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03.08.2011
Von: Susanna Hoke

Sterne am Himmel


Das Gemeindehaus „Schalom“ ist reparaturbedürftig. Es steht zum Verkauf.

 

Die Sankt-Michael-Kirche von Ludwigsfelde passt eigentlich eher aufs Land als in diese Industriestadt. Wie eine Dorfkirche sieht sie aus, aber die Plattenbauten sind nicht weit und durch die Bäume dringt Autobahnlärm. Ihre Geschichte ist kaum ohne die Geschichte des Flugzeugmotorenwerkes und der späteren Automobilwerke zu erzählen. In den 1950er Jahren zogen immer mehr Facharbeiter in den Vorort südlich von Berlin, dort entwickelte sich eine aktive Gemeinde und setzte einen der wenigen Kirchneubauten in der DDR durch.
„Von Anfang an zeichneten sich die Spannungen zwischen Staat und Kirche ab“, sagt Pfarrer Bernd Dechant. Der 55-Jährige stammt aus Waren (Müritz), und auch wenn er erst seit 13 Jahren in Ludwigsfelde wirkt, kennt er die Entwicklung seiner Gemeinde. Ein Gotteshaus mitten in der schnell wachsenden sozialistischen Arbeiterstadt schien anfangs undenkbar. Wie groß das Bedürfnis nach dem christlichen Bekenntnis gegenüber einer atheistischen Öffentlichkeit war, zeigte allerdings die Einweihung 1955: Weil die 200 Plätze nicht ausreichten, wurde der Gottesdienst über Lautsprecher nach draußen übertragen.

Baracke muss abgerissen werden

Heute prosperieren mit den Gewerbeparks auch die Glaubensgemeinschaften: Es gibt ein katholisches Pfarramt, die Neuapostolische Kirche und die Adventisten. Die evangelische Sankt-Michael-Gemeinde braucht dringend moderne Räume: Das reparaturbedürftige Gemeindehaus „Schalom“ im Neubaugebiet steht zum Verkauf. Und der Zweckbau neben der Kirche platzt bei Chorproben oder Feiern aus allen Nähten. Bis es den gab, trafen sich die Gläubigen zur Bibelstunde im Keller des Pfarrhauses oder reihum in ihren Wohnungen. Nun soll die Baracke abgerissen und durch ein Begegnungszentrum mit Platz für 100 Gäste ersetzt werden. Die Gemeindeglieder haben sich für ein offenes Haus mit großer Glasfront entschieden. „Der Entwurf orientiert sich gestalterisch an der Kirche und zeigt, dass hier Leben ist“, sagt Pfarrer Dechant.
Benannt ist die Gemeinde nach dem Erzengel Michael, dem Drachentöter. Manche sprachen bei ihrer Gründung vom „Kampf gegen eine entkirchlichte Stadt“. Die Kreuzigungsszene am Flügelaltar zeigt einen römischen Soldaten mit Stahlhelm. Einigen war das eine zu moderne Interpretation der Heilsgeschichte. Dechant hingegen findet, die Gestaltung vergegenwärtige das Leiden in der Welt, und berichtet vom Hilfsfonds, der voriges Jahr den Erdbebenopfern von Haiti zugute kam. Der Pfarrer diskutiert gern: „Vor allem die jungen Leute stellen Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod, wollen wissen, warum sich selbst Christen nicht immer an christliche Werte halten.“

Gegenbesuche an den Rhein sind jetzt möglich

Die Gemeinde hat rund 1600 Mitglieder. „Wir kümmern uns intensiv um den Nachwuchs und erreichen dadurch die Eltern“, erzählt Dechant. Mit „wir“ meint er auch seine Frau, die Kantorin Kathrin Hallmann. Die beiden haben der Kinder- und Jugendarbeit neue Impulse gegeben, organisieren Konfirmandenfreizeiten, Glaubenskurse und Eltern-Kind-Kreise mit „Spatzenmusik“. Es gibt die „Kirchenmäuse“, den Jugendchor, den Flötenkreis und Kindersingwochen zum Ende der Sommerferien. Dieses Jahr fahren die Zweit- bis Sechstklässler auf den Schwarzenshof bei Rudolstadt in Thüringen und studieren mit vielen anderen Mädchen und Jungen das Musical über den Traumdeuter „Joseph“ ein. Da erleben sie, wie es ist, in einem großen Chor zu singen.

Feierliche Gottesdienste

Viel Wert auf Musikalität legte die Gemeinde schon zu DDR-Zeiten und schloss eine Partnerschaft mit einem Kirchenchor aus Baden-Württemberg. Während zuvor nicht einmal gemeinsame Konzerte in Ludwigsfelde öffentlich gemacht werden durften und man einer Lehrerin sogar verbot, den Chor zu leiten, sind seit dem Mauerfall endlich Gegenbesuche am Rhein möglich.
„Es hat lange gedauert, aber jetzt ist unsere Kirche da angekommen, wo sie in den Dörfern auch optisch präsent ist – mitten im Leben des Gemeinwesens“, sagt Bernd Dechant. Rathaus, Musikschule und Gymnasium sind nicht weit, an mehreren Schulen wird Religion unterrichtet. Ende Mai hat er 13 „neue Sterne am Gemeindehimmel“ konfirmiert. Die Zahlen der Kinder in der Christenlehre gehen zwar zurück, aber die wenigen Kirchenaustritte werden durch Wiedereintritte und Zuzüge ausgeglichen. Vielleicht liegt das auch an seinen Gottesdiensten, die besonders feierlich sind: Gekleidet in ein weißes Leinengewand, die Albe, und eine rote Stola, orientiert sich der evangelische Pfarrer an der hochkirchlichen Bewegung, mit Bezug auf katholische Traditionen. „Die Menschen lieben das“, ist sich Dechant sicher.

 

 

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