70 Jahre Grundgesetz

Bischof Markus Dröge

Von Markus Dröge

In dieser Woche feiern wir einen runden Geburtstag: Unser Grundgesetz wird 70 Jahre alt! Was ursprünglich als Provisorium bis zur Wiedervereinigung Deutschlands gedacht war, ist heute eine der angesehensten Verfassungen weltweit. Dieses Ansehen genießt das Grundgesetz zu Recht. Es entstand vor dem Hintergrund des Schreckens der Nazizeit. Die Entwertung der Menschlichkeit, die dem Grauen von Holocaust und dem Zweitem Weltkrieg voranging, durfte sich nie wiederholen, da waren sich die Väter und die wenigen Mütter des Grundgesetzes einig. Und dieser Geist durchweht unsere Verfassung. Sie ist ein Meisterwerk und beginnt gleich im ersten Artikel mit einem der wichtigsten, klarsten und schönsten Sätze, der je geschrieben wurde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist die Grundlage von allem staatlichen und gesellschaftlichen Handeln. Der Mensch, nicht mehr der Staat oder gar „Nation“ oder „Volk“, steht von jetzt an im Mittelpunkt.

Doch bereits vorher, im „Präambel“ genannten Vorwort, wird der besondere Charakter ­dieses Grundgesetzes betont. Die ersten Worte lauten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen (…) hat sich das Deutsche Volk Kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Hier wird also nicht nur von den Menschen, sondern auch von Gott gesprochen.

Ist die Bundesrepublik damit ein christlicher Staat? Nein. Aber sie nimmt Bezug auf Voraus-setzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Das Menschenbild der Verfassung ist mit dem christlichen Menschenbild, das in jedem Menschen ein Abbild Gottes erkennt, gut vereinbar. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ „Mann und Frau sind gleichberechtigt.“ „Die ­Todesstrafe ist abgeschafft.“ Diese klaren Sätze entsprachen vor 70 Jahren in keiner Weise der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung. Sie entsprechen aber der Würde des Menschen, die in seiner Gottebenbildlichkeit begründet ist. Sie wurden aus Überzeugung, nicht als Abbild der Mehrheitsmeinung formuliert.

Christinnen und Christen steht es gut an, Verfassungspatrioten zu sein
Ich bin glücklich, dass wir in der Bundes­republik diese Verfassung haben. Und dass ihre Werte inzwischen selbstverständlich von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt werden. Als Christ bin ich mehr den Werten der Menschlichkeit verpflichtet, als nur einem Volk, einer Sprache, einer Kultur.

Das Grundgesetz dachte schon 1949 ein vereinigtes Europa und damit die Überwindung der nationalen Grenzen voraus. Es steht uns als Christen gut an, Verfassungspatrioten zu sein. Darunter verstehe ich Bürgerinnen und Bürger, die sich mit den Grundwerten der Verfassung identifizieren und sich aktiv in das politische ­Geschehen unseres Landes einbringen.

 

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