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25.07.2012
Von: Gunnar Lammert-Türk

Mit vier Kindern auf der Flucht


Familie Amajewa ist glücklich. Zusammen mit ihren Helfern feiert sie, dass sie vor der Abschiebung bewahrt blieb. Foto: Gunnar Lammert-Türk

 

Freude und Erleichterung  herrscht im Gemeindehaus Kreuz. Knapp sechs Monate, nachdem die 39-jährige Khawa Amajewa aus Tschetschenien mit ihren vier Kindern in der Evangelischen Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) in Obhut genommen worden war, kam Mitte vergangener Woche die erlösende Nachricht: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat entschieden, dass die Familie von der Zurückführung nach Polen verschont bleibt. Grund genug am vergangenen Freitag für einen Dankgottesdienst und ein Gemeindefest.
Aus ihrem kleinen tschetschenischen Dorf war die Mutter mit ihren zwei Töchtern und zwei Söhnen aus Furcht vor Verfolgung durch die russlandtreuen Machthaber in ihrem Land zunächst nach Polen geflohen. Sie wollten weiter nach Deutschland, denn es machten Gerüchte die Runde, dass tschetschenische Flüchtlinge in Polen entführt und zurück nach Russland gebracht würden. Auch fürchteten sie sich vor Übergriffen von Seiten polnischer Nationalisten. Doch bei ihrem Versuch, Ende vergangenen Jahres über die Oder zu gelangen, wurden sie vom deutschen Grenzschutz gefasst und sofort in die Abschiebehaftanstalt in Eisenhüttenstadt gebracht. Nach dem sogenannten Dublin-II-Verfahren ist es Flüchtlingen nicht gestattet, über sichere Drittstaaten in die Bundesrepublik einzureisen und hier Asyl zu beantragen.

„Wir waren mit den Nerven am Ende“

„Wir hatten große Angst und waren mit den Nerven am Ende, denn die Polizei wollte uns wieder nach Polen zurückbringen“, sagt die 18-jährige Malika etwas zaghaft, doch in recht gutem Deutsch. Aufgrund ihrer psychischen Erschöpfung musste sie mit ihrer Mutter im Februar sogar im Krankenhaus von Eisenhüttenstadt behandelt werden. Malika hatte in der Schule Deutsch gelernt. Dolmetscherin wollte die stille junge Frau werden. Doch daraus wurde nun erst einmal nichts. Auf die Flucht hat sich die Mutter allein mit ihr und ihren Geschwistern gemacht. „Mein Mann leidet unter Depressionen, wir mussten ihn zu Hause zurücklassen“, sagt Khawa Amajewa, übersetzt von einer Dolmetscherin Kirchenasyl war die letzte Möglichkeit, die tschetschenischen Flüchtlinge noch vor der Abschiebung zu bewahren. Joachim Runge, Flüchtlingsberater vom Diakonischen Werk Niederlausitz, vermittelte den Kontakt zur Pfarrerin der Frankfurter Kirchengemeinde, Katharina Falkenhagen. Die ganze Zeit über rang die evangelische Theologin mit der Frankfurter Bundespolizei-Inspektion, damit ihre Schützlinge nicht abgeschoben werden. Das erforderte zweifelsohne auch diplomatisches Geschick. „Ich habe immer versucht, eine Atmosphäre herzustellen, in der niemand sein Gesicht verliert“, sagt sie. Sicher habe auch der verständnisvolle Leiter der Inspektion, Wilhelm Borgert, ein praktizierender Katholik, sein Scherflein dazu beigetragen, dass die Flüchtlinge nun bleiben dürfen.

Erste Schritte

In der Zeit des Kirchenasyls habe die ganze Gemeinde hinter ihr gestanden, erzählt die engagierte Pfarrerin weiter. Viele Gemeindeglieder hätten durch Spenden dafür gesorgt, dass die Flüchtlingsfamilie ihr Auskommen hatte.
Sie habe schon gute Bekannte gefunden, sagt Malika. „Freunde noch nicht, das braucht Zeit.“ Doch sie möge Frankfurt und die Menschen hier. Zu denen, die den Flüchtlingen die ersten Schritte in der Stadt erleichtert haben, gehört auch der Karatelehrer Frank Herrmann. Er trainiert Malika und ihre 14-jährigen Zwillingsbrüder Ahmed und Mahmed, die sich mittlerweile mit den deutschen Kindern beim Sport schon gut verstehen. Jetzt, da die Familie ganz offiziell einen Asylantrag stellen kann, wird sie auch in den Genuss der gerade beschlossenen Erhöhung des Regelsatzes für Asylbewerber kommen. „Ich finde die Angleichung der Unterstützung für Asylbewerber an den Hartz IV-Regelsatz sehr angemessen“, sagt Pfarrerin Falkenhagen. Freilich, fügt sie hinzu, entstünden daraus für die Kommunen und so auch für die Stadt Frankfurt, in der sie lebt, auch Kosten, die nicht so leicht zu tragen seien.

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