine letzte Wahrheit erweisen, wenn wir Gott schauen. Bis dahin ist schon viel erreicht, wenn alle ihren eigenen Glauben ernst nehmen und dem anderen offen und wertschätzend begegnen.
War es für Sie jemals eine Option, zum Islam überzutreten?
Nein, das war nie eine Frage. Ich bin aus Überzeugung evangelische Christin. Mein Glaube bedeutet mir viel, er trägt mich und mein Leben. Zudem finde ich ihn sehr dynamisch. Gerade im Protestantismus geht es immer darum nachzudenken, für sich Entscheidungen zu treffen.
Es heißt ja, dass Integrationsunwilligkeit durch Erfahrungen von Diskriminierung entstehen kann. Können Sie das bestätigen?
Als ich an einer Neuköllner Schule im Modellversuch „Philosophie – Ethik - Religion“ unterrichtete, stellte ich bei der Durchsicht der Klassenlisten fest, dass zum Beispiel türkischstämmige Namen oft „eingedeutscht“ und falsch geschrieben wurden. Ich finde es respektlos, wenn Kinder ständig mit einem falschen Namen angesprochen werden. Das gibt ihnen das Gefühl, nicht dazuzugehören. Es ist ein Vorurteil, dass Migrantinnen und Migranten sich nicht integrieren wollen. Sie wollen, aber sie müssen sich willkommen fühlen.
Hatten Sie denn als Islambeauftragte des Kirchenkreises Neukölln den Eindruck, dass Muslime neugierig sind auf den christlichen Glauben?
Ich hatte damals alle 22 Moscheen in Neukölln angeschrieben und um ein Gespräch zum Kennenlernen gebeten. Manche haben nicht geantwortet, andere luden mich ein. Ich glaube, dass es eine Neugier auf uns gibt, nicht bei allen, aber das ist umgekehrt ja auch so. Eine andere Art der Erwartung und Herangehensweise an Begegnungen interpretieren wir dann manchmal als Desinteresse.
Wie würden Sie die Frage beantworten: Gehört der Islam zu Deutschland?
Natürlich, er ist da, also gehört er zu Deutschland. Muslimas und Muslime leben hier auf Dauer, es gibt muslimische deutsche Staatsangehörige, auch Abgeordnete oder Nationalspieler. Ich fand es gut, dass Christian Wulff diesen Satz gesagt hat. Es war endlich ein Zeichen von öffentlicher Wahrnehmung und Wertschätzung.
Unsere Haltung gegenüber Einwanderern hat mit einer Angst vor Verlust zu tun, ist manchmal mein Eindruck, so als würde die eigene Identität durch das Fremde in Frage gestellt.
Mir soll erst einmal jemand sagen, was genau die deutsche Identität ist. Ich glaube, die meisten haben darauf keine Antwort. Für mich bedeutet das andere zu sehen Gewinn und Weite. Dann weiß ich, was ich am Eigenen habe und vielleicht auch, was mir fehlt. Allein, wenn wir uns vorstellen, wie unsere Küche wäre ohne die Einflüsse von außen. Dahin möchten wir ja auch nicht zurück. Die Welt ist größer geworden, es gibt viel mehr Bewegung. Das erlebe ich immer wieder auch in meiner jetzigen Tätigkeit in der Begegnung mit internationalen Studierenden. Wenn wir diese Vielfalt als Chance begreifen, wird auch unser Leben reicher.


