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29.02.2012
Von: Uli Schulte-Döinghaus

Die Kirche mit der Kneipe


Markus Stiller (von links nach rechts), Monique Rönick und Steffen Lochow im Auenkeller. Foto: Uli Schulte-Döinghaus

 

Sollte der künftige Bundespräsident in Berlin-Schöneberg wohnen bleiben, dann könnten ihn die Gottesdienstbesucher in der Auenkirche im Nachbarbezirk Wilmersdorf gelegentlich sehen. Denn Joachim Gauck war schon ab und zu hier. Er schätze die Auenkirche und ihre Gottesdienste, heißt es dort, besonders wegen der Musik.

"Wer die h-Moll-Messe von Bach kann, muss gut sein"

Mit dieser Wertschätzung ist Gauck nicht allein. Das kirchenmusikalische Angebot der Auenge-meinde – Kantorei, Bläserkreis, Orgelmusik – hat einen so guten Ruf, dass ihr Leiter, Jörg Strodthoff, den Ehrentitel Kirchenmusikdirektor verliehen bekam. Jeden zweiten Sonntag gibt es musikalisch umrahmte Gottesdienste, mit Bläserkreis, Kammerchor oder Kantorei. „Wer die h-Moll-Messe von Bach kann“, sagt Kantoreimitglied Dorothea Goldbeck so lakonisch wie selbstbewusst, „der muss gut sein“.
Aber auch sonst ist die Gemeinde der Auenkirche – die Auengemeinde – eine Versammlung von Gläubigen, die gut protestantisch Flagge zeigt. Zum Beispiel durch eine Reihe mit Gastpredigern, etwa Frank-Walter Steinmeier (SPD), Thomas de Maizière (CDU) oder Bodo Ramelow (Die Linke).
Für einen Überblick über das Gemeindeleben könnten wir die Gottesdienste besuchen oder in die Kneipe gehen. Kneipe?

Kohlenkeller wurde auf Vordermann gebracht

Unter der Sakristei ist nämlich der Auenkeller. Die Entstehungsgeschichte des Wirtskellers ist bemerkenswert. Vor knapp 13 Jahren ist der Keller fertiggestellt worden. Mehr als ein Jahr arbeiteten Gemeindemitglieder damals, um den Kohlenkeller der Kirche so auf Vordermann zu bringen, dass er heute ein gemütlicher Treffpunkt ist, wo sich die Gäste auf umgewidmeten Kirchenbänken niederlassen. Im Wechsel sorgt ein Dutzend ehrenamtlicher Gastronomen dafür, dass kein Durst aufkommt. Daran sind Freiwillige wie Sabine Sachse, Monique Rönick, Markus Stiller oder Steffen Lochow interessiert, weil die Erlöse aus dem Kneipenbetrieb sozialen Zwecken zugute kommen.
Eine Kirche allein auf den Kneipenbetrieb unter der Sakristei zu reduzieren, das wäre blasphemisch. Das  liturgische Geschehen entfaltet sich in einem neugotischen Gotteshaus, das knapp 115 Jahre alt ist und sich sowohl in das Straßenbild der Wilhelmsaue einpasst wie auch aus ihr mächtig herausragt. Im Inneren der Kirche fallen den neuen Besuchern zwei Dinge auf: zum einen ein heroisch-düsteres Kriegerdenkmal (1923) links vom Altar und zum anderen der zufällige Gottesdienstbesucher vorne halbrechts, der mal in hellblaues, mal in rotblau gestreiftes Licht getaucht wird – je nachdem, wie die Sonne durch die Glasmalerei bricht und wie er sich nach links oder rechts beugt, um der Predigt von Pfarrerin Katharina Plehn-Martins zu folgen.

Zur Taizé-Andacht kommen bis zu 120 Besucher

Regelmäßig leitet sie Taizé-Andachten in der Auenkirche, ein Angebot, das – mittwochs, mitten in der Woche! – teilweise 80 bis 120 Besucher in die Kirche lockt. Sie sind begeistert von der besonderen Spiritualität. Nicht weniger faszinierend sind die Gottesdienste, die mit „Bibel und Literatur“ überschrieben sind. Zuletzt nahm sich Pfarrer Christian Nottmeier Fontanes „Effi Briest“ vor und schloss passend mit:„Das ist ein weites Feld“. Amen.
Taizé, Literatur, Seminare, Vorträge aber auch die Meditationen, zu denen beispielsweise der dritte Pfarrer der Gemeinde, Andreas Reichardt, einlädt, deuten auf eine Gemeinde hin, die bildungsbürgerlich geprägt und so gut bei Kasse ist, dass es drei Pfarrstellen gibt. Wobei eine von der Gemeinde selbst finanziert wird. Pfarrer Nottmeier führt die Geschäfte der 7500-Seelen-Gemeinde. Befragt, wie er sie charakterisiert, antwortet er: „Volkskirchlich.“ Ähnlich knapp fällt die Beschreibung von Annette Hanff aus: „Vielfältig“, sagt sie. Annette Hanff muss es wissen – einerseits ist sie Mitglied im Gemeindekirchenrat und andererseits eine der Ehrenamtlichen, die Kindergottesdienste vorbereiten und betreuen.
Etwa 120 der bis zu 200 ehrenamtliche Gemeindeglieder sind an diesem Abend zusammenge-kommen, auch um über ihre Auengemeinde zu plaudern, die ohne freiwilliges Engagement auf tönernen Füßen stünde – sei es in Diakonie, Kirchenmusik, Kinder-, Senioren- und Jugendarbeit. Oder aber man trifft sich unten im Auenkeller, in dem  für einen guten Zweck gezapft, getrunken und bezahlt wird.

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