Von: Andrea von Fournier
Wie Feuer in der Tasche
Demnächst steht uns Deutschen ein unrühmliches Jubiläum ins Haus: Der 50. Jahrestag des Berliner Mauerbaus. In Berlin nimmt sich der Verein „KulturRaum Zwinglikirche“ um Professor Martin Wiebel der Thematik im Kirchenbau an der Oberbaumbrücke an. Bis in den September hinein lädt das Zeitzeugenprojekt „An einem Sonntag im August“ zu einer Ausstellung, zu Lesungen, Konzerten, Kino und Gesprächen ein.
Im Mittelpunkt stehen Erinnerungen von Berlinern, deren Familien von heute auf morgen getrennt und Arbeitsplätze und Freunde unerreichbar wurden. Sie geben in Wort und Bild mittels Audio- oder Videoträgern Auskunft – wie Eberhard und Gisela Iskraut, die in dem Verein schon einmal als Zeitzeugen auftraten.
Der umgekehrte Fall
„Vor zwei Jahren fiel uns auf, dass meist Geschichten der Menschen, die in den Westen geflüchtet sind, Thema der Betrachtung sind“, erinnert sich Gisela Iskraut. Doch es gab auch den umgekehrten Weg, wie in ihrem Fall. Beide Iskrauts sind im heute polnischen Teil von Frankfurt/Oder geboren. Die Kriegswirren verschlugen seine Familie nach Potsdam-Babelsberg, sie landete in Detmold. Über Giselas Bruder lernten sich die beiden kennen und lieben. Ein Problem stand im Raum: Würde Gisela zu ihm in den Osten ziehen? Denn er wollte als Pfarrer in der DDR tätig sein. Im Herbst 1960 verlobten sich die beiden. Reger Briefwechsel überbrückte die räumliche Trennung. Außerdem beantragte Eberhard mehrfach Aufenthaltsgenehmigungen für ihre Besuche. Eine dieser Genehmigungen galt auch über den 13. August 1961, als Gisela bei der Familie ihres Verlobten war. An diesem heißen Sonntag ging Gisela mit Eberhards Eltern zum Gottesdienst in die Babelsberger Friedrichskirche. Zur gleichen Zeit hatte ihr Verlobter einen Vertretungsgottesdienst in Wilhelmshorst zu halten, mit dem er sich auf sein Examen vorbereitete. „Unterwegs hatte man mir ein Flugblatt in die Hand gedrückt, in dem Westberliner Kopfjäger angeprangert wurden, DDR-Bürger in den Westen abgeworben zu haben, weshalb seit Mitternacht die Grenzen geschlossen seien“, so Eberhard Iskraut.
Sollte die Mauer ein Strohfeuer oder endgültig sein?
Er war verwirrt, und das Blatt muss auf dem Weg in die Kirche wie Feuer in seiner Tasche gebrannt haben: Sollte er, der Student, in seiner Predigt etwas dazu sagen? Er wusste ja nicht, wie die Menschen reagieren würden. Er sagte nichts, doch am Mittagstisch bei Iskrauts gab es kein anderes Thema. Nun musste sich das Paar entscheiden: Schnell zusammen oder womöglich nie? Überall wurde diskutiert, ob die Mauer ein Strohfeuer sei oder endgültig. Es gab Truppenbewegungen an der Grenze und alles wirkte unheimlich und bedrückend auf die Liebenden. Bei ihren Besuchen im Osten hatte Gisela im Raum der Kirche herzliche Menschen kennen gelernt, mit denen offen geredet werden konnte. Das machte ihr Mut und bestärkte sie in ihrem Entschluss, Eberhard bald zu heiraten.
Gisela hat ihren Grenzübertritt nie bereut
Als Lehrerin brachte sie ihre Klasse in Detmold bis ans Schuljahresende, während Eberhard alles für die Übersiedlung seiner Verlobten vorbereitete. Die machte rasch den Führerschein, ihre Kirche gab Geld für einen gebrauchten VW Käfer, und im Juli 1962 stand sie mit vollgeladenem Auto am Berliner Grenzübergang Heine-Straße. Es folgten eine Nacht im Polizeipräsidium in der Keibelstraße und acht Tage im Lager Blankenfelde im Norden Berlins.
Am 11. August 1962 wurde in Babelsberg geheiratet. Drei Kinder zog das Paar groß. Iskrauts hatten trotz mancher politischer Schwierigkeiten glückliche Jahre in ihren Pfarrstellen in Trebbin, Letschin und schließlich in Berlin-Johannisthal. Gisela hat ihren Grenzübertritt nie bereut, auch weil die große Familie, Freunde und Verwandte in Ost und West immer zu ihr standen. Der 9. November 1989 wurde für die beiden ein riesengroßes Geschenk.
Die Ausstellung, in der weitere Zeitzeugen berichten, ist bis zum
11. September von Donnerstag bis Sonntag, 16 bis 19 Uhr, in der Zwinglikirche, Rudolfstraße 14, Berlin-Friedrichshain zu besichtigen. Alle Veranstaltungen unter www.kulturraum-zwinglikirche.de



