Von: Andreas Fincke
Ein Mormone als Präsident?
Wenn im Spätherbst in den USA ein neuer Präsident gewählt wird, dürfte der Herausforderer von Präsident Obama mit größter Wahrscheinlichkeit Mitt Romney heißen. Der superreiche Millionär ist Politiker der Republikanischen Partei und – Mormone. In den USA sind die Mormonen seit vielen Jahren die am schnellsten wachsende Glaubensgemeinschaft. Ihr Einfluss ist gewaltig. Oder besser: gewaltig diskret. Doch zeigt allein die Bewerbung um den mächtigsten Posten der Welt, dass die Mormonen in die erste Reihe drängen. Dabei ist diese Glaubensgemeinschaft, die offiziell „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ heißt, keine 200 Jahre alt.
Die Gemeinschaft geht auf den Farmer Joseph Smith (1805–1844) zurück. Smith will auf geheimnisvollen Wegen in den Besitz von Texten gelangt sein, die er 1830 erstmals unter dem Titel „Das Buch Mormon. Ein weiterer Zeuge für Jesus Christus“ herausgegeben hat. Ab diesem Zeitpunkt sammelte Smith seine – bald zahlreichen – Anhänger um sich. Zunehmend zeichneten sich erste Konflikte ab: Wie umgehen mit den seltsamen Offenbarungen? So entstanden zahlreiche Untergruppen und Abspaltungen, mit denen die „Heiligen der Letzten Tage“ nichts zu tun haben möchten.
Bescheidene Erfolge in Deutschland
Das organisatorische und spirituelle Zentrum der Gemeinschaft befindet sich seit 1847 in Salt Lake City. Nicht nur in den USA, auch weltweit wachsen die Mormonen enorm. Heute dürften sich etwa 13 Millionen Menschen zu den Mormonen rechnen. In Deutschland leben etwa 36000 Mitglieder und es gibt hierzulande rund 700 Missionare, die ständig unterwegs sind, um Menschen für den Glauben der Mormonen zu werben. Die Missionserfolge sind bei uns allerdings bescheiden. Nur selten kann man Missionare, die in Berlin oder Brandenburg unterwegs sind, in ein offenes Gespräch verwickeln. Dann erzählen sie, wie fremd sie sich in unserer gottfernen Gegend fühlen. Viele der eingeübten Gesprächsimpulse funktionieren hier nicht, weil Menschen für die Frage nach Gott oft nur ein Achselzucken übrig haben. Was jedoch auch bei uns recht gut angenommen wird, das ist der Englischunterricht, den Missionare manchmal anbieten. Er ist zwar kostenlos – aber sie verfolgen damit missionarische Absichten.
„Siegelungen“ im Mormonentempel
In Berlin-Tiergarten haben die Mormonen ein großes Gemeindezentrum in bester Lage: Unweit der CDU-Parteizentrale hört man jeden Sonntagvormittag ein buntes Gewimmel vieler Sprachen. Hier treffen sich Mormonen aus aller Welt zum Gottesdienst. Dass ihr Gemeindezentrum mal in so attraktiver Lage liegen wird, war 1961 noch nicht abzusehen. Damals kaufte die Gemeinschaft das Areal im Schatten von Mauer und Tiergarten, um auch jene amerikanischen Soldaten zu betreuen, die Mormonen waren. Auch heute sind Mormonen in der Uniform amerikanischer Soldaten weltweit im Einsatz. Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ schickt jedes Jahr mehr als 500000 Missionare um die Welt, die zumeist aus diesem Grund ihr Studium unterbrechen und für zwei Jahre in fremde Länder gehen.
Kern des Glaubens der Mormonen ist die Vorstellung, dass der Mensch die Möglichkeit zu einer gewaltigen Entwicklung verliehen bekommen hat und selbst wie Gott werden kann, nachdem er sein Erdendasein durchlaufen hat. Da für die Glaubenswelt der Mormonen viele alttestamentliche Bezüge eine Rolle spielen, haben bestimmte Rituale, mit denen man zum Teil an die Praxis im salomonischen Tempel anzuknüpfen glaubt, große Bedeutung. Dazu gehört zum Beispiel ein geheimnisvolles Einführungs- oder Initiationsritual (das sogenannte Endowment), die „Siegelungen“ für die Ewigkeit (zum Beispiel von Eheleuten und Kindern an ihre Eltern) und eine spezielle Taufe.
Diese Rituale können nur im Mormonen-Tempel vollzogen werden. Weltweit gibt es derzeit 136 solcher Häuser, in Deutschland zwei: in Friedrichsdorf (Hessen) und Freiberg (Sachsen). Außenstehenden ist der Zugang zum Tempel verwehrt.
Da nach mormonischer Überzeugung die Familienbindungen über den Tod hinausgehen, gehört es zu den religiösen Pflichten des Gläubigen, seine Vorfahren aufzuspüren, damit ihnen in Stellvertretung nachträglich die heilsnotwendige Taufe gespendet werden kann. Mit dieser stellvertretenden Taufe und auch mit nachträglichen Siegelungen haben die Toten Teil am allein rettenden mormonischen Glauben und an der Heilsgemeinde. So, ausschließlich so, bekommen sie den Weg zur höchsten Stufe der Seligkeit geebnet. Dies ist der eigentliche Grund für die Ahnenforschung, welche die Mormonen mit außerordentlichem Aufwand betreiben.
Wie unschwer zu erkennen, haben die Mormonen ein exklusives Heilsverständnis. An ökumenischen Kontakten besteht kaum Interesse. Ihre Lehre ist – trotz vielfältiger Bezugnahmen auf Jesus Christus – mit biblisch-christlicher Theologie nicht vereinbar. Aus Sicht der ökumenischen Kirchen sind die Mormonen keine christliche Kirche, sondern eine neue Religion.
Religion im Wahlkampf
Dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney Mormone ist, wurde immer wieder zum US-Wahlkampfthema. Denn Romney ist nicht nur „stilles“ Mitglied wie viele unserer Kirchenmitglieder, sondern er war in Frankreich als Mormonen-Missionar tätig und später hatte er die Funktion eines Bischofs seiner Glaubensgemeinschaft inne. Die Mormonen vertreten ein konservativ-bürgerliches Weltbild. Das lässt sich politisch leicht zusammenfassen: Harte Arbeit, Familie und Glaube sind die Grundpfeiler der Religion und auch der amerikanischen Gesellschaft.
Zwar hat Romney immer wieder versucht, seinen Glauben aus dem Wahlkampf herauszuhalten, aber in vielen seiner politischen Positionen wird sein religiös-konservativer Hintergrund sichtbar. So wundert es nicht, dass er sich beispielsweise klar gegen die Homoehe positioniert – zumal er sich damit gleich noch bei evangelikalen Christen beliebt macht. Deren Stimmen dürfte er brauchen. Aber viele zögern noch, weil ein Mormone eben kein „richtiger“ Christ ist. Entschiedene Unterstützung erfährt Romney jedoch von seinen Glaubensbrüdern in den USA. Tatsächlich sind die Mormonen Romneys treueste Wahlhelfer. Sie dürften im Herbst zahlreich zur Wahl gehen und „ihren“ Kandidaten unterstützen. Wie auch immer die Wahl ausgeht: Auf die Politik der USA hat die Religion des Präsidenten kaum Einfluss.<
Andreas Fincke ist Pfarrer in Bötzow.



