Umfassende Aufklärung

Bischof Markus Dröge

Von Bischof Markus Dröge

Das Thema sexualisierte Gewalt hat die Medienberichterstattung über die EKD-Synode in Würzburg bestimmt. Und tatsächlich war es das Thema, das die Synodalen am meisten bewegt hat. Eine Dreiviertelstunde hat Bischöfin Kerstin Fehrs aus Hamburg ihren Bericht vorgetragen, gefolgt von einer beeindruckend ernsthaften und offenen Diskussion.

„Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr.“ So Bischöfin Fehrs. Denn wie soll die Kirche ihren Auftrag wahrnehmen, Vertrauen zu Gott und den Menschen zu wecken, wenn sie nicht alles tut, um schutzlose Menschen, die sich vertrauensvoll in die Obhut der Kirche begeben, vor Missbrauch zu bewahren? Missbrauchsopfer werden oft tief verletzt und für das ganze Leben gezeichnet.

479 Fälle von Missbrauch seit 1945 sind bisher im Raum der EKD bekannt geworden, davon zwei Drittel bei Heimkindern. Anders als in der Untersuchung der katholischen Kirche ist diese Zahl nicht auf geistliche Amtsträger begrenzt. Sicher ist, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Denn erst seit das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird, beginnen Betroffene sich zu melden. In unserer EKBO sind uns zehn Fälle bekannt, wobei drei Täter Pfarrer waren, die anderen Küster, Erzieher und ein ehrenamtliches Gemeindekirchenratsmitglied. Allerdings konnten wir die Fälle bisher erst bis 1991 zurück­verfolgen. Die Unsicherheit der Zahlen macht deutlich: Eine umfassende Aufarbeitung steht noch aus.

Die EKD-Synode hat einen Elf-Punkte-Plan beschlossen: Darin werden unter anderem alle Landeskirchen aufgerufen, in ihrem Bereich die Missbrauchsfälle der Vergangenheit untersuchen zu lassen, eine Kommission zu gründen, die für Betroffene Unterstützungsleistungen anbietet, und eine Untersuchung in Auftrag zu geben, die die spezifischen Risikofaktoren in unseren Kirchenstrukturen analysiert. Neben den landeskirchlichen Ansprechstellen für Betroffene soll nun auch auf EKD-Ebene eine unabhängige Ansprechstelle geschaffen werden, die eine „Lotsenfunktion“ wahrnimmt, also Betroffene an zuständige Stellen weitervermittelt. Ferner soll schon in der Ausbildung aller Mitarbeitenden Sensibilität für das Problem sexualisierter Gewalt geweckt werden.

Besonders sensibel ist das Thema in der Seelsorge. Deshalb muss es schon in der Ausbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern besondere Beachtung finden. Aufarbeitung der Vergangenheit, Prävention für die Zukunft – das sind die Aufgaben, die wir gegenwärtig erfüllen müssen. Wir brauchen eine neue Kultur der Aufmerksamkeit.

Das Thema sexueller Missbrauch ist ein beschämendes und zutiefst trauriges Thema. Dass solche Taten auch im Bereich der Kirche geschehen, ist besonders erschütternd. Da dies aber leider so ist, müssen wir zumindest mit gutem Beispiel vorangehen, eine umfassende Aufklärung vergangener Missbrauchsfälle leisten und eine glaubwürdige Prävention etablieren. Nicht nur die Kirchen: Alle Institutionen, Vereine und Bildungseinrichtungen sind herausgefordert, Aufarbeitung und Prävention sehr ernst zu nehmen, damit eine Kultur der Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft möglichst umfassend und möglichst schnell zur Normalität wird.

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