Von: Uli Schulte-Döinghaus
Ein Engel kehrt zurück

Unter dem Taufengel, der von der Kirchendecke schwebt, versammelt sich die Gemeinde rund um den schlichten Altar des Kirchleins. Die verblassten Wandmalereien wurden hinter dem alten Putz entdeckt. Fotos: Uli Schulte-Döinghaus
„Ist ja so schön wie früher, als die kleinen Jungens sonntags noch einen Schlips trugen“, murmelte die ältere Dame. Ihre Nachbarin nickte ergriffen, während der 12-Jährige im festlichen Zweireiher und be-eindruckender Krawatte einen Platz suchte. Der Junge hat allen Grund, eine feierliche Miene zum festlichen Outfit zu machen – er gehörte zu den Preisträgern eines sogenannten Motivationspreises, der an junge Musiker im Verlauf des vergangenen Sonntagmorgens in der Kirche von Malchow verliehen wurde. Zuvor, während eines Gottesdienstes im Festzelt neben der Kirche, zeigten Renis Kiberis (Klarinette), Jule Matzke (Gitarre), Tobias Raelert, Richard Wendt, Eric Müller (Bläser-Trio) sowie Amanda Skulete (Querflöte) ihr musikalisches Talent. Später musizierte die „Schönfelder Instrumentalgruppe“. Der Singkreis Schönfeld und die Bläserchöre Schönfeld und Wallmow intonierten so kraftvoll und fröhlich, dass man fast Angst um das kleine Kirchlein haben konnte, das den Anlass gab für Gottesdienst, Gemeindefest und Bischofsbesuch. Aus Berlin war Markus Dröge ins uckermärkische Malchow gekommen, in den nördlichsten Zipfel der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Malchow, unmittelbar an Vorpommern angrenzend, liegt auf halber Strecke zwischen Prenzlau und Pasewalk an der vielbefahrenen Bundesstraße 109. Wer diese Straße befährt, sollte hier unbedingt haltmachen – die Dorfkirche ist ein wunderbarer Blickfang geworden, nachdem sie 54 Jahre Verfall und Vandalismus ausgesetzt gewesen war. Aus dem Kirchenschiff wuchsen zuletzt Sträucher und Bäumen. Auf Fotos der Kirchengemeinde und der Stiftung Denkmalschutz ist der Verfall gut dokumentiert. Auch daran erinnerte Bischof Dröge in seiner Predigt während des Festgottesdienstes. Anlässlich der Einweihung der Malchower Kirche konnten unter dem Dach des Festzeltes längst nicht alle Besucher und Gäste aufgenommen werden. Bischof Dröge schlug einen weiten Bogen vom Predigttext des Tages – der Geschichte vom wohlhabenden Mann, der die Armen und Entehrten einlud, weil zum Festmahl sonst niemand kommen wollte – bis zum Anlass des Festgottesdienstes, der Einweihung der Dorfkirche nach langer Zeit, „auf dass das Haus wieder voll werden kann“. Durch das Engagement vieler Menschen – durch ihre Liebe zu diesem Ort und zu dieser Kirche – könne dieses schöne Fest gefeiert werden, das sei ein Grund zur Dankbarkeit, sagte er.
„Lass sich freuen alle, die auf dich trauen“
Ein leises, beifälliges Raunen ging währenddessen durch die Gottesdienstgemeinde. Kaum einer, der nicht irgendwie mit angepackt hatte, der nicht in die Hände gespuckt und sich so oder so gekümmert hätte, als spätestens Ende 2008 klar war, dass die Malchower Dorfkirche für mehr als 600000 Euro saniert werden sollte. Davon musste die Kirchengemeinde allein 100000 Euro aufbringen. Malchow gehört zum Evangelischen Pfarrsprengel Schönfeld, dessen Pfarrer Thomas Dietz an diesem Sonntag den Festgottesdienst leitete und – stellvertretend für alle Engagierten, Gäste und Gemeindechristen Freude, Stolz und Dankbarkeit ansteckend ausstrahlte. Als er die Festgemeinde willkommen hieß, zitierte Dietz passend aus dem 5. Psalm: „Lass sich freuen alle, die auf dich trauen; ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie; fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!“Das Gotteshaus, bis dahin hermetisch gegen Neugierige abgeschirmt, öffnete schließlich Irmtraut Peick, die dem Gemeindekirchenrat vorsteht. Im Inneren offenbart sich ein heller Kirchenraum, in das sich Licht aus hohen und schmalen Fenstern legt und das „Malchower Sternlabyrinth“ ausleuchtet, das in den Boden der Kirche eingelassen ist – und zur Finanzierung der Sanierung beigetragen hat. Spender konnten Teile des Labyrinths erwerben, sich an der Kirchenwand verewigen und gewissermaßen unter den Schutz des Taufengels begeben, der über alledem schwebt, fest vertäut mit der Decke des Kircheninneren. Jahrelang war der Taufengel im „Exil“ in der Kirche im benachbarten Dorf Göritz gewesen, bevor er sich ans Schweben über dem Malchower Kirchenlabyrinth machen konnte. Das sechszackige Sternlabyrinth, ein altes religiöses Motiv, soll im Außengelände der Dorfkirche aufgenommen werden. Dort entsteht der Labyrinthpark Malchow als Gartenanlage, die ab Mitte nächsten Jahres Neugierige und Touristen anlocken soll. Viele werden diesen verwirrenden Aufenthalt auch nutzen, um die Gottesdienst-, Literatur- und Musikangebote zu besuchen, die ab sofort in der Malchower Kirche gemacht werden. Ausdrücklich ist die alte Dorfkirche als „Musikkirche Malchow“ konzipiert und in Zukunft wohl auch Austragungsort des renommierten „Malchower Kirchenpreises“. Der wird im kommenden Jahr bereits zum fünften Mal vergeben. Dann werden die musizierenden Jungs wieder ihre Krawatten umbinden und – vermutlich – den älteren Damen damit erneut eine Freude machen.
Schulanfängergottesdienst am 5. August, 10 Uhr, mit Taufe. Am 10. August um 19.30 Uhr liest der ostpreußische Schriftsteller Arno Surminski aus „Die Frauen von Palmnicken“. Ab September gibt es jeden Freitag um 18 Uhr eine Andacht als „Viertelstunde zum Wochenende“. Und am 4. November findet das erste Malchower Talenteforum statt, mit Sängern und Musizierenden aus der Region.
Weitere Informationen:
Ev. Pfarramt Schönfeld
Dorfstraße 60; 17291 Schönfeld
Tel.: (039854) 546
E-Mail: ev.-pfarramt-schoenfeld@t-online.de,
www.kirche-schoenfeld.org


