Von: Uli Schulte-Döinghaus
Aussicht auf Umkehr

Gefängnisseelsorger Klaus Ruch (von links nach rechts), Pfarrer Manfred Lösch, Diplom Politologe Burkhard Kind, Rechtsanwalt Hans-Joachim Hensel (vorn) und Regierungs- direktor Uwe Meyer-Odewald. Foto: Uli Schulte-Döinghaus
Den Sonntagmittag müssen Sie sich unbedingt freihalten – aus mindestens zwei Gründen. Erstens spielen um 12 Uhr die Otto-Sinfoniker in der St.-Matthäus-Kirche im Kulturforum Tiergarten Werke von Rachmaninoff und Schostakowitsch und zweitens tun sie das im Rahmen eines Benefiz-Konzerts zugunsten des Vereins „Kirche im Gefängnis e.V.“. Das Geld, das dem Verein an diesem Tage (hoffentlich) vieltausendeurofach zufließen wird, ist wirklich gut angelegt. Warum? Das illustriert der Gefängnisseelsorger Klaus Ruch an zwei Geschichten, die er erlebt hat. Die erste Geschichte handelt von einem Gefangenen, der im Gefängnis etwas aus seiner handwerklichen Begabung machte. Vielleicht aus Langeweile, vielleicht aus Neugier besuchte er während der Haft eine Bibelgruppe und blieb dabei. Das tat ihm gut. Nach der Haft fand er die Liebe seines Lebens und ist heute Chef einer gutgehenden Vier-Mitarbeiter-Fertigung für Ladenmöbel irgendwo im Mecklenburgischen. Die andere Geschichte ist vor lauter Alltäglichkeit weniger spektakulär, erzählt aber viel vom Ansehen, das Gefängnisseelsorger genießen. „Hallo, Herr Pfarrer!“, habe ihm neulich ein Passant im U-Bahnhof vernehmlich zugerufen und sich für den Beistand bedankt, „damals im Knast“.
Selbstverständlich gebe es immer wieder solche Lebensgeschichten von Gefangenen, die gut ausgehen, sagt Manfred Lösch, der lange Gefängnispfarrer war und heute stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins „Kirche im Gefängnis ist. „Wir hoffen, dass das, was wir tun, nachhaltig wirkt.“ Für ihren Beitrag zur Resozialisierung von Inhaftierten brauche die Gefängnisseelsorge sich nicht zu verstecken, bestätigt auch Kirche- im -Gefängnis - Vorstand Uwe Meyer-Odewald, der im Hauptberuf die Justizvollzugsanstalt des Offenen Vollzuges Berlin leitet.
Nicht einmal fünf Pfarrer betreuen 4300 Gefangene
Aber es ist nicht nur die (oft aussichtslose) Hoffnung auf Umkehr, die die Gefängnisseelsorger umtreibt, sondern die „ureigenste Botschaft des Evangeliums“, von der KiG-Schatzmeister Burkhard Kind spricht: „Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“, heißt es im Matthäus-Evangelium (Kapitel 25,30), so lakonisch wie eindrucksvoll. Der Beistand für die Gefangenen ist also ein biblisches Gebot, für das sich der Christ einzusetzen hat. Damit kann er am Sonntag mit einem Besuch des Benefizkonzertes anfangen. Mit den Spenden sollen weitere Seelsorgerinnen und Seelsorger beauftragt werden – heute stehen für die 4300 Gefangenen in Berlin nicht einmal fünf volle Planstellen zur Verfügung. Zu wenig für Seelsorge, Gottesdienst und kirchliches Leben – denn auch im Knast gibt es Konfirmation, Hochzeiten, sogar Taufen und Beerdigungen.
Vor allem die strikt vertraulichen Gespräche machen die Arbeit so wertvoll. Gewiss, oft steckt dahinter der Versuch, mit Hilfe des Geistlichen an Vergünstigungen zu kommen oder auch nur Tabak zu schnorren. Aber genauso oft ist dies der Anfang von Gesprächen, die im Knast einzigartig sind, weil sie dem Beichtgeheimnis unterworfen sind. Im Strafvollzug gelten unter den Insassen, die Gefängnisseelsorger als die einzigen Gesprächspartner, die nicht auf der feindlichen Seite stehen. Seelsorger wissen: Oft verändern Gespräche mit den Inhaftierten deren Selbstwahrnehmung und die Sicht auf die Welt, drinnen wie draußen. Auch dann, wenn am Anfang eigentlich nur die Schnorrerbitte um ein bisschen Tabak stand.
Kirche im Gefängnis e.V., Konto 6121200006,Weberbank in Berlin, BLZ 10120100, Spendenportal: www.kig-ev.de


