Von: Sibylle Sterzik
Verfemt und fast vergessen
Gabriele Winter geht auf die Terrasse ihres Hauses in Zernsdorf, Ortsteil von Königs Wusterhausen. Auf dem Gartentisch liegt eine Mappe mit Zeichnungen und Bildern. Sie blättert darin. Ihr Mann Jürgen hält eine Liste mit Titeln der Arbeiten in der Hand. Viele biblische Motive sind dabei. „Dreieinigkeit“ (1977) oder „Das Wasser des Lebens“ (1972). Aber auch Blumen, Stilleben, Katzen und Holzschnitte wie der zu Psalm 42,2 „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so dürstet meine Seele, Gott, nach dir“.
Geschaffen hat die Bilder Iris Hahs-Hoffstetter, die Mutter von Gabriele Winter. Sie wurde am 16. Juli 1908 in Tuttlingen in Württemberg geboren, studierte an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und später an der Burg Giebichenstein in Halle Malerei und Werbegrafik. 30 Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit ihrem Mann, dem Kunstprofessor und Maler Erwin Hahs, in Zernsdorf, wo er 1970 und sie am 12. August 1986 starb. Beigesetzt sind beide auf dem Waldfriedhof Zernsdorf.
Kunst galt als entartet
Iris war 18, als Erwin sie bei einem Arbeitsbesuch an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart kennenlernte, er 21 Jahre älter. Ein Jahr später folgte sie ihm als Studentin an die Kunstwerkstätten Burg Giebichenstein, wo er eine Malklasse leitete. 1932 heiraten sie. 1935 und 1940 kommen die Töchter zur Welt. Als die Nazis die Macht übernehmen, muss Erwin Hahs den Lehrstuhl räumen. Er und seine Frau erhalten Berufsverbot. Ihre Kunst gilt als „entartet“. Vier Jahre lebt die Familie in Stendal, wo Erwin Hahs als Kulturbeauftragter der Stadt und als Zeichenlehrer am Winckelmann-Gymnasium arbeitet. Trotz der existentiellen Härten dieser Zeit ist das Paar ununterbrochen künstlerisch tätig und wird von Iris Familie und Freunden unterstützt. 1946 wird Hahs rehabilitiert und zurück auf den Lehrstuhl der Hallenser „Burg“ berufen. Doch seine Kunst entspricht nicht der des „Sozialistischen Realismus“. Er kritisiert die Kulturpolitik der DDR und wird 1952 zwangsemeritiert. Das Paar zieht 1956 von Halle nach Zernsdorf bei Berlin ins Haus des Schwiegersohns Dieter Graewe. 1960 fliegt Iris aus dem Verband Bildender Künstler der DDR.
Wann kommt endlich die große Ausstellung ?
An staatlichen Ausstellungen kann sie nicht mehr teilnehmen. „Nur in der evangelischen Kirche findet sie ein bescheidenes Forum“, schreibt Margit Mach. Als die ehrenamtliche Zernsdorfer Ortschronistin in der Kapelle auf dem Ortsfriedhof den Altar mit dem dreiteiligen Ölgemälde „Auferstehung“ (1958) von Erwin Hahs sah, war sie gebannt von der Wucht des Bildes. 2002 nahm sie Kontakt mit den beiden Töchtern auf. Seitdem hat sie mehrere Artikel über Leben und Schaffen des Künstlerpaars und ein biografisches Heft zum 100. Geburtstag 2008 von Iris Hahs-Hoffstetter verfasst, ein Jahr zuvor über ihren Mann.
Der künstlerische Nachlass beider umfasst mehr als 2000 Werke. Darunter von Iris etwa 600. Das meiste besitzen die Erben, etwa 100 sind in andere private Hände gegangen. Nach dem Tod der Mutter war es zunächst die ältere der beiden Töchter, Gunda Graewe, die den Nachlass verwaltete. Seit 2005 sorgt die jüngere Schwester Gabriele und ihr Mann, unterstützt von der Familie, für den Nachlass, sammeln Briefe und Lebenszeugnisse, suchen Galeristen und Ausstellungsmöglichkeiten. So fanden in den vergangenen zehn Jahren fünf Ausstellungen mit Werken von Erwin Hahs statt. „Es wird Zeit, dass endlich auch der hochinteressante Nachlass seiner Frau aufgearbeitet wird. Da müsste jemand kommen, der sich mit Sachverstand und Interesse diesem Lebenswerk zuwendet“, sagt das Ehepaar Winter. Material dafür würde man in Zernsdorf genug finden, zum Beispiel die Tagebücher von Erwin Hahs. Darin schreibt er auch über seine Frau: „Gestern Arbeiten von Iris durchgesehen. Welch eine innere Fülle und Kraft. Es war für mich die reichste Stunde seit langem, während Iris von der Tagesarbeit ermüdet nebenan schlief, bewunderte ich ihr Werk“ (1943). Beide Maler gehören zu den Künstlern, die in der Nazizeit diskriminiert und vom stalinistischen System kaltgestellt wurden. „Und diese Methoden funktionierten in beiden Systemen so perfekt, dass sein und ihr Lebenswerk fast vergessen wurden“, schreibt die Berliner Kunstwissenschaftlerin Angelika Reimer.
Dritten Platz beim künstlerichen Wettbewerb des Kirchentages
Einige Arbeiten von Iris Hahs-Hoffstetter sind einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Mit ihrem Holzschnitt zu Psalm 42 belegte sie 1961 den Dritten Platz beim künstlerischen Wettbewerb zum Thema des letzten gesamtdeutschen Kirchentages in Berlin. Neun Holzschnitte zum Sonnengesang des Franz von Assisi illustrieren ein 1962 erschienenes Bändchen. Die Wachskreidearbeit „Die Geburt“ ziert die Schallplattenhülle „Weihnachtsmusik“ von Hugo Distler (1978, Eterna) und wurde seither international bekannt in Zeitschriftne und Büchern. Der Evangelische Kunstdienst erbat ihren Holzschnitt „Christuskopf“ als Geschenk für das Moskauer Patriarchat.
Am 12. August wird auf dem Waldfriedhof in Zernsdorf eine Hinweistafel mit einer Erinnerung an Iris Hahs-Hoffstetter enthüllt. In der Friedhofskapelle hängt jenes Psalm-Bild, mit dem sie eine gewisse Bekanntheit erreichte.
Im Zuge der Errichtung eines touristischen Wegeleitsystemes gedenkt die Stadt Königs Wusterhausen, zu der Zernsdorf als Ortsteil gehört, dieser erinnerungswerten Frau und Künstlerin. Im Herbst werden zwei Straßen eines enuen Wohngebietes nach den Eheleuten Hahs-Hoffstetter benannt. <
Die Feierstunde beginnt am 12.8., um 14 Uhr, Trauerhalle Waldfriedhof, Am Stujangsberg, Königs Wusterhausen, OT Zernsdorf.



