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13.06.2012
Von: Gunnar Lammert-Türk

Verzweifelter Judas


Lucas Reiper (König Herodes), Lara Kilian (Herodes Sekretärin), Matthias Hlebaroff (Jesus), Maya Forster (Maria Magdalena), Joachim Krätschell (Kaiphas), Tristano Pala (Judas) – (von links) Foto: Gunnar Lammert-Türk

 

„Viele Gemeindeglieder haben gesagt: Sie hätten nicht gedacht, dass ich so böse sein kann“, bemerkt Joachim Krätschell schmunzelnd. Der Pfarrer hat gerade Kaiphas gespielt, den Hohepriester, der darauf drängt, dass Jesus verurteilt wird. In schwarzem Anzug, das Gesicht hinter einer Sonnenbrille verborgen, hat er seine Intrigen gesponnen, mit Bassstimme Anweisungen erteilt, von der obersten Plattform eines Baugerüstes. Das Gerüst war Teil des Bühnenaufbaus für die Inszenierung der Rockoper „Jesus Christ Superstar“, das vom 7. bis 9. Juni in der Hochmeisterkirche aufgeführt wurde. Die Hauptperson dieses modernen Passionsspiels ist der gemeinhin als Verräter angesehene Judas Iskariot, der hier eine Art Sozialrevolutionär ist, der an Jesus verzweifelt. Grandios gespielt und gesungen wurde er von Tristano Pala. Der in Berlin lebende junge Italiener ist Sänger und Flötist zweier Rockbands. Die Rolle des Jesus übernahm Matthias Hlebaroff, auch Rockmusiker, der zugleich E-Gitarre spielte. Für das Projekt gewonnen hat sie Christian Hagitte, der die musikalische Leitung inne hatte. Der Kantor, Komponist und Musikproduzent hatte länger schon davon geträumt, den Geniestreich des zur Entstehungszeit erst 22 Jahre alten Andrew Lloyd Webber aufzuführen. Etwa in diesem Alter waren die meisten Solosänger, die in einem Casting bei ihm vorsingen mussten. Geworben für die Teilnahme wurde nicht nur im Freundeskreis und im Umfeld der Kirchengemeinde, auch an der Universität der Künste. Christian Hagitte sorgte neben der Auswahl der Sänger für die Zusammenstellung der Begleitband und des Orchesters. Hinzu kamen Mitglieder des von ihm betreuten Jugendchores aus dem Kirchenkreis Berlin-Wilmersdorf.

Wie wird aus Verehrern ein schäumender Mob?

Sabine Maaß, sie leitet das Amt für Jugendarbeit im Kirchenkreis Berlin-Wilmersdorf, übernahm die Inszenierung. Ihre Arbeitsweise beschreibt sie so: „Ich hab die Basisideen und hole Leute dazu, die sie mit ihren Einfällen umsetzen können.“ So fand sich unter ihrer Leitung ein Regieteam zusammen, dem neben ihr fünf junge Darsteller, Sänger und Tänzer angehörten. Sabine Maaß hat die Frage bewegt, wie aus der Jesus verehrenden Menge mit ihren Hosianna-Rufen der schäumende Mob wird, der „Crucify him, crucify him!“ – kreuzigt ihn – schreit. Die Inszenierung bereitet diesen Wechsel in einer Szene eindrücklich vor. Eine Schar Kranker, Deklassierter, vom Leben Enttäuschter bedrängt Jesus, verlangt Heilung, Trost, Rettung. Sie zerren ihn zu Boden, zerfetzen sein Gewand, ihr Drängen schlägt in Brutalität um. Es ist das Umschlagen einer Erwartung, einer Vorstellung von Hilfe und Zuwendung in Enttäuschung, die sich an dem rächt, der sie erfüllen soll. In dieser Spannung bewegen sich die Menschen und die Christen noch heute. Die Verzweiflung des Judas, der den Sturz des alten Regimes will und Jesu Leidensbereitschaft nicht versteht und auch die Ratlosigkeit der von seiner Zuwendung berührten Prostituierten Maria Magdalena sind uns nicht fremd. Ihr „I don’t know how to love him“, der großartige Gethsemane-Song von Jesus, die Spott-Nummer des Herodes, Pilatus’ Zynismus, die Wehmut des Petrus und die flehend-fluchenden Gesänge von Judas – das alles haben die jungen Sänger und Darsteller in hoher Qualität, kraftvoll, frisch und ergreifend in einer prall gefüllten Kirche vor jeweils gut 300 Menschen aufgeführt, die es ihnen mit lang anhaltendem Applaus dankten. Pfarrer Krätschell freut sich darüber und stellt fest: „Mit solchen Projekten holen wir die Leute wieder in die Kirche. Sie sind niedrigschwellig, aber trotzdem inhaltsvoll.“

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