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10.08.2011
Von: Gunnar Lammert-Türk

Kirche an der Grenze


 

„Dass wir keine Alkoholvergiftung bekommen haben, ist ein Wunder“, sagt Erika Schultz. Mit Freundinnen hatte sie im Dorfladen alle Sektvorräte aufgekauft, um die privaten Bestände im Dorf ergänzt und mit seinen Bewohnern bis tief in die Nacht gefeiert. Das war im Frühjahr 1990, als der Schlagbaum abgebaut wurde, der seit dem Bau der Berliner Mauer das Dorf von seiner Umwelt abgeriegelt hatte.
Sacrow war Grenzgebiet. Wer hier wohnte, hatte einen speziellen Stempel im Ausweis, ohne den er weder raus noch rein kam. Wer nicht in Sacrow wohnte, benötigte einen Passierschein, um rein gelassen zu werden. Ob der gewährt wurde, lag bei den Behörden. Die entschieden so manches Mal gegen den Antrag.

Eine Kommandozentrale auf kirchlichem Gelände

Pfarrer Joachim Strauss, der unter anderem Sacrow betreute, besaß
einen. Aber zur Heilandskirche am Havelufer durfte er nicht. Den letzten Gottesdienst konnte die Gemeinde dort Weihnachten 1961 feiern. Sie  wurde auf dem Weg zur Kirche von Grenzern durch den Todesstreifen geführt. Auch der Schlosspark, in dem die Kirche steht, war nicht mehr zugänglich. Vom Dorf aus konnte man sie, verdeckt durch hohe Bäume, nicht sehen. Nur das Altargerät konnte gerettet werden. Es wurde in die Friedhofskapelle von Sacrow gebracht, wo fortan die Gottesdienste gefeiert wurden.

Ein kleine Idyll

Die übrige Gemeindearbeit fand in Potsdam in der Pfingstgemeinde statt. Die Sacrower Christen fanden hier ein kleines Idyll vor. Die Backsteinbauten der Kirche und der übrigen Gemeindehäuser der Pfingstgemeinde sind umgeben von einem weitläufigen verwunschenen Garten, in den man eintauchen und das Umfeld vergessen kann. Leicht wird auch das nicht immer gewesen sein. Unmittelbar neben dem Garten der Pfingstgemeinde hatte der sowjetische Geheimdienst KGB 1945 auf kirchlichem Gelände seine Kommandozentrale für Deutschland und ein Gefängnis eingerichtet. Gleich um die Ecke wurden Todesurteile und die Verschickung in die gefürchteten Lager des Gulag beschlossen.
Heute befindet sich auf diesem Gelände die 1998 eingerichtete evangelische Grundschule, die erste, die nach dem Ende der DDR im Land Brandenburg gegründet wurde. Auch die Heilandskirche ist wieder zugänglich und der einst von den Grenzern zerstörte Innenraum wieder hergestellt. Die Sacrower genießen es, in der unter Friedrich Wilhelm IV. erbauten Kirche alle 14 Tage Gottesdienst zu feiern.

Eine gewisse DDR-Kuscheligkeit

Für die Pfingstgemeinde, zu der die Sacrower evangelischen Christen nach wie vor gehören, ist es nicht einfach, das kirchliche Leben in Sacrow aufrechtzuerhalten. Jochen Schalinski, dessen Vater Pfarrer der Pfingstgemeinde war, drückt es so aus: „Eine Kirche ohne eigentliche Gemeinde ist schwierig.“ Die Zahl der Christen in Sacrow ist gering. Die Heilandskirche ist vor allem ein beliebter Ausflugsort, in dem gern geheiratet oder ein schönes Konzert besucht wird. Das zu betreuen, ist ein gewisser Luxus.
Ihren Schwerpunkt sieht die Pfingstgemeinde in der Arbeit mit Kindern und Familien. Sie ist eine recht junge Gemeinde, die seit der Wende ständig gewachsen ist. Das Gemeindegebiet ist sehr groß, die Zahl der Mitarbeiter dafür gering. Da macht es sich bezahlt, dass neben dem Pfarrer schon immer viele andere das Gemeindeleben mitgestaltet haben. Diese Selbstständigkeit hat sich in der DDR-Zeit entwickelt. Und etwas sehr Familiäres, wohl auch, um den Zusammenhalt in der schwierigen Umwelt zu wahren.
Hanna-Luise Zscherpel, Mitglied im Gemeindekirchenrat, die im Konfirmandenalter zur Gemeinde gekommen ist, meint, dass „eine gewisse DDR-Kuscheligkeit“ entstanden ist, die es neu Hinzugekommenen, vor allem den Familien aus den alten Bundesländern, nicht immer leicht macht, Kontakt herzustellen. Aber die Offenheit wächst und auch der Austausch ist rege.
Was die Heilandskirche in Sacrow anlangt, so sieht Hanna-Luise Zscherpel einen Schwerpunkt darin, dafür zu sorgen, wie sie scherzhaft sagt, „die Balance zwischen geiler Location und geistlichem Ort zu wahren“.  Ein Anliegen, dem auch Erika Schultz zustimmen würde. Für beide ist es eine Freude, das die Kirchen und die Kirchengelände wieder frei zugänglich und nutzbar sind.

Im Internet

Veranstaltungen:12. August,
13 Uhr: Zentrale Gedenkveranstaltung der Landesregierung und des Landtages Brandenburg anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus in der Heilandskirche in Sacrow. Begrüßung durch OKR Martin Vogel, Länderbauftragter EKBO

13. August, 11.30 Uhr: Andacht zum Mauergedenken mit Super-
intendent Joachim Zehner, St. Nikolai-Kirche, Am Alten Markt,
Potsdam

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