Von: Monika Herrmann
Wieder vereint und doch verschieden

An der sogenannten innerdeutschen Grenze standen mehrere hundert Grenztürme. Heute sind von diesen historischen Zeitzeugen nur noch wenige erhalten. Foto:dpa
Fritz Hitzemann war am 13. August 1961 – wie immer – auf dem Weg ins Diakonissen-Mutterhaus am Kreuzberger Bethaniendamm. Er wollte dort den Sonntags-Gottesdienst feiern. „Bethanien“, das war damals das große Krankenhaus direkt an der Berliner Sektorengrenze. Was der Pfarrer auf dem Weg dorthin sah, verschlug ihm die Sprache: „Rostiger Stacheldraht und spanische Reiter verhinderten den Übergang in den Ostsektor.
Polizisten und Volksarmisten bis an die Zähne bewaffnet, Menschen auf beiden Seiten, auf der Ostseite unsere Gemeindeglieder, die zum Gottesdienst wollten und nicht durften.“
Baumaterial und Jacobs-Kaffee geschmuggelt
Fritz Hitzemann, bis 1967 Pfarrer in St. Thomas, hat diese Erinnerungen aufgeschrieben. Seine Gemeindeglieder lebten damals diesseits und jenseits der Grenze. Hitzemann hatte seine Wohnung im Westen. Zu den Menschen im Osten hatte er als Westberliner nun keinen Kontakt mehr. Die Thomas-Kirche stand zu dieser Zeit ebenfalls im Westen, direkt an der Grenze. Wenige Wochen nach dem 13. August versperrte dann eine hohe Mauer die Sicht in den Osten. Nur die Glocken von St. Thomas drangen über sie hinweg – in den Osten. 28 Jahre teilte diese Mauer die Stadt und damit auch etliche Berliner Gemeinden. Neue Zentren und Gottesdienststätten entstanden für die jeweils abgetrennten Protestanten. Im Osten richteten sie sich ein in einer Kirche im Sozialismus, während ihre Brüder und Schwestern im Westen versuchten, so weit es ging den Kontakt zu halten. Mit Partnerschaften und Kurieren, die Bücher, Baumaterial, Kohlepapier und Jacobs-Kaffee schmuggelten.
„Wir waren in Dresden als wir erfuhren, dass DDR-Grenzsoldaten dabei sind, Stacheldraht mitten durch Berlin zu ziehen.“ Gesine Schneiders Stimme klingt immer noch aufgeregt, wenn sie sich erinnert an jenen Sonntag. „Man dachte, das würde bald alles wieder aufgehoben werden und dass die Westmächte vielleicht etwas tun“, sagt sie. Aber es tat keiner was.
Gesine Schneider gehörte zur Berliner Dom-Gemeinde. Ihr Mann, Julius Schneider, war dort Pfarrer, als die Gemeinde geteilt wurde. „Diese Trennung riss uns regelrecht auseinander“, erzählt sie. „Die Gemeinde im Ostteil blieb im Dom, die im Westen fand in der Friedhofskapelle in der Weddinger Müllerstraße eine neue Gottesdienststätte.“
Einen Steinwurf voneinander entfernt
Gesine Schneider erinnert sich an regelmäßige Besuche, „die aber nur vom Westen aus möglich waren“. Die heute 68-Jährige erzählt von Passierscheinen und registrierten Grabkarten, die nötig waren, um Besuche auf dem Domfriedhof in der Weddinger Liesenstraße zu ermöglichen, der im Osten lag. Es habe Umbettungen gegeben, um Angehörigen den Besuch der Friedhöfe zu erleichtern. Die gemeindliche Wiedervereinigung der „Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin“, wie sie offiziell heißt, sei nach der Wende nicht so einfach gewesen. „Wir mussten sehr behutsam vorgehen, weil sich in Ost und West eine eigene Kirchlichkeit entwickelt hatte.“
Ähnliche Probleme gab es auch in Staaken. Eine Gemeinde, die am äußersten westlichen Rand der Stadt liegt und durch die Mauer getrennt wurde. Die alte Dorf-Kirchengemeinde lag nach dem Mauerbau im Osten. Nur einen Steinwurf davon entfernt entstand die neue Gemeinde mit der Zuversichtskirche im Westen. Als Charlotte Bochwitz 1967 in die Gemeinde kam, war die Teilung bereits Alltag. „Wir besuchten die Ostgemeinde zwar regelmäßig, aber diesseits und jenseits der Mauer hatten die Menschen ihre ganz eigenen Probleme“, erinnert sich die 70-Jährige und auch daran, dass die Kontakte zeitweilig brach lagen. Nach dem Fall der Mauer fanden die einst getrennten Staakener Protestanten nur unter großen Schwierigkeiten zueinander. „Wir trafen uns zu einem Runden Tisch, weil wir uns ja viel zu erzählen und zu organisieren hatten. Aber manche sprachen von Zwangsvereinigung und pochten auf ihre Eigenständigkeit.“ Doch die Wogen hätten sich geglättet, sagt Charlotte Bochwitz. „Gott sei dank.“ Hans Zimmermann war am Tag des Mauerbaus 12 Jahre alt und mit seinen Eltern in Bayern. „Unsere Sorge war: „Wie kommen wir wieder zurück nach West-Berlin?“ Mitte der 70er Jahre wurde er dann Pfarrer in der längst geteilten Pankower Gemeinde. Martin-Luther-Pankow-West hieß das schlichte Zentrum an der Westberliner Wollankstraße, das mit finanzieller
Hilfe der schwedischen Kirche gebaut wurde. Über 20 Jahre war Hans Zimmermann dort Pfarrer. „Einmal im Monat sind wir rüber in die Ostberliner Schwester-Kirche „Martin-Luther-Pankow-West“ in der Pradelstraße gefahren, manchmal mit Konfis oder Senioren“, erzählt er.
Versöhnungskirche im ehemaligen Todesstreifen
Nach dem Fall der Mauer registrierten die lange geteilten Christen dann ihre unterschiedlich gewachsene Kirchlichkeit. Es gab kontroverse Diskussionen um die Zukunft, aber mit dem Ziel: „Wir bleiben in Freundschaft zusammen, aber gehen nicht den gleichen Weg.“ Hans Zimmermann berichtet von Stasikontakten, von der IM-Tätigkeit des ehemaligen Pankower Pfarrers
Friedrich Stork zum Beispiel, der seinen Sohn Matthias bespitzelte mit der Folge, dass dieser in das Stasi-Gefängnis gekommen ist. Auch Zimmermann selbst ist damals abgehört worden.
Die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße galt als Symbol der deutsch-deutschen Teilung. Noch viele Jahre nach dem 13. August stand das Gotteshaus im sogenannten Todesstreifen. 1985 wurde es weggesprengt. Pfarrer Manfred
Fischer erzählt von wertvollen Sakralgegenständen, die gerettet werden konnten: Glocken, Turmkreuz, die Altarrückwand und die Christus-Statue. Die Glocken lagen lange Jahre im Garten der Bartholomäus-Kirche. Die Christusstatue steht bis heute vor der Gethsemane-Kirche am Prenzlauer Berg. Bis auf die Statue sind alle Gegenstände der „Versöhnungsgemeinde im Westen“ zurückgegeben worden. Darauf ist der Pfarrer auch ein bisschen stolz.
Die Gemeindeglieder, erzählt er, hätten sich nach dem 13. August auf ganz Berlin verteilt. Grund: Die Häuser diesseits und jenseits der Mauer wurden abgerissen, die Menschen zwangsumgesiedelt. Was blieb, waren private Kontakte der auseinander gerissenen Familien.
Eine bescheidene Kapell aus Stampflehm
Nach der Wende kämpften die Christen in Versöhnung dann – für viele unverständlich – für den Erhalt der Mauer. „Wir wollten sie als Mahnmal und Gedenkstätte erhalten“, sagt Manfred Fischer. Er und sein Gemeindekirchenrat haben dafür gesorgt, dass eine neue Versöhnungskirche direkt im ehemaligen Todesstreifen gebaut wurde. Eine bescheidene Kapelle ist es geworden, gebaut aus Stampflehm.
Sonntags feiern die Christen, die heute zum Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte gehören, hier Gottesdienst. Die alten geretteten Glocken läuten wieder, Turmkreuz und Altarwand sind in die „Kapelle der Versöhnung“ integriert worden. Und jeden Tag Punkt 12 Uhr gibt es eine Andacht, in der an die Mauer-Opfer erinnert wird. „Mauergedenken und Versöhnung sind zu elementaren Aufgaben geworden“, sagt der Pfarrer. Und das sieht er als Chance für die Zukunft der Gemeinde.


