Von: Susanna Hoke
Kirchengeschichte in sieben Episoden
Die eigene Geschichte ehrlich aufzuarbeiten, das hatte sich die Gemeinde der Niederschönhausener Friedenskirche in Pankow vorgenommen. Zu sehen ist das Ergebnis nun in der Ausstellung „140 Jahre Friedenskirche“. Die Schautafeln zeigen die Geschichte der Gemeinde anhand der Biografien ihrer Pfarrer – und dabei werden auch unrühmliche Kapitel nicht ausgespart.
Da ist zum Beispiel Frank
Rudolph. Die Jugendlichen mochten ihn, vor allem die kritisch Denkenden. Was sie nicht ahnten:
Rudolph war in der DDR Stasi-Spitzel und missbrauchte ihr Vertrauen. Sören Marotz, einer der Ausstellungsmacher, bringt es auf den Punkt: „Er hat Leute ans Messer geliefert.“ Leute wie Matthias Storck und seine Verlobte Tine. Mit Anfang zwanzig kamen die beiden ins Gefängnis, wegen Landesverrats und versuchter Republikflucht.
Mit der dunklen Vergangenheit umgehen
Unter den Porträtierten ist auch der rassistisch denkende Gemeindehelfer Reinhold Krause. Als Gauobmann der Deutschen Christen rief er 1933 vor 22000 Zuhörern im Berliner Sportpalast zur „Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst“ auf. „Auf diese Episoden unserer Geschichte können wir nicht stolz sein, aber wir benennen sie“, betont Marotz bei der
Vernissage Pfingstmontag.
Die Idee zu der Schau im Gemeindesaal stammt von Pfarrer Karsten Minkner. „Wir haben soviel Archivmaterial, es muss nur gesichtet werden“, dachte er sich und startete einen Aufruf, woraufhin sich eine Gruppe aus der Gemeinde zusammenfand. Die Frauen und Männer durchforsteten alte Fotokästen und Ordner. „Sehr spannend war das“, sagt Marotz. Nach vielen Diskussionen entschieden sie sich, die Geschichte anhand von sieben Episoden zu erzählen.
„Auch wer schon seit vielen Jahren in Niederschönhausen lebt, entdeckt noch Neues und Überraschendes“, verspricht der 38-jährige Technikhistoriker. Beispiele aus der jüngeren Zeit sind die von Pfarrer Gerhard Rosenau, der ab Dezember 1989 am Runden Tisch Pankow saß, und Richard Gramse, der sich ebenfalls politisch engagierte. Sein plötzlicher Tod 2007 ging vielen nahe. Er hätte noch von den 70er und 80er Jahren erzählen können, von einer Zeit, aus der es kaum Aufzeichnungen im Archiv gibt. Um nicht abgehört zu werden, besprachen die Geistlichen wichtige Angelegenheiten lieber beim Spaziergang im Schlosspark. Jede Notiz hätte als staatsfeindlich gelten können.
Über die Landesgrenzen bekannt wurde die Friedenskirche durch ihre musikalischen Ensembles – mit derzeit rund 250 Sängern und Instrumentalisten. Was Konrad Winkler ab 1976 aufgebaut hatte, führt die Kantorin Cornelia Ewald seit ein paar Jahren weiter. Mit der Jugendkantorei fuhr Winkler in die weite Welt, spielte in schwedischen Rittersälen, französischen Kathedralen, Schweizer Kirchen. Aber auch der Konzertchor mit rund 120 Sängern hat sich einen Namen gemacht. Zum Repertoire gehören Messen und Oratorien von Bach, Haydn, Mozart, Brahms und Beethoven, aber auch Wiederentdeckungen vergessener Werke. Der Kirchenchor studiert gregorianische Choräle, Motetten und Kantaten ein, die Kinderchöre führen Singspiele und Musicals auf. Nicht zu vergessen der Bläserchor, der seit mehr als 60 Jahren geistliche und weltliche Musik zu Gehör bringt. Weil er die Förderung von Kirchenmusik so schön mit Jugendarbeit zu verbinden wusste, erhielt Winkler 1996 das Bundesverdienstkreuz und trägt seit 2002 den Ehrentitel Kirchenmusikdirektor.
Auch zur Festwoche können Besucher wieder dem Gesang der Solisten und Ensembles lauschen. Mit Stuck und Malerei reich verziert und einem Sternenhimmel über dem Altar sind die alten Mauern heute noch so schön wie vor 140 Jahren. Die Friedenskirche wurde am 7. Juli 1871 eingeweiht, der heutige Ossietzkyplatz hieß damals noch Friedensplatz. König Friedrich Wilhelm IV. persönlich soll den Entwurf für den Neoromanik-Bau skizziert haben. Eine Dorfkirche gab es dort schon im Mittelalter, aber sie war baufällig und diente nur noch als Steinlieferant. Der Bau der neuen Friedenskirche war sicher auch dank großzügiger Spenden der gutsituierten, bürgerlichen Anwohnerschaft in der Nähe des Schlosses Niederschönhausen möglich. Immer mehr Bankiers, Kaufleute, Juristen zogen mit ihren Familien in eine Villa am Stadtrand – auf der Flucht vor der stinkenden Stadt und auf der Suche nach Idylle und Erholung.
Wachsendes Interesse an Glaubensfragen
Und im Grunde ist es heute noch ähnlich, vor allem bei Akademikern ist die Gegend beliebt. „Die Gegend ist stark bürgerlich geprägt, die Familien wollen raus ins Grüne“, so Minkner, selbst vierfacher Vater. Seit der Wende wuchs die Gemeinde von 2300 auf 3500 Glieder. Die wollen sich heute aber nicht nur erholen, sondern mischen sich ein: So stammen die Gründer der Evangelischen Schule Pankow aus der Friedenskirche, Zuzügler wie Alteingesessene gleichermaßen. „Ostbiographien spielen nur noch in der Seniorenarbeit eine Rolle“, sagt Minkner, gebürtiger Reinickendorfer. Wie schon sein Vorgänger öffnet er das Gemeindehaus und den Jugendkeller für Konfessionslose. „Ich frage nicht nach, ob jemand getauft ist.“ Über das wachsende Interesse an Glaubensfragen freut er sich dennoch, derzeit besuchen vier Erwachsene den Taufunterricht. Das Potential ist da – vor 100 Jahren zählte die Gemeinde noch 15700 Seelen.



