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12.10.2011
Von: Uli Schulte-Döinghaus

Einsatz ohne Altersbeschränkung


Da es keine Zivildienstleistenden mehr gibt, soll der Bundesfreiwilligendienst (BFD) zumindest Teile der Hilfskräfte ersetzen. Foto: dpa

 

In großer Zahl kleben die Werbeplakate an Litfasssäulen, sind an  U-Bahneingängen oder an Laternen angebracht. Darauf ist als zentrale Botschaft zu lesen: „Der neue Bundesfreiwilligendienst: Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden.“ Die Werbekampagne läuft seit einigen Monaten. Sie soll Bundesbürger zu einem neuen ehrenamtlichen Engagement bewegen, dem sogenannten Bundesfreiwilligendienst. Seit dem 1. Juli gibt es diesen Dienst.

Doch kommt die Werbung an?

Darauf kann auch Rainer Hub, Referent für „Freiwilliges soziales Engagement“ beim Diakonie Bundesverband, nach einem Vierteljahr erst eine vorläufige Antwort geben. Die kurzfristigen Erwartungen hätten sich erfüllt, die Diakonie und andere evangelische Freiwilligendienste hätten bundesweit 2000 Plätze anbieten und besetzen können, „wenn auch unter erheblichem Aufwand und mit viel, viel Engagement“ .Um die bestehenden Strukturen erhalten zu können, müssten sich 35000 Freiwillige pro Jahr melden.
Daher spricht die Bundesregierung spricht mal von 35000, mal von 60000 BFD-Plätzen, die in Zukunft besetzt werden sollen. Peu à peu wollen auch die evangelischen Wohlfahrtseinrichtungen Angebot und Nachfrage ausweiten. Langfristig sollen in den diakonischen Einsatzstellen 6000 bis 7000 Plätze mit „Bufdis“ besetzt werden, wie die Freiwilligen inoffiziell abgekürzt werden. Auch sprachlich wäre damit die Nachfolge der berühmten „Zivis“ geregelt, also der Ersatzdienstleistenden, die es seit der Aussetzung der Wehrpflicht nicht mehr gibt. 53 von ihnen haben bisher in Berlin Vereinbarungen mit Einsatzstellen unterschrieben, die unter dem Dach der Berliner Diakonie organisiert sind. Davon sind zehn „Bufdis“ über 27 Jahre alt.

Absolute Neuheit in der Szene der Freiwilligenarbeit

Dass es für den Bundesfreiwilligendienst keine Altersbeschränkung gibt, ist eine absolute Neuheit in einer Szene der organisierten Freiwilligkeit, die bisher auf Jugendliche und junge Erwachsene  ausgerichtet war. Neben dem Zivildienst gibt es schon lange Angebote im „Freiwilligen Sozialen Jahr“ (FSJ) oder „Freiwilligen Ökologischen Jahr“ (FÖJ), die sehr erfolgreich sind. Diese Freiwilligenjobs sind jungen Menschen unter 27 Jahren vorbehalten. Im neuen Bundesfreiwilligendienst (BFD) können Junge und Alte gleichermaßen zum Zuge kommen, wie Christel Buschke von der  Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz erläutert. Im Bereich des Landes Brandenburg, sagt Buschke, hätten sich bisher 18 unter und über 27-jährige Menschen verpflichtet. Bis Ende des Jahres will die Diakonie in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz insgesamt 150 BFD-Plätze anbieten und besetzen, heißt es offiziell. „Dafür, dass vieles noch nicht bis zum Ende geklärt ist“, sagt sie, „finde ich das einen bemerkenswerten Anfang.“

Zunächst war kein Kindergeld vorgesehen

Noch nicht geklärt? Damit weist die Diakonie-Expertin auf beachtliche handwerkliche Fehler hin, die mit der Einführung des Dienstes einhergingen. Eine gewaltige Irritation ergab sich daraus, dass für junge Menschen unter 25 Jahren, die den Bundesfreiwilligendienst absolvieren, zunächst kein Kindergeld vorgesehen war. Konsequenz: Viele, die eigentlich interessiert waren, zogen zurück oder heuerten bei einer Einsatzstelle im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres an, wo das Kindergeld ausgezahlt wird.
Spätestens Anfang November wollen Bundestag und zuständiges Bundesfamilienministerium die notwendigen gesetzlichen Voraussetzungen treffen, damit auch die Familien der jungen „Bufdis“ in den Genuss des Kindergeldes kommen können – auch nachträglich. Hinzu kommen Fahrtkostenersatz und etwa 330 Euro Taschengeld, die Bufdis monatlich zustehen. Sie sind unfall-, kranken- und rentenversichert. Einige Einsatzstellen legen noch ein paar Euro aufs Taschengeld drauf, etwa Einrichtungen des katholischen Malteserhilfsdienstes in Nordrhein-Westfalen. Oder sie bieten Extras an wie im Münchner Hasenbergl, einem sozialen Brennpunktquartier. Dort stellt die örtliche Diakonie Dienstwohnungen für die künftigen „Bufdis“ bereit: ein absolutes Muss in einer Stadt mit völlig überteuertem Wohnungsmarkt.

Im Wettbewerb um die Zukunft der Fachkräfte bestehen

Auch wenn einige Träger über zusätzliche Kosten und beträchtlichen Aufwand klagen, die der neue Dienst mit sich bringe – unterm Strich werden die Einsatzstellen, Träger und Wohlfahrtsverbände den Bundesfreiwilligendienst nutzen müssen, damit sie selbst im Wettbewerb um die Fachkräfte der Zukunft bestehen. Bisher war es so, dass bis zu acht Prozent der Fachkräfte in Pflege, frühkindlicher Erziehung und Jugendarbeit über Zivildienst und FSJ später beruflich in der Diakonie und anderswo Fuß fassten. Auf mittlere Sicht, so wollen es die Experten, sollen bis zu zwölf Prozent aller Hauptamtlichen  soziale Arbeit in Freiwilligendiensten kennengelernt haben. Zum Beispiel als „Bufdi.“

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